Michael Schultz Daily News Nr.492

Lombok, den 13. August 2013

Liebe Freunde,

heute beginnt vor dem Gericht im 3. Bukarester Stadtbezirk der Prozess um den Rotterdamer Kunstraub, und das wohl spektakuläre Vernichten der entwendeten Kunstwerke. Am 16. Oktober letzten Jahres drangen 2 Diebe in die dortige Kunsthalle ein und raubten Werke von Paul Gaugin, Henri Matisse, Lucian Freud, Pablo Picasso, Claude Monet und Issac Meijer de Haan. Entwendet wurde ausschließlich Kleinformatiges und die ganze Aktion dauerte keine 3 Minuten. Angeklagt sind jetzt die beiden Haupttäter, sowie 4 Komplizen. Ein weiterer ist noch flüchtig. 

Der Diebstahl ist aufgrund eindeutiger Hinweise und durch Zeugenaussagen nachgewiesen; diesen können die Täter nicht mehr leugnen. Viel interessanter ist Frage:  wo sind die Kunstwerke geblieben? Hierzu gibt es eine herzzerreißende Geschichte. Die Mutter eines Täters soll aus lauter Angst vor der Entdeckung die Millionenwerte in ihrem Badezimmerofen verbrannt haben. Dies geschah, nachdem ihr Sohn bereits von der Polizei festgenommen wurde. Wenn das Diebesgut nicht mehr aufzufinden sei, so die Vermutung der Mutter, dann könne man die Täter auch nicht verurteilen. Jetzt sitzt auch sie  im Gefängnis. Dort hat sie die bereits gestandene Tat widerrufen, aber  Untersuchungen an und in ihrem Ofen haben Eindeutiges ergeben. Dort fand man Nägel aus Eisen und Kupfer, mit denen im 19. Jahrhundert die Leinwände an den Keilrahmen befestigt wurden; man fand aber auch Reste der Leinwand, Kalzit aus der Grundierung, verschiedene Farbpigmente, Blei und  andere Zutaten, die seinerzeit zur  Farbherstellung  verwendet wurden.   

Die Mutter will ihren Sohn vor einer längeren Haftstrafe schützen und geht dafür selbst in den Knast. Die Geschichte ist so bewegend, dass alle wichtigen Zeitungen die Story aufgegriffen haben und ihre Korrespondenten in das kleine rumänische Heimatdorf der Diebe entsandten. Die 'New York Times' berichtet in ebenso großer Aufmachung  wie dies die 'Herald Tribune' tat;  gestern auch die 'Süddeutsche'. Die Geschichten ähneln sich, und die Autoren finden, trotz vieler Versuche, nicht wirklich erklärende Worte, die die  Tat der Mutter verständlich machen, wobei sie doch das große Drama an dem ganzen Geschehen ist. Was wäre passiert, wenn sie gewusst hätte, wie hoch der Wert der Kunstwerke ist? Vermutlich wären sie auch dann in den Ofen gewandert. Ihr ging es doch nur darum,  ihren geliebten Sohn zu schützen.

Jetzt sitzen beide ein. Der Sohn und sein direkter Tatkomplize leugnen weiterhin,  trotz erdrückender Beweislage. Die Mutter hat mit dem Verbrennen die Situation noch verschärft. Ausgeprägter Mutterinstinkt und ihr vermutlich bescheidenes Gemüt haben sie zu ihrem Tun verleitet. Für solche Fälle wäre eine einmalige Ausnahmeregelung in der Rechtsprechung angebracht, und man sollte es bei einer richterlichen Abmahnung belassen. Die Welt schaut nun gespannt nach Bukarest, um zu sehen, wie das Bezirksgericht entscheidet.

Dass die Bilder unwiederbringlich zerstört wurden, ist das andere Drama der Geschichte. Alleine schon der Diebstahl warf den Ermittelnden Behörden große Fragen auf. Entweder war dies ein bestellter Raub; dafür allerdings sprach die Zusammenstellung der entwendeten Kunstwerke; oder es waren Dilettanten am Werk. Diebesgut aus der Kunstwelt ist so gut wie nicht zu verkaufen. Alle Werke die irgendwann mal entwendet wurden, sind im 'Art Loss Register' vermerkt, auch die von Restitution belasteten Kunstwerke, die in der Nazizeit jüdischen Eigentümern weggenommen wurden. Das macht es den Dieben schwer, ihr Gut an den Mann zu bringen. Nicht mal 50.000 Euro wollte ein Interessent dafür hinlegen; obwohl der Wert bei geschätzten 25 Millionen lag. Ein im Ausland lebender Deutscher, dem das Paket aus Unterweltkreisen vermittelt wurde, versuchte die Versicherung mit 1.5 Mio Lösegeld zu erpressen. Auch das ging schief und der Mann wartet nun ebenfalls im Gefängnis auf seinen Prozess.  

Das Gute an der Story ist das mediale Interesse. Möglichen Kunsträubern wird dadurch aufgezeigt, dass man mit dem Raub von Kunstwerken nicht glücklich, und schon gar nicht reich wird. Dabei wollen wir es heute belassen. 

Am 13. August 1961 wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Daraus entwickelte sich in kürzester Zeit eine Grenzbefestigung, die als 'eiserner Vorhang' in die Geschichte einging. Mit ihr wurden die Freiheit, das Denken und das Handeln der Menschen in der damaligen DDR deutlich eingeschränkt. Den Kunstschaffenden blieben fürs Überleben kaum Spielräume, doch trotz dieser enormen Einengung, hat sich dort eine recht aktive Gegenkultur entwickelt. Ohne diese wäre mit Sicherheit Vieles anders gekommen, und die Mauer gäbe es vielleicht heute noch. Wer weiß es.

Ein guter Anlass um daran zu erinnern und uns darauf zu besinnen, alles dafür zu tun, um die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Zu diesem Thema findet am Abend im SWR 2 Hörfunk um 17.05 Uhr eine Diskussion statt. Thomas Hecken, Beate Söntgen und Hanno Rauterberg gehen der Frage nach, ob die Hitlergruß-Performance von Jonathan Meese als zu schützendes Kulturgut von einer Strafverfolgung zu befreien ist. Auch hier steht Einiges auf dem Spiel.  

In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute, sende die besten Grüße und wünsche einen wunderschönen Dienstag. Bis morgen.

Michael