Michael Schultz Daily News Nr.508

Baku, den 4. September 2013

Liebe Freunde,

erst in jüngster Vergangenheit ist Aserbaidschan in den Fokus unserer Aufmerksamkeit getreten. Viel dazu beigetragen hat der 'Eurovision Song Contest', der im Jahre 2012 in Baku am Kaspischen Meer ausgetragen wurde.  Im Jahr zuvor kamen die Gewinner aus Aserbaidschan; mit ihrem Song 'Running Scared' überzeugte das Duo Ell & Nikki  die europäische Popjury. Der frühere bundesdeutsche Nationaltrainer Berti Vogts ist seit einiger Zeit der Coach der Aserbaidschaner; die Mannschaft wohnt zurzeit im selben Hotel wie ich. Heute früh bin ich ihm und seiner Truppe begegnet; sie bereiten sich auf das an diesem Samstag stattfindende Match gegen die Israelis vor. Vieles über das Land ist noch nicht bei uns angekommen; man sieht, wenn man an Aserbaidschan denkt, die vielen Gas- und Ölfördertürme, deren ewig sprudelnde Ölquellen enormen Reichtum vermitteln.

Die eigentliche Geschichte des aserbaidschanischen Volkes reicht bis in die Zeit um 5000 v. Chr. zurück. Vieles davon ist mit der Historie Persiens verästelt, und so beginnt die wissenschaftliche Aufmerksamkeit erst mit der Beschäftigung der Lehre Zarathustras um 1.700 v. Chr. Der große Denker mit aserbaidschanischen Wurzeln, dessen Lehre sich nicht wie die der Jüdisch-Christlichen Religionen auf die Offenbarung und einen Gott bezieht, bekannte sich stets zu seinem Denken und seinem Handeln und schuf daraus ein Weltbild.  Seine Leitgedanken - gut denken; gut reden; gut handeln - bestimmen das Miteinander in Aserbaidschan und sind im gemäßigten, vornehmlich schiitischen Islam fest verankert. Der auf philosophischer Grundlage basierende Monotheismus beseelt noch heute die Gesellschaft. 

Die jüngere Geschichte des Landes ist geprägt von teils territorialen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn; im Besonderen mit dem Iran und Armenien. Der Süden des Landes ist Teil des Iran und wird auch dort Aserbaidschan genannt. Langfristig denkt man an eine friedliche Lösung zur Wiedervereinigung. Was viel dringlicher die Menschen beschäftigt, ist eine Lösung zum Konflikt um Bergkarabach. Hier geht es in erster Linie nicht um die kleine Republik im Kaukasus; im Besonderen geht es um eine annektierte 'Schutzzone', aus der über 1 Millionen Aserbaidschaner vertrieben wurden. Diese völkerrechtlich getadelte Landnahme wird von den Armeniern unterstützt und betrieben.  Dadurch ist der in der Geschichte der beiden Völker lang anhaltende Konflikt wieder aufgebrochen. Im Jahre 2000 wurde von beiden Staaten eine friedliche Lösung vereinbart. Wegen des Festhaltens auf den jeweiligen Positionen allerdings ist noch nichts Entscheidendes geschehen.  

Im Oktober 1991 wurde Aserbaidschan aus dem damaligen Staatenbund der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassen. Damit begann die Aufarbeitung der Annexion, aber auch das Heranreifen einer vom Volk gewollten und mit den Grundsätzen der monotheistischen Philosophie Zarathustras geprägten Demokratie. Man ist noch nicht am Ziel angekommen, aber auf einem guten Weg dahin. Der in der Gesellschaft fest verankerte Säkularismus, die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche, wird einiges dazu beitragen, dass der politische Wandel bald vollzogen ist.

Rein geografisch gesehen liegt der Garten Eden in Aserbaidschan; wenn auch in der vom Iran besetzten südlichen Hälfte. Doch diese Tatsache ist unbestritten. Warum sich der Schöpfer unserer Galaxien diese Gegend zum Mustergarten seiner Ideologie auswählte, wurde durch eine erste Bekanntschaft mit den kulinarischen Raffinessen unterstrichen. Besonders schmackhaft ist das Erfrischungsgetränk  'Schärbät', gemixt aus frischer Milch, Zitrone, Minze, Basilikum und weiteren Zutaten.  Ein wahrlich paradiesisches Getränk.

Politisch orientiert sich das Land am Westen, und pflegt aber auch ganz besondere Kontakte zu Israel. Das macht es in dieser aufgewühlten Gegend nicht wirklich einfach. Trotz der noch nicht ausreichend bewältigten eigenen Konflikte kümmert man sich nachhaltig um diplomatische Verhandlungen, die zur Lösung einer friedlichen Koexistenz mit den Nachbarvölkern führen. 

Mit dem Besuch einiger Museen und Galerien beginnt die eigentliche Reise heute. Von meinen Eindrücken und von den Bekanntschaften berichte ich morgen.  Bevor ich mich für heute verabschiede, möchte ich noch auf ein in russischer Sprache geführtes Interview mit Nina Römer hinweisen: heute Abend zwischen 21 und 22 Uhr sendet 'Funkhaus Europa' ihre Gedanken zu den ab Samstag bei uns zu sehenden Bildern. Hier der Link zum Live Stream:

http://www.wdr.de/wdrlive/wdrplayer/fheplayer.html

Viel Spaß beim Zuhören. Beste Grüße und bis morgen.

Michael