Michael Schultz Daily News Nr.517

Berlin, den 17. September 2013

Liebe Freunde,

heute also beginnt in Berlin die 2. Auflage der sogenannten 'Berlin Art Week'. Was es damit  auf sich hat, ist nicht so einfach in Erfahrung zu bringen; ein unübersichtliches und verwirrendes Durcheinander von Terminen und Spielorten wird angeboten. Das Programm erweckt, zumindest bei den Ansässigen, wenig Interesse die Strapazen mehrerer Stadtrundfahrten auf sich zu nehmen. Die Berliner gehen ihre gewohnten Wege, sie besuchen Orte, die ihnen bekannt sind, und so bleibt Vieles unbeachtet. Für die auswärtigen VIPs der 'art berlin contemporary' ('abc')  stehen vermutlich wieder Shuttles zur Verfügung; diese kutschieren das auserwählte Publikum vom Hotel zur Messe und wieder zurück. In der Stadt wird man das Gefühl nicht los, dass der ganze Aufwand nur für Wenige initiiert wird, und so ganz unrichtig ist die Mutmaßung ja auch nicht.

Die 'Berlin Art Week' gilt als Konzession und Ersatz für das ohne Not aufgegebene 'Art Forum Berlin'. Dieses hatte sich in den Jahren zwischen 1996 und 2010 im internationalen Messezirkus einen festen Platz erobert, und galt zeitweise als die Nummer 1 unter den deutschen Kunstmessen. Einzig Eitelkeiten waren der Grund warum dieses erfolgreiche Format aufgegeben wurde, und weil es dem Berliner Senat seinerzeit nicht gelang, die Fronten zu glätten, wurde die Kunstwoche erfunden.

Und genauso sieht sie aus. Ein zusammengewürfeltes Sammelsurium soll nun den verlorenen Hype wiederherstellen. Doch ein Auszug aus dem Veranstaltungsprogramm verheißt wenig Aufregendes: eröffnet wird der Kunstreigen heute Abend mit einem Straßenfest auf der Auguststraße. Dort bieten Anwohner und Gewerbetreibende Speisen und Getränke an; dazu gibt es Musik und Performances (ab 19 Uhr). Von morgen an beteiligen sich an der Veranstaltungsreihe 2 Kunstmessen ('Preview Berlin' und 'abc'), 11 Institutionen und 22 Ausstellungen; so jedenfalls berichtet die Presse darüber. Die Veranstalter selbst sind etwas bescheidener  und werben mit '21 mal Kunst. 6 Tage. 1 Ticket'. Beim Blick in den Kalender spätestens verliert man die Übersicht. Weitere Informationen unter: www.berlinartweek.de

Wie dem auch sei, grundsätzlich sind solche Initiativen wünschenswert. Wenn aber innerhalb des Programms Teilnahmebarrieren zwischen 'oben' und 'unten' sichtbar sind, dann hat es keinen Sinn. Alleine 'nur' weil sie in Berlin beheimatet sind, ist für viele ansässige Galerien  der Zugang zur 'abc' verwehrt. Dort kocht eine kleine Gruppe in der Stadt ansässiger Kollegen ihr eigenes Süppchen, und weil das alles so exklusiv ist und man gerne unter sich bleibt, gibt es auch kaum Besucher. Auf diese  ist man auch wirklich nicht scharf; so garantiert man den Auserwählten einen stets freien Blick zum Kunstwerk.  Ein ungewöhnliches Messekonzept, bei dem nicht nur Aussteller sondern auch Besucher unerwünscht sind. 

Das Beste was in diesen Tagen in Berlin geschieht, wird von privater Hand organisiert: heute eröffnet die Sammlung Olbricht eine Thomas Schütte-Ausstellung,  und ab Freitag zeigt die Fotogalerie 'c/o Berlin' in 'OSTKREUZ. Westwärts' Dokumentarisches zum Berliner Westen. Von den Obdachlosen am Bahnhof Zoo bis zu den reichen Russen in 'Charlottengrad',  wird gezeigt was der neu angesagte Bezirk zu bieten hat. Zusammengetragen wurde die Ausstellung von den in der Agentur Ostkreuz zusammengeschlossenen Fotografen. 

Für die Außenwirkung Berlins als Stadt der Kunst und Künstler bringt der Veranstaltungsreigen recht wenig. Die Wege sind zu weit und nicht wenige Termine überschneiden sich. Eine konzentrierte Messeaktion, in der jedermann willkommen ist, fehlt. Daran sollten die Verantwortlichen arbeiten. Nur so richtet sich der Fokus auf Berlin, das, wenn es so weiter geht, bald nur noch arm und nicht mehr sexy ist.  In Istanbul ist man in diesem Punkt schon viel weiter; dort wird gebündelt und der Fokus konzentriert auf das Kunstgeschehen gerichtet.

 
Konzentrierter als in Berlin bündeln die Türken die Aufmerksamkeit auf das Kunstgeschehen. In Istanbul gibt es derzeit neben der Biennale eine gut aufgestellte Kunstmesse. Kurze Wege und eine optimale Übersicht garantieren den schnellen Blick. Dieser Schnappschuß wurde auf der Biennale gemacht; ein vielsagendes Foto vom türkischen Künstler Sener Özmen.

Eine 'Art Week' an der die Galerien offiziell nicht beteiligt sind, geht schon mal gar nicht. Aber das hat anscheinend noch niemand begriffen. Mit dem Ausschluss der 'Artscouts' am offiziellen Programm soll wohl das Frühjahrs-'Gallery Weekend' der 'abc'-Macher geschützt werden. In Köln, wo bekanntermaßen der Klüngel zu Hause ist, wäre so was unmöglich.  Trotz allen Unbills sind wir gespannt, was uns diese Woche erwartet. Wir tun unser Bestes und laden am Freitag zu einem 'Arttalk' mit Römer + Römer ein (Beginn um 19 Uhr). Für heute erst mal verabschiede ich mich wie immer mit den besten Grüßen.

 

Michael