Michael Schultz Daily News Nr.509

Baku, den 5. September 2013

Liebe Freunde,

auf Erkundungstouren zu fremden Kulturen aufzubrechen war schon immer meine Leidenschaft. Früher wurde dies als 'Fernweh'  diagnostiziert;  es war aber stets  nur reine Neugier, die mich um die Welt getrieben hat. Gut die Hälfte von ihr habe ich bereits gesehen; vieles habe ich noch vor. Die jetzige Reise gehört zu den interessanteren, weil mir hier in Aserbaidschan Dinge begegnen, die ich zuvor so noch nicht kannte. In erster Linie sind dies die Menschen, die in ihrer respektvollen Zurückhaltung und ihrer aufrichtigen Höflichkeit einen  ausgesprochen einnehmenden Charme besitzen. Auch wenn das Land geografisch zu Europa gehört und dessen südöstlichen Zipfel bildet, ist der Menschenschlag überhaupt nicht europäisch; es sind aber auch keine Araber oder Asiaten. Es ist eine ausgewogene Mischung von allem. Ethnologisch gehören die Aserbaidschaner zu den sogenannten Turkvölkern (Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Türken und Uigurien) und haben ihren altaischen Ursprung in Zentralasien. Interessanterweise findet man in der Historie auch verwandtschaftliche Bande zu den Völkern in Korea und in Japan. 

Aus diesem ethnologischen Mix ist ein Land entstanden, das es so noch gar nicht lange gibt. Bis 1918 war Aserbaidschan Mitglied und  Teil des persischen Reiches, wurde dann von den Sowjets einverleibt und besitzt erst seit 1991 seine Unabhängigkeit. Der russische Einfluss ist sichtbar und auch noch ein wenig spürbar, doch das Land ist dabei sich zu formen, und es wird alles getan, um den Zusammenhalt langfristig zu sichern. Im Oktober dieses Jahres wird ein neues Parlament gewählt. Signifikant für den Umgang miteinander ist die Äußerung des Herausforderers zum Amtsinhaber, indem er diesen einen kompetenten Präsidenten nennt. Zum Kandidaten der Opposition wurde der im Westen populäre Drehbuchautor und Oscar-Preisträger Rustam Ibragimbekov gekürt, der in einem 'Spiegel'-Interview seine offenkundige Sympathie für den Amtsinhaber bekundete. Doch letztlich geht es um die Verteilung der unermesslichen Reichtümer an Öl und Gas, und  um an diese Töpfe  zu kommen, betreibt die Opposition, was soll sie auch anderes tun, ein Verwirrspiel mit Halb- und Unwahrheiten. Man spricht von der Unterdrückung des Volkes und verletzt damit das Prinzip aserbaidschanischer Grundumgangsformen, die da besagen nur mit der Wahrheit den Gegner zu attackieren. Umgekehrt wird dem Oppositionsführer  eine heimliche Sympathie für die Armenier nachgesagt, was im noch ungeklärten Bergkarabach-Konflikt schwer zu vermitteln ist. Auch gibt es eine offene Zuneigung zu Russlands Putin; ein No-Go für den überwiegenden Teil der Bevölkerung. 

Wegen des enormen Reichtums wachsen die Begehrlichkeiten - innerhalb und außerhalb. Der Staat sichert seinen Status, indem er mit Argusaugen auf Umstürzler und äußere  Feinde achtet. Weil sie den gesellschaftlichen Umsturz proklamieren, wurde unlängst eine Gruppe oppositioneller Journalisten in Gewahrsam genommen. Das Land ist noch nicht dort angekommen, wo es hin will, deshalb werden Mittel und Möglichkeiten zur intellektuellen Auseinandersetzung zur Definition eines aserbaidschanischen Weges noch nicht in Gänze ausgeschöpft. Für die Behauptung der Opposition, dass das Volk unterdrückt werde, finden sich keinerlei Belege. Man will an die Töpfe und dazu benötigt man die Stimmen der Wähler, und um diese zu bekommen, geht es mit der Wahrheit auch hier nicht anders zu als sonstwo auf der Welt.

In Aserbaidschan leben etwas mehr als 9 Millionen Menschen; die Hälfte davon in Baku. Das Land ist nicht grösser als Bayern und in ihm findet man 9 von weltweit 11 bekannten Klimazonen. Von der Sandwüste am Kaspischen Meer bis zum ewigen Eis in den Bergen des Kaukasus durchzieht der Landstrich recht unterschiedliche Facetten klimatischer Begebenheiten.  Womöglich ist dies mit ein Grund, warum die Geschichte zur Entstehung der Menschheit hier beginnt. Adam ist im Übrigen in der Sprache Aserbaidschans das Wort für Mensch.

Zum festen kulturellen Bestandteil der Turkvölker gehört der Besuch des Hamam. Für mich war dies gestern eine Premiere und ein Erlebnis sondergleichen. Um es vorweg zu nehmen: mit dem in unserer Badekultur bekannten türkischen Dampfband hat das recht wenig zu tun. Der ganze Ablauf wird als Zeremonie zelebriert und dient der symbolischen und tatsächlichen Reinigung von Körper und Geist. Es beginnt mit dem Rauchen einer mit Milch gefüllten Wasserpfeife und endet mit einem aus Thymianblättern gebrauten Tee. Dazwischen wird man schwitzend im Dampfbad mit Lorbeerzweigen massiert; es folgt ein wohltuendes Abtauchen im Kühlbecken, und nach diesem wird die Haut mit einem Handschuh aus Ziegenhaar gereinigt. Hierauf wird der Körper mit einem speziellen Honigöl massiert, und vor der endgültigen Waschung werden Fuß- und Fingernägel gestutzt. Wie lange das ganze dauert, vermag ich nicht zu beschreiben - man taucht ein in die eigene Seele und wenn man wieder zu sich kommt, ist man ein anderer Mensch. So zumindest habe ich das erlebt. 

Meine Museums- und Galerienbesuche werden heute fortgesetzt; eine Zusammenfassung darüber wird es dann morgen geben.  Bevor ich jedoch zum Schluss komme, möchte ich noch auf eine ungewöhnliche Radiosendung aufmerksam machen: Römer + Römer sind heute Abend zu Gast bei 'Radio Arty' bei Flux.fm. Ab 19 Uhr ist die Sendung unter folgendem Link zu hören:

http://www.fluxfm.de/radioarty/ 

Hier noch schnell die neuesten Wahlumfragen: CDU 40%, SPD 24%, GRÜNE 11%, LINKE 9%, FDP 5%, AFD 4% (!) und die PIRATEN 3%. Im Duell gegen die Kanzlerin konnte Steinbrück anscheinend Boden gut machen. Es bleibt also spannend.

Morgen geht es weiter und bis dahin sende ich die besten Grüße.

Michael