Michael Schultz Daily News Nr.496

Singapur, den 19. August 2013

Liebe Freunde,

auf dem Weg nach Hause wird noch mal Halt in Singapur gemacht. Dieser Stop ist wegen der komplizierten Flugverbindungen notwendig; ohne ihn würde der Zwischenaufenthalt  auf dem Flughafen rund 12 Stunden dauern, und das ist selbst für einen eingefleischten Vielflieger wie mich zu viel. Also nutze ich die Zeit, um noch einen Geschäftstermin wahrzunehmen, und um auch endlich einmal in dem vielgepriesenen 'Marina Bay Sands' Hotel abzusteigen. Dem Hotel mit den 3 Türmen, die auf dem Dach mit einem Swimming Pool verbunden sind. Alles sehr beeindruckend - ich tu's aber nur um meine Höhenangst anzugehen.

Der Blick aus dem 57. Stock ist überwältigend, und die Sicht reicht bis in den malaysischen Urwald. In diesem Haus zu wohnen ist schon ein Erlebnis; aber nur wegen der Höhe. Ansonsten ist es ein wenig vergleichbar mit dem New Yorker 'Central Station'; überall wuseln Menschen durch die Gegend, die den Weg nach Hause suchen. Ingesamt hat das Haus 2561 Zimmer und ist in der Regel ausgebucht. Für jeden europäischen Hotelbetreiber ist dies ein Traum. Die Gäste kommen überwiegend aus Japan, Korea und China -  und man erkennt sie an ihren prall gefüllten Frühstückstellern: Fisch, Kuchen, Obst und Gemüse - alles auf einer Platte. Hauptsache es schmeckt.  

Ingesamt sind die Hoteltürme 191 Meter hoch und beherbergen einen 340 Meter langen Dachgarten, auf dem sich auch der berühmte Pool befindet. Die Anlage, zu der u.a. ein Casino, ein Museum, zwei Theater, ein Kongresszentrum und Einkaufszentrum gehören, wurde vom Architekten und Harvard-Professor Mosche Safdie entworfen, und hat mehr als 4 Mrd. Euro gekostet.  Um eine ausgewogene und harmonische Optimierung für die in den Gebäuden lebenden Gäste  sicherzustellen, ist in die Planung der Rat von diversen Feng-Shui-Meistern eingeflossen. Vielleicht ist dies der Grund, dass die enorme Höhe problemlos zu ertragen ist. Goethe übrigens hat seine Höhenangst mit dem Erklimmen des Straßburger Münsters zu bekämpfen versucht. Ob es ihm gelang, ist allerdings nicht bekannt geworden.  

Kurz vor Mitternacht reise ich hier ab. Mit dem Blick in die Nachrichtenportale bereite ich mich auf meine Rückkehr vor. Der Wahlkampf scheint ja nun doch ein wenig in Fahrt zu kommen. Besonders die Menschenfänger zeigen Aktivität. Der bayerische Ministerpräsident, der ja gleich zwei Wahlen zu überstehen hat, tut das was er am besten kann; er fordert Maximales, auch wenn es nicht umsetzbar ist. Ohne eine verbindliche Vereinbarung einer Pkw-Maut, die vornehmlich ausländische Autobahnnutzer zur Kasse bitten soll, werde er weder eine Koalitions- noch eine Regierungsvereinbarung unterschreiben. Das ist reiner Populismus - sichert ihm aber die Schlagzeilen. Diese Maximalforderung ist nicht umsetzbar, weil sie ganz einfach gegen auch bei uns geltendes europäisches Recht verstößt. Aber das ficht ihn nicht und bestätigt wieder einmal seine Klasse als Wahlkämpfer. Seehofer verhält sich mitunter wie ein Altsponti.  Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern eben auch berechenbar. Nach dem Motto: 'wir wollen alles - und das sofort' richtet der geübte Populist seine Politik während der Wahlzeit nach dem Munde der Wähler und sichert so sein politisches Überleben. 

Aber auch der Dampfplauderer der FDP, Rainer Brüderle, ist ein erfahrener Wahlkämpfer und weiß, was er dem Volk versprechen muss: Abgaben und Steuern runter - das bringt immer Zuspruch. Und weil die FDP fürs Überleben davon gar nicht soviel braucht, reicht die schlagzeilenträchtige Forderung nach der Abschaffung des Solidaritätszuschlags, der 5,5% der Einkommens- bzw. Körperschaftssteuer beträgt. Bis 2019, so seine Idee, soll diese zusätzliche Belastung vom Tisch. Dass bis dahin noch mal gewählt werden wird und die Karten neu gemischt werden, scheint ihn nicht zu stören. Es geht ihm ums Jetzt und um den Fortbestand der Regierungskoalition. Die FDP könnte viel besser punkten, wenn sie z.B. die Trennung zwischen Kirche und Staat vorantreiben würde. Auch das würde viele Einkommenspflichtige deutlich entlasten, und die vermögenden Kirchen müßten sich dem Wettbewerb stellen - dem Markenkern der Freidemokraten. 

Das beste allerdings kommt von unserem Innenminister, Hans-Peter Friedrich (CSU). für ihn ist die NSA-Affäre beendet: 'Alle Verdächtigungen die erhoben wurden, sind ausgeräumt' sagte dieser vergangenen Freitag der 'Rheinischen Post'. Für ihn 'steht fest, dass es keine massenhaften Grundrechtsverletzungen auf deutschem Boden gab und gibt'. Die Debatte um den ex US-Geheimdienstler Edward Snowden bezeichnet Friedrich als 'viel Lärm um falsche Behauptungen.' dass das alles Humbuk ist, was er da so von sich gibt, scheint ihn nicht zu stören - auch er steht im Wahlkampf.

Die SPD steht dem in nichts nach und macht von der angekündigten Steuererhöhung einen Rückzieher. Man wolle strenger gegen die Steuersünder vorgehen und so die Staatskasse für notwenige Investitionen füllen. Auch will sich die SPD für die Reduzierung der Strompreise starkmachen; sie tut das weniger populistisch als z.B. Seehofer, weil sie erklärt wie sie das finanzieren will. Aber versprochen wird eben auch.

Von den Grünen hört man außer der Forderung nach ihrem 'Veggie Day' nicht viel, und die Linken tun das, was sie das ganze Jahr über tun: sie opponieren gegen all die guten Ideen anderer. Brauchbare eigene Vorschläge gibt es eh nicht. Man orientiert sich am Wiener Klardenker Karl Kraus, der mal gesagt haben soll: es ist schlimm genug keine Ideen zu haben - noch schlimmer ist es allerdings diese nicht umsetzen zu können. 

Die Kanzlerin denkt öffentlich über eine Große Koalition nach. Das verstört die FDP. Doch keine Angst, es ist alles nur Kalkül. Mit diesem Gedanken, der nirgendwo auf große Gegenliebe stößt, mobilisiert sie ihre Wähler, und die der FDP mit. Ja, das versteht sie gut. Angela Merkel ist eine Meisterin ihres Fachs. Sie wird auch die nächste Kanzlerin werden; am liebsten mit der weniger selbstbewußten FDP. Das sichert ihr höchstmögliche Gestaltungsfreiheit. Dafür tut sie alles; und das macht sie gut.

Es kommt also Bewegung in den Kulturkampf der Parteien.  Bis zur Wahl am 22. September können wir auf aufregende Tage hoffen.

Fußball gab es am Wochenende auch: die beiden großen Münchener Vereine stehen in ihren Ligen jeweils auf dem dritten Platz. die Bayern haben dies durch einen 1:0 Zittersieg gegen Frankfurt geschafft, und die 60iger durch ein Eigentor und mit demselben Ergebnis gegen Ingoldstadt. Sieht also alles ganz gut aus. In der ersten Liga steht Dortmund ganz oben; sie mußten ihren 2:1 Erfolg gegen die tief stehenden Braunschweiger hart erarbeiten. Die Berliner Hertha läßt einen Punkt in Nürnberg, bleibt aber oben mit dabei. Die große Überraschung sind die Bremer, die wiederum knapp gewonnen haben und mit ihrem 1:0 gegen Augsburg bereits  schon jetzt als die Minimalisten der laufenden Saison gelten. 

Hohen Besuch hatte Cornelia Schleime in ihrem Kerzliner Atelier. Angereist waren die Kollegen von 'der B.Z.' Ihre Erlebnisse und Eindrücke wurden gestern veröffentlicht. Nachzulesen ist der Bericht ab morgen im Newsticker auf unserer Webseite.

Ab morgen kommen die Daylies wieder aus Berlin. Naturgemäß werden sich die Themen dann wieder verstärkt der Kunst widmen. Wird ja auch Zeit.

Beste Grüße.

Michael