Michael Schultz Daily News Nr.488

Lombok, den 7. August 2013

Liebe Freunde,

Indonesien gehört mit seinen insgesamt 240 Millionen Einwohnern zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt und liegt auf der Hitliste nach China, Indien und den USA auf dem vierten Platz. Wenn es darum geht, welches Land die meisten Muslime aufweist, dann liegt Indonesien sogar an erster Stelle. Seine 18 108 Inseln umspannen ein Achtel des Erdumfanges, und trotzdem ist das Land in der westlichen Welt kaum bekannt.

Die Geschichte Indonesiens reicht bis zum Beginn der Menschheit zurück, und seine Kulturen sind größtenteils älter als die Europas. Bereits im 16. Jahrhundert stritten hier Portugiesen, Spanier und Holländer um die Vorherrschaft im Gewürzhandel. Als erstes asiatisches Land befreite sich Indonesien durch eine Revolution aus dem Klammergriff der Kolonialmächte. Doch lange noch nach der Befreiung lag dieses Juwel des holländischen Kolonialreiches im Schatten der Weltgeschichte. Heute noch gilt eine Reise in bestimmte Regionen dorthin als großes Abenteuer.

Doch nicht nur das Inselreich Indonesiens hat sich für westliche Touristen als Geheimtipp entwickelt; rundherum in Malaysia, Thailand, Vietnam, Kambodscha und den Philippinen sind Oasen der Ruhe entstanden, die den europäischen Wohlfühlstandart um ein Vielfaches überbieten. Alleine schon die Höflichkeit der Menschen lassen bei jeder Begegnung die Herzen höher schlagen. Gestern besuchte ich ein kleines Dorf in dem Muslime, Hinduisten und Buddhisten friedlich nebeneinander wohnen. Jede Religionsgemeinschaft hat eine sichtbare Ordnung, wobei die der Hindus unseren Vorstellungen am nächsten kommt. Die Zuvorkommenheit, Höflichkeit und Freundlichkeit vereint die Gläubigen, und sie leben ein respektvolles, nachbarschaftliches Leben. Außer den unterschiedlichen Göttern trennt die Menschen nichts. Hier wird Toleranz in seiner höchsten Form praktiziert.

Doch nicht überall in diesem großen Inselreich findet man das vor. In der östlich von Borneo gelegenen Insel Sulawesi wird im Norden ein strenger und äußerst traditioneller Islam gepredigt; vor Reisen dorthin wird immer mal wieder gewarnt; im Süden hingegen gelten die ungezwungeneren, aufgeschlosseneren Gemeinschaftsformen. Womöglich liegt das daran, dass außer in Indien und China kein anderes Land in seiner Geschichte eine vergleichbare Vielfalt grundunterschiedlicher Kulturen assimiliert hat. Diese sind in den Provinzen als eigenständige Traditionen bewahrt geblieben. Unter den Hotelangestellten vereinigt sich diese Vielfalt  wieder,  dies hilft sicherlich auch den Betrieb während des Ramadan ohne Einschränkungen aufrecht zu erhalten. Wenn z.B. hinduistisches Reinigungspersonal im Haus gewesen ist, dann entdeckt man hernach eine mit Blumen geschmückte, kleine Opferstelle. 

Lombok liegt östlich von Bali (bei guter Sicht ist der Vulkankegel des Mt. Agung zu sehen) und galt lange als deren kleine, vom Tourismus gemiedene Stiefschwester. Es geht hier alles etwas behäbiger und stressfreier zu; der Charakter der Inselbewohner scheint sich auch im Tourismus festgesetzt zu haben. Selbst größere touristische Orte, wie z.B. das im Westen der Insel liegende Senggigi haben den Charakter einer Straßensiedlung beibehalten. Noch geht man mit den Ressourcen behutsam um, und es wäre wünschenswert, wenn Lombok seine naturbelassene Landschaft noch lange weiterbehält. 

Im Zentrum der Insel steht der knapp 3.000 Meter hohe Vulkanberg Rinjani, und drum herum gibt es eine üppige, urwaldähnliche saftgrüne Fauna. Hier gedeiht fast alles, was bei uns nur in den Feinkostabteilungen besserer Häuser angeboten wird: Mango, Papaya, Jackfrucht, Vanille, Zimt und Cashewnüsse, die hier auf den Märkten mit dem Kaschuapfel angeboten werden. Pfeffer, Reis und Chili werden angebaut und sind die Grundnahrungsmittel der Einheimischen. Ohne den extrem scharfen Chili kommt hier so gut wie nichts auf den Tisch. Dieser hat der Insel auch den Namen gegeben: Lombok ist in der indonesischen Sprache das Wort für Chili.

Eine kleine Zeitreise ins vorige Jahrhundert war der Besuch des Kosaido Golf- und Country Club. Ein riesiger, unrund und sich laut drehender Ventilator erfrischt die dort herumlungernden Gestalten und sorgt auf der dunklen Terrasse für ein wenig Erfrischung. Niemand interessiert sich für die Ankommenden; der Manager schaut sich im Fernsehen ein Fußballspiel an, und der Caddiemeister sieht ihm dabei zu. Die Besucher werden nicht zur Kenntnis genommen. Einzig der Toilettenmann lächelt ein wenig.  Das ganze Szenario erinnert an einen schwarz-weiß Krimi aus den frühen 20igern des letzten Jahrhunderts; urplötzlich ist man mittendrin. Ein unvergessliches Erlebnis. 

Ohne Stress und Tempo sollte man den Menschen und ihrer Natur hier begegnen, und wenn möglich ein wenig davon in unsere Kultur hinüber retten.

Mit dem Sonnenuntergang wird heute Abend das Ende des Ramadan mit einem großen Fest gefeiert. Die Menschen hier sind voller Vorfreude, und ich bin gespannt, was mich danach hier erwartet. Für heute grüße ich und teile noch freudig mit, dass die Bayern ihren Gustl Mollath endlich aus der Psychiatrie entlassen haben. Rechtzeitig vor den Landtagswahlen sei der Rechtsstaat wiederhergestellt, so der Anwalt des Gedemütigten.  

Bis morgen,

Michael