Michael Schultz Daily News Nr.493

Lombok, den 14. August 2013

Liebe Freunde,

es wurde ja nie ein Geheimnis daraus gemacht, zu welchem Zweck ich die Reise auf die einsame Insel angetreten habe. Es ging, und geht immer noch, um die Entgiftung meines Körpers; um zu relaxen und mich mit ayurvedischen Heilanwendungen (Massagen/Yoga) wieder beweglicher zu machen. Erfreulicherweise bewirkt das ganze Paket, sozusagen in der Nebenwirkung, eine erhebliche Gewichtsreduktion. Diese ist mittlerweile zum Hauptantrieb geworden. Ohne diesen Nebeneffekt hätte ich das Programm bestimmt schon reduziert oder gar aufgegeben. Es macht's mir sehr schwer, hier als Einziger in dieser Radikalität meine 'Kur' durchzuziehen. Um mich herum knallen tagtäglich die Sektkorken und auf den allabendlichen Büffets wird alles angeboten, was das Herz so begehrt. Aber, ich bin standhaft geblieben und will das auch bleiben. Der Zuspruch gibt mir Recht und meiner wiedergekehrten Eitelkeit tuts gut.

Über Essen wird hier viel diskutiert; jeder hat gute Ratschläge und hundertprozentige Tipps zum Abnehmen.  Danach gefragt, warum ich mit Krücken unterwegs bin, hat mich allerdings noch niemand. Die Einheimischen tun dies aus Respekt und Angst vor Verletzlichkeit nicht, und die Miturlauber interessiert es nicht. Also beschäftige ich mich alleine damit, und beim recherchieren (eigentlich sollte daraus eine Story zur Kulturgeschichte der O-Beine werden) fand ich einen hochinteressanten Beitrag über die Menge an Essen die der Mensch so in einem durchschnittlichen Leben zu sich nimmt:

In 75 Jahren verzehrt jeder Deutsche das 700fache seines Körpergewichtes. Bei einem Körpergewicht von 100 kg (der Einfachheit halber) ergeben das 70 Tonnen. Wahnsinn! Im Einzelnen sind dies u.a. 3 Ochsen, 4 Kälber, 8 Schweine, 4 Hammel, 300 Hühner, 75 Gänse, 100 Tauben, 5000 Fische, 5000 Eier, 4 Tonnen Zucker und 500 Kilogramm Salz.  Rund 45.000 Liter Flüssigkeit trinkt jeder von uns; im Detail sind dies u.a. 9.600 Liter Wasser; 9.300 Liter Bier; 8.100 Liter Wein; 5.000 Liter Milch; 10.800 Liter Kaffee und 1.875 Liter Tee.  

Das sind erschreckende Zahlen, die aber auch deutlich machen, womit sich unsere Wissenschaft  beschäftigen muss. Das Erforschen dient u.a. der Welthungerhilfe als politsuche Argumentation; nützlich sind die Daten aber auch für das Vorhersehen von Engpässen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und dem Abwehren von Hungerkatastrophen. Weil die Erde ihre Schätze ungerecht verteilt hat, ist dieses auch notwendig. Dort wo die Böden karg und ausgedörrt sind, befinden sich unter der Oberfläche Naturreichtümer die zum Wohlstand  anderer Kulturen geführt haben, aber die Menschen dort hungern und wissen oft nicht wie sie überleben können. Auf der anderen Seite des Erdballs gibt es so viel im Überfluss, dass zur Gefahrenabwehr für Körper und Geist eine hochprofitable Industrie entstanden ist.

Es geht um die Diät-Wundermittel, die abnehmen ohne zu hungern versprechen. Jeder, der Probleme mit seinem Gewicht hat, ist  darauf schon mal reingefallen. Mit anspruchsvoller Werbung und schönen Frauen (ˈAlmasedˈ) werden die Kunden in die Apotheke gelockt und zur Kasse gebeten. Alle möglichen Substanzen werden feilgeboten; sobald man die Packung erworben hat und in den Beipackzettel schaut, wird darauf hingewiesen, dass der Erfolg nur dann gewährleistet werden kann, wenn die Nahrungszufuhr deutlich reduziert wird.  Und das ist die Crux an der ganzen Sache: ohne Reduzierung der Nahrungsaufnahme gibt es keine schnellen Erfolge. 

Im Jahr 1961 verordnete der New Yorker Frauenarzt Herman Taller der amerikanischen Gesellschaft, wonach sie sich sehnte: essen so viel man will, aber Hauptsache fettrecht. Wurst, Käse und Fleisch so viel das Herz begehrt. Sport wurde nicht verordnet; verzichten sollte man 'nur' auf Obst, Brot und Kohlenhydrate. Das Essen sollte zu 65% aus Fett bestehen und zu 30 Prozent aus Eiweiß. 'Fett verbrennt Fett' war seine Devise. Zum Geldverdienen wurde ein Ratgeber publiziert: 'Calories Don't Count' wurde innerhalb kürzester Zeit zum Kassenschlager, und damit die Wunderdiät auch wirklich greift, musste der Abnehmwillige nach jeder Mahlzeit zwei Kapseln schlucken. Diese waren mit einem speziellen Samenöl aus der Distel gefüllt, und dieses soll den Stoffwechsel und die Fettverbrennung anregen. Von der seriösen Wissenschaft wurde der Schwachsinn schnell entlarvt und der Doktor vor den Kadi gezerrt. Wegen Betrugs wurde zu einer Geldstrafe von 7.000 US Dollar und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits 2 Millionen seines Ratgebers unters Volk gebracht.  Die Idee wurde später von Robert Atkins rekultiviert und machte ihn zu einem reichen Mann. Von den späten Siebzigern bis in die neunziger Jahre hinein gehörte die Atkins-Diät zum Hauptkulturexport der Amerikaner. Mittlerweile spricht niemand mehr darüber und sein Unternehmen ist pleite.

Die Ursachen für 'O-Beine' übrigens, und das war der Grund meiner Recherche, sind so vielschichtig, dass ich den Gedanken zum Verfassen einer Kulturgeschichte derer erst mal ad acta gelegt habe.

Meine Ernährung besteht seit 2 1/2 Monaten aus Grünzeug, Hirse und Tofu, und das hat immerhin 20 Kilo gebracht. Der Gedanke abzunehmen ohne zu hungern ist so verlockend, dass da sicherlich noch die eine oder andere Empfehlung auf den Markt kommt. Lassen wir uns also überraschen.

Mit dem Motto 'weniger ist oft mehr' verabschiede ich mich für heute und sende die besten Grüße.

Michael