Michael Schultz Daily News Nr.510

Baku, den 6. September 2013

Liebe Freunde,

die Situation für die lebenden Künstler Aserbaidschans ist nicht vergleichbar mit denen in der westlichen Welt. In ihrer Gesellschaft ist die zeitgenössische Kunst noch nicht wirklich angekommen; entsprechend mager ist das Geschäft. Viele von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten für die öffentliche Hand, doch nach und nach und immer mehr, interessieren sich auch die großen Konzerne für aktuelle Kunst. In der viereinhalb Millionen Stadt Baku gibt es derzeit 8 Galerien die von privater Hand geführt werden, unter ihnen 'Gazelli Art House'  die mit ihrer Londoner Dependance die international wohl bekannteste ist. In ihrem aserbaidschanischen Schaufenster wird ausschließlich westliche Kunst gezeigt, und London ist der Schauplatz für die Kunst aus der Heimat. Interesse an westlicher Kunst gibt es; doch zum Überleben reicht es noch nicht. Aber, man ist zuversichtlich, dass zukünftig auch Geschäfte damit gemacht werden.

Dazu beitragen wird mit Sicherheit das vor kurzem eröffnete 'Heydar Aliyev Center'. Ein futuristischer Museumspalast, der in Form einer Riesenwelle von Zaha Hadid gefühlvoll ins Stadtbild gezeichnet wurde. Kuratiert von Gianni Mercuriano und unter dem Titel 'Life, Death and Beauty' wird augenblicklich eine kleine, aber umso feinere Andy Warhol-Ausstellung gezeigt. Seine Kunst dient als Sinnbild für den Aufbruch in eine neue Welt; für die Menschen in Aserbaidschan kommt sie zur rechten Zeit, sie könnte der Link  zum Verständnis für westliche Kunst sein. 


Inspiriert aus der Geschichte und gebaut für die Zukunft: das 'Heydar Aliev Center' gehört zu den eindrucksvollsten Bauwerken der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.

 

 

 

 

Das drei Jahre ältere 'Museum of Modern Art' beschäftigt sich ausschließlich mit aktueller aserbaidschanischer Kunst. In überbordender Hängung wird dort gezeigt, was das Land zu bieten hat. Die ethnische Zerrissenheit des Volkes ist auch das zentrale Thema in der Kunst. Die meist großformatigen 'Flickenteppiche' führen zusammen, was die Geschichte einst trennte; informelle Elemente und skripturale Wortfetzen sind die Bindeglieder einer zwar ansehnlichen aber schwer verständlichen Farbfeldmalerei. Vom einst übermächtigen sowjetischen Bruder und dessen realistischer Ideologie ist kaum was geblieben. Die ältere Generation orientiert sich an der Figuration von Pablo Picasso; bei den Bildhauern scheint Lynn Chadwik der große Ideengeber gewesen zu sein.

Viele Bemühungen im Land sind darauf gerichtet, für die Zeit vorzusorgen, in denen die Öl- und Gasquellen versiegt sind. Der klassische Tourismus ist dabei ein großes Zukunftsthema; aber auch dem sogenannten Kulturtourismus wird viel Bedeutung zugemessen. Um auch später in der Region am Kaspischen Meer die bedeutende Rolle spielen zu können, sind eine ganze Reihe weiterer Museumsneubauten geplant. Dort sollen die unterschiedlichsten Facetten aserbaidschanischer Kultur erforscht, gepflegt und gezeigt werden. An den Vorgaben der Golfstaaten wird man sich messen müssen.

Vieles von dem, was ich während meines kurzen, aber intensiven Besuchs hier erlebt habe konnte ich nicht zu Papier bringen. Dafür reicht dann doch die Zeit nicht. Bescheiden will ich letztlich die mit Kräutern beseelte Landesküche erwähnen, für die ich mir eine kleine Auszeit aus meinem Gesundheitsprogramm gegönnt habe. Alles andere wäre Frevel gewesen, und es hat sich gelohnt.

Ab heute beginnt bei uns allerorts der heiße Kunstherbst. Im Rheinland, zwischen Düsseldorf und Köln, eröffnen Galerien und Museen mit ausgewählten Ausstellungen. Mit dabei ist Andy Denzler, dem der Kölner 'Projektraum Knut Oper' eine Einzelausstellung widmet. (heute um 19 Uhr, Große Brinkgasse 17-19, 50672 Köln). Aber auch andernorts passiert recht viel: die Galerie Winter in Wiesbaden zeigt ab morgen eine Soloschau mit neuen Arbeiten von Helge Leiberg. Bei uns beginnt der herbstliche Reigen mit den Ausstellungen von (erstmals) Udo Nöger und den Karnevalimpressionen von Torsten und Nina Römer. Zu den Eröffnungen die morgen um 19 Uhr beginnen, laden wir recht herzlich ein.

Eine spannende Woche neigt sich zum Ende. Vieles ist passiert, was erst in der Zukunft zu sehen sein wird. Jetzt freue ich mich auf morgen und verbleibe wie immer mit den besten Grüßen.

Michael