Michael Schultz Daily News Nr.485

Lombok, den 2. August 2013

Liebe Freunde,

der Kasseler Prozess um die Hitlergruß-Performance von Jonathan Meese wurde erneut vertagt. Am 14. August soll es nun weitergehen. Eine Äußerung der Richterin, in der sie zu verstehen gab, dass sie durchaus die Aktion von Meese als Teil einer Performance gelten lassen könne, verschafft dem Künstler und seinem Anhang Hoffnung. Offen geblieben ist allerdings, ob in diesem Fall die Freiheit der Kunst Vorrang vor dem sogenannten Rechtsgüterschutz habe. Hier wird es knifflig, und es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass sich die Richterin von diesem Weg nicht mehr abringen lässt und  den Performer Meese freispricht. Dieses dann im Urteil zu begründen, wird die heikelste Angelegenheit. Hieb und stichfest muss der Freispruch durchformuliert sein, damit daraus kein Freibrief für rechtsextreme Rechtsverletzer abgeleitet werden kann. Vielleicht ist dies der Grund, warum sich das Gericht für den Prozess so viel Zeit lässt. 

Zu vier Jahren Haft wegen 'massiven Steuerbetruges' wurde jetzt der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi verurteilt. Der norditalienische Tausendsassa und Grandseigneur des AC Mailand muss seine Haftstrafe allerdings nicht antreten. Dies verdankt er einem Gesetz, welches in seiner 3. von insgesamt vier Amtszeiten im Jahre 2006 zustande kam. Darin ist festgeschrieben, dass ihm aufgrund seines hohen Alters (76 Jahre) drei Jahre Haftzeit erlassen werden. Das Restliche kann er in Sozialstunden ableisten.  Ob er diese allerdings gemeinsam mit seinem Mailänder Fußballklub zur Bunga Bunga Party im Salzburger Edelpuff ˈBabylonˈ abfeiern kann, ist noch nicht sichergestellt (zur Weihnachtsfeier soll man schon mal dort gewesen sein).

An den Kragen geht es bald auch einem anderen Sportsmann. Die Schlinge am Hals des FC Bayern - Vorstandsvorsitzenden, Uli Hoeneß, wird immer enger, und der Kreis seiner Unterstützer wird zusehends kleiner. Außer dem adidas - Chef Herbert Hainer stellt sich in der Öffentlichkeit kaum noch jemand hinter ihn. Die Anzahl der Kritiker wird grösser, und die Vorwürfe werden fundierter. So lässt jetzt auch der angesehene Hochschullehrer  (Quadriga Hochschule / Berlin)  Henning Herzog,  keine Zweifel daran, dass seine Aktivität  als Vorstandschef mit den Regeln von Governance und Compliance nicht mehr vereinbar sind. Seiner Ansicht nach handelt es sich hier nicht um ein einmaliges Vergehen sondern um einen über Jahre andauernder, systematischer Rechtsbruch der mit seiner Selbstbezichtigung ganz und gar nicht aus der Welt geschaffen sei.   Auch wenn der Sachverhalt um die Wirksamkeit seiner Selbstanzeige noch ungeklärt ist, sind die juristischen Spielräume eindeutig. Steuerhinterziehung, die über der Millionenmarke liegt, wird mit einer Haftstrafe geahndet. Um diese magische Summe wird es gehen, wenn das Verfahren zugelassen wird. Noch ist vieles ungeklärt, und für Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet. Aus den bekanntgewordenen Details kann man ihm zu seiner Entlastung unterstellen, dass der Steuerbetrug trotz System nicht wirklich geplant war. Weil er sich aber in Sachen Steuerehrlichkeit  zu weit aus dem Fenster gewagt hat und sich auch sonst gerne als moralische Instanz in Szene setzt, muss er den Posten in seinem Club abgeben. Tut er das nicht, dann werden seine hohen Verdienste, die er zweifelsohne für den FC Bayern erbracht hat, schnell vergessen sein. Durch ein zu befürchtendes jahrelanges Verfahren  bleibt Hoeneß dann als Steuerbetrüger und als Versager am 11 Meter Punkt in Erinnerung (1976 schoss er in Belgrad den entscheidenden Strafstoß in den Orbit, und damit verlor die DFB Elf  das EM - Endspiel gegen die Tschechoslowakei). Keiner, auch nicht die mit bayerischem Blut in den Adern, kann sein gequältes öffentliches Lächeln weiter ertragen. Die Bayern brauchen ganz vorne ein neues Gesicht. Darauf wartet die Republik.   

Am Montag bekommt Berlin hohen Besuch. Nach längerer Abstinenz reist Kim Yusob wieder an und will bis zum Ende des Monates  bleiben. Umgekehrt reist SEO für einige Tage nach Korea; sie wird dort u.a. ihre Techniker aufsuchen, um mit ihnen über ihr im nächsten Jahr stattfindendes  Ausstellungsprojekt  im Ludwig Museum / Koblenz zu reden. Trotz großer Hitze sind auch Nina und Torsten Römer aktiv: begleitend zur kommenden Ausstellung (7. September - 12. Oktober, Eröffnung: Samstag, den 7. September, 19 - 21 Uhr) wird gerade von TV Berlin ein Fernsehporträt gedreht. Zwei harte Tage, die Allen viel abverlangen. Etwas ruhiger geht es Helge Leiberg an. In seinem Studio im Oderbruch (nahe Frankfurt / Oder) bereitet er sich auf seine im Dezember bei uns geplante Ausstellung vor. Von Bernd Kirschner hört man, dass er sich als Stipendiat im pfälzischen Edenkoben recht wohl fühlt, und er die Weinernte kaum erwarten kann. 

Bevor ich mich nun ins Wochenende verabschiede, sei hier mitgeteilt, dass ich mir das Ayurvedaprogramm viel entspannter vorgestellt habe. Das kann ganz schön stressig werden. Zur Ablenkung beobachte ich Mensch und Tier. So wie z.B. die Vögel beim Fischen, aber auch die Fische beim Vögeln. Es gibt viel zu sehen. So konnte ich z.B. auch  ich einer Ameisenbeerdigungszeremonie beiwohnen. Die tote Königin wurde stilvoll und artgerecht zu Grabe getragen. Bei manchen  Sonnenanbetern verändert sich rasant die Hautfarbe; auch das fällt auf. Herzzerreißend jedoch ist die allmorgendliche Desinfizierung der Strandliegen zweier älterer Herren. Ein herrliches Pärchen; sie zu beobachten, dafür alleine lohnt es sich hier zu sein.     

Am Montag geht es weiter, und bis dahin sende ich wie immer die besten Grüße.

Michael