Michael Schultz Daily News Nr.486

Lombok, den 5. August 2013
 
Liebe Freunde,
 
ein großer Taktiker ist er ja noch nie gewesen. Seine Politik betreibt er vornehmlich mit dem Bizeps, und weil er davon so viel hat, zeigt er diesen auch gerne. Um zu beweisen, was er doch für ein toller Hecht ist, lässt er Fotos durch den Äther rauschen, die ihn in eindeutiger Pose zeigen: Beim Angeln stemmt er mit freiem Oberkörper einen 100-Pfünder in die Höhe; der von ihm eigenhändig erlegte Braunbär, im Nahkampf und lediglich mit einem Militärmesser bewaffnet, wird für die Nachwelt angsteinflößend ins Bild gerückt. Aber auch sonst ist er schnell mit dabei, wenn es in der von Machos geprägten russischen Gesellschaft darum geht, das Oberalphamännchen zu mimen. Wladimir Putin, den der von mir so hochgeschätzte  Exbundeskanzler Gerhard Schröder einst einen 'lupenreinen Demokraten' genannt hat, regiert sein Land mit gestählter Brust und eiserner Faust. Dafür ist er hinlänglich bekannt.
 
Auch mit der Asylgewährung für Edward Snowden, was selbst in der amerikanischen Bevölkerung positiv aufgenommen wurde, zeigt Putin mal wieder seinen Bizeps; wenn auch unter zugeknöpftem Hemd. Für die Russen wäre es ein Leichtes gewesen, dafür zu sorgen, dass der Whistleblower ohne Aufsehen nach Südamerika gebracht wird. Nun liegt der Verdacht nahe, dass man ihn behalten wolle. Er könne als Jahrhundertfaustpfand nützlich sein, und niemand sollte sich wundern, wenn Snowden eines Tages im Tausch gehen die seit Langem strittige Rohstoffförderung an der Südspitze der Antarktis ausgetauscht wird. Auch wenn sich Putin in dieser Affäre als Menschenrechtler ausgibt, könnte das Drama ein nützliches Ende für sein Land haben.
 
In der kommenden Woche beginnt in Moskau die Leichtathletikweltmeisterschaft. Eigentlich sollte auch diese Veranstaltung dazu dienen, den lädierten Ruf Russlands ins rechte Licht zu rücken. Als weltoffener, demokratischer und liberaler Staat wollen sie in der Welt gesehen werden. Unterstellen wir mal bei der Asylgewährung für Snowden rein humanitäre Gründe, dann wäre ihre mit dem Sport verbreitete Botschaft ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch große Herausforderungen stehen bevor: nicht nur beim Weltchampionat der Leichtathleten sondern auch während der im Winter 2014  in Sotschi stattfindenden Olympischen Winterspiele soll gelten, was im Reiche Putins Recht ist. Durch die jetzt bestätigte Bekanntgabe der russischen Administration müssen bei den Sportkämpfen schwule und lesbische Teilnehmer mit Repressalien rechnen, wenn sie gegen das seit kurzem in Kraft getretene 'Homosexuellenpropagandagesetz' verstoßen.
 
Dieses wurde am 30. Juni von Putin höchstpersönlich unterschrieben. Im Kern darin ist festgeschrieben, dass jegliche Information und öffentliche Äußerung zum Thema Homosexualität nicht statthaft ist und unter Strafe gestellt wird. Umschrieben wurde der Gesetzestext mit dem Verbot der 'Propagierung nicht traditioneller sexueller Orientierung in der Öffentlichkeit'. Zuwiderhandlungen, und dazu gehört alleine schon die Information über gleichgeschlechtliche Lebensformen, werden mit Geldstrafen zwischen umgerechnet 120 und 2.300 Euro geahndet. Man kann aber auch zu bis zu 15 Tagen Haft verdonnert werden. Mit diesem Gesetz sollen westliche Einflüsse auf die russische Lebenskultur verhindert werden, und weil große Teile der christlich-orthodoxen Elite dieses Gesetz geradezu gefördert haben, ruht nun Gottes Segen über der Unterschrift des Präsidenten. Ob die Jugend der Welt unter diesen Voraussetzungen dem Ruf Russlands folgt, wird immer fraglicher. Den Russen könnte sich aus diesem völlig unnötigen Muskelspiel ein ähnliches Desaster ergeben wie im Jahre 1980, als wegen des damaligen Einmarsches in Afghanistan knapp 50 Länder die Sommerspiele in Moskau boykottierten. Mehr als je zuvor sind diesmal die Athleten gefordert, die mit offenem Visier zu ihren Wettkämpfen reisen sollten.
 
Aber auch anderswo in der Welt werden nicht angepasste Lebensformen verfolgt. Das geschieht in den arabischen Ländern gleichwohl wie in Israel und in Teilen der asiatischen Welt. Die in Sachen Sexualität schon immer ein Stück offener agierenden Thailänder setzten nun ein deutliches Zeichen dagegen: mit dem Werbeslogan 'go thai be free' will die thailändische Tourismusindustrie künftig verstärkt um schwule und lesbische Touristen werben. Thailand, 'the land of smiles', titelte zu diesem Thema am vergangenen Samstag die 'Herald Tribune'. Man will mit der Kampagne aber nicht nur um Schwule und Lesben sondern auch um die aus religiösen Überzeugungen verfeindeten muslemischen und israelischen Urlauber werben. Eine offene Kampagne wird sich in Zukunft verstärkt um diese unterstützungsbedürftige Klientel kümmern. 
 
Ein Land wirbt offiziell um Menschen, die anderswo verfolgt werden oder sich in Dauerkriegen befehden. Die Aktion der thailändischen Tourismusmanager macht deutlich, wie schlimm es um uns steht. Da wirbt ein Land um Menschen, die in ihren Heimatländern geächtet und gedemütigt werden. Angebrachter wäre es, wenn im Zeitalter der Aufklärung jedem Erdenbürger das Recht zugestanden wird, dass er sein Leben und seine Lebensform organisieren kann, wie er dies gerne möchte. Doch davon sind wir weit entfernt. Auch bei uns. Ein großes Stück weiter wären wir schon dann, wenn die Unterstützer von Minderheiten nicht mehr in denselben Topf geworfen werden. Sich für Grundrechte für Andere aus dem Fenster zu lehnen, sollte zur Grundausstattung unserer Sozialisation gehören.
 
Das Recht der freien Meinungsäußerung ist fest in unserem Grundgesetz verankert. Dass dem nicht so ist, wissen wir spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden. Über jeden Bundesbürger ist es den Geheimdiensten auf Knopfdruck möglich, nichtkompatibles Gedankengut auszuspucken. Aber nicht nur unsere Geheimen wissen alles über uns; die Amis, die Briten, und auch die Franzosen füllen ihre Speicher durch flächendeckende Überwachung. Das geschieht unter dem Rubrum der Terrorgefahrenabwehr, und damit das gerade und speziell jetzt glaubhaft rüberkommt, verbreiten die Geheimen Angst und warnen vor bevorstehenden Terroranschlägen. Diese dienen der Rechtfertigung unstatthaftem Handeln, und sollte es zu keinen Terroranschlägen kommen, wird notfalls selbst Hand angelegt. Die Geschichte liefert viele Beispiele.
 
In Russland würde dieser Newsletter den Verfasser in arge Nöte bringen. Doch Flagge zeigen, ist angesagt: wenn die Schwarzen seinerzeit Amerika boykottiert hätten, dann hätte sich ihre Situation wohl kaum verändert. Erst standhafte Figuren wie Martin Luther King, aber auch der Musiker Ray Charles, haben mit ihrem furchtlosen Handeln die Weißen zum Umdenken gezwungen. Jetzt sind wir an der Reihe.
 
In diesem Sinne wünsche ich einen wunderschönen Montag und sende die besten Grüße aus Lombok. Für alle, die es interessiert: mein Entgiftungsprogramm schreitet voran, doch es verlangt höchste körperliche Anstrengungen. Wenn am Ende die Mobilität wiederhergestellt ist, hat es sich gelohnt.

Bis morgen.

Michael