Michael Schultz Daily News Nr.505

Berlin, den 30. August 2013

Liebe Freunde,

der groß angelegte Militärschlag auf Syrien wird immer unwahrscheinlicher. Das britische Parlament hat dem Kriegstreiber David Cameron eine schwere Schlappe verpasst; in einer Proforma-Abstimmung, mit der er sich die Zustimmung zum kriegerischen Einsatz abholen wollte, stimmten 285 Parlamentarier dagegen und 272 dafür. Eine denkbar knappe, aber moralisch bindende Entscheidung. Jetzt hofft er auf eine UN-Resolution, um doch noch in den Krieg ziehen zu können. Den Amerikanern rennen die Verbündeten davon, und deshalb erwägt man im Pentagon einen US-Alleingang. Angela Merkel hält sich jetzt ganz bedeckt; das Einzige, was sie wirklich gut kann. Die Mehrheit ihres Volkes (62%) lehnt eine Beteiligung der Bundeswehr ab. Wie sie sich entscheidet, und ob sie sich mit Obama zusammentut, bleibt offen. Diese Geheimnistuerei erinnert stark an den Umgang mit der NSA-Abhöraffäre. Für die Regierung ist sie ausgestanden - für die Menschen noch lange nicht. Spätestens hier stellt sich die Frage: warum sollen wir dem Staat vertrauen, wenn dieser seinen Bürgern nicht traut?  

Anlässlich vieler offener Fragen und der Unsicherheit im Syrienkonflikt schlägt die Stimmung im Land allmählich um: die CDU verliert einen Punkt auf 41%, die SPD gewinnt 2% und steht jetzt bei 26%, die FDP verharrt bei 5%, die Grünen und die Linken verlieren jeweils ein Prozent. 62% der Deutschen wollen keine Kriegsbeteiligung der Bundeswehr. Daran sollten sich Regierung und Parlament orientieren. In diesem Zusammenhang sollte auch laut und repressionsfrei darüber nachgedacht werden dürfen, ob die durch die amerikanischen Waffen getöteten Menschen die besseren Toten sind. 

52,6 Milliarden Dollar wurden seit dem 11. September 2001 in das Abhörsystem der amerikanischen Geheimdienste investiert. Vernünftig eingesetzt hätte man mit diesem Geld womöglich den gesamten Nahen Osten befrieden können. Gegen den Strich der Waffen-Lobbyisten, vorneweg Bush Senior, ist das zwar kaum möglich, aber alleine schon der Gedanke daran hätte sicherlich einiges verhindert.

Das Steuersystem in unserem Land ist so ungerecht und wirr wie nirgendwo. Da gab es mal den berühmten 'Professor' aus Heidelberg (Paul Kirchhoff), der die Steuer reformieren wollte. Aber auch der CDU-Politiker Friedrich Merz hatte mal die Idee, die Steuererklärung so zu vereinfachen, dass sie auf einen Bierdeckel passt. Beide sind in die Vergessenheit entschwunden; das Chaos geht weiter. Die Umsatzsteuersätze für Kulturschaffende sind so unterschiedlich, dass sogar mitunter die Finanzämter nicht mehr durchblicken. Für die bildende Kunst wird noch ein Mehrwertsteuersatz in Höhe von 7% erhoben; davon ausgeschlossen sind z.B. die Fotografie und der Siebdruck, dafür wird der volle Satz von 19% fällig. Keine Umsatzsteuer bezahlen müssen die Bühnenschauspieler, Choreographen und Regisseure. Das ist gesetzlich geregelt, und dennoch entscheiden einzelne Finanzämter gegen diese Vorschrift. Wenn die benachteiligten damit nicht einverstanden sind, droht der Prüfer mit der Aberkennung von geltend gemachten aufwand, und spielt so seine Macht aus. Nicht wenige gehen dabei in die Knie und ertragen das Unrecht. 

Kunstschaffenden, schrieb Helmut Mauro gestern zu diesem Thema in der  'Süddeutschen Zeitung' muss ein 'besonderer Schutz'  erteilt werden. 'Ohne die absurd weltfremde Selbstausbeutung (...) wären die meisten selbsstaendigen Existenzen in diesem Bereich nicht denkbar.'  In diesem Plädoyer für gerechtere und einheitliche Besteuerung der Künstler kommt er zu dem Schluss, dass es sich bei der betroffenen Bevölkerungsgruppe um 'hochqualifizierte, überdurchschnittlich leistungs- aber auch leidensfähige Kunsthandwerker, Künstler und Akademiker handelt, deren Idealismus wir früher bewunderten, später bestaunten und heute verlachen. Der Aufstieg des Künstlers vom fahrenden Gesellen (....) in die soziale Oberliga ist eine große Erfolgsgeschichte. Derzeit dreht sie sich unnötigerweise - es geht um wenig Geld - wieder rückwärts.' Hier Gerechtigkeit zu schaffen, wäre ein gutes Wahlkampfthema für die Steuerspezialisten der FDP; mit dem Soli allerdings haben sie Größeres vor. 

'Geh auf Magenta', der Roman von Stephan Kaluza wurde mit der ersten Besprechung bedient. In der 'WAZ' gab das rheinische 'Multitalent' dazu ein Interview; dieses wird in Gänze ab heute Nachmittag im Newsticker auf unserer Webseite zu lesen sein. Was gar nicht geht ist die Aussage, dass im Vergleich zu Düsseldorf in der Berliner Galerienszene viele 'Möchtegerne' unterwegs sind. Das sehen wir hier natürlich ganz anders. Vielleicht steht der Freak mittlerweile auf Burberry und Prada; unter diesem Gesichtspunkt bietet Düsseldorf wahrlich mehr.

Heute Abend zwischen 18 und 19 Uhr sendet das Onlineradio 'multicult.fm' einen Bericht über die kommende Ausstellung von Römer + Römer bei uns (Sambódromo, Eröffnung 7.9. von 19 bis 21 Uhr). Link zur Sendung: http://www.multicult.fm/programm/sendungen/la-reglafonica/

Unter dem vielsagenden Ausstellungstitel 'Mitternachtsschwester', entnommen aus einem aktuellen Werk, wird am kommenden Sonntag im KunstHaus Potsdam eine umfassende Werkschau von Cornelia Schleime  ('Ich kann mich nur aushalten, wenn ich male, sonst bin ich unerträglich') eröffnet. Kuratiert ist das Ganze von Christiane Bühling-Schultz, und die feierliche Eröffnung beginnt um 17 Uhr. (Ulanenweg 9, 14469 Potsdam, bis zum 13. Oktober). Im Vorfeld der Ausstellung  berichtet die 'Mitteldeutsche Zeitung' darüber. Zu finden ist dieser Artikel ebenfalls im Newsticker auf unserer Webseite.

Über Vieles wurde in dieser Woche berichtet und informiert. Was nicht im Newsletter stand hier in Kurzform:

  • Unsere 'Dauerpraktikantin' Ricarda Brosch ist mit Hilfe eines Stipendiums zu einem einjährigen Studienaufenthalt nach Beijing aufgebrochen.
  • Yusob Kim verweilt noch bis Sonntag in Berlin; die gespendete Jubiläumstorte zur 500sten Ausgabe der Daily News wurde im Hause Sebastian/Kleinmachnow und in seiner Anwesenheit verspeist.
  • In den Bildhauerwerkstätten gab es einen aufschlussreichen Kurzbesuch bei MK Kaehne und Jean Yves Kein.
  • Die Berliner Philharmoniker überzeugten zum Saisonauftakt mit drei Mozartsymphonien.
  • Franck Ribéry wird (trotz laufenden Verfahrens wegen bezahltem Sex mit einer Minderjährigen) heute zu 'Europas Fußballer des Jahres' ausgezeichnet.
  • Bei der Auslosung zur Gruppenphase der Champions League haben die Schalker das beste los bekommen.

Morgen bitte nicht vergessen: zwischen 11 und 13 Uhr gibt es Frühstück mit Rebecca Raue.

Schönes Wochenende.