Michael Schultz Daily News Nr.484

Lombok, den 1. August 2013

 

Liebe Freunde,

zu meinem Bericht über den Ramadan gab es ein wenig Aufregung: in Frage gestellt wurde u.a., dass Schwangere und Stillende davon verschont bleiben. Auch die von mir als meditativen 'Singsang' bezeichneten  Muahedschingesänge finden nicht überall Freunde. Recherche ist das Zauberwort für so manche Story.  Für meinen Teil habe ich die Information über die Gebote des Ramadan durch Befragung Einheimischer erkundet und das dann nochmal im Internet gegengecheckt. Wie in allen Religionen bietet auch der Islam zur Auslegung seiner Gebote eine breite Palette an Möglichkeiten.  Je traditioneller die Gemeinde, desto strenger die Handhabung. Die Muslime auf Lombok gehören zu den Gemäßigteren, das  ist spürbar und im Straßenbild auch sichtbar. Es gibt keinen Burkaerlass; die Frauen tragen Kopftücher - wenn überhaupt.  Die Tugenden, während des Ramadan gegenüber seinen Mitmenschen besonders ehrlich und aufrichtig zu sein, gehören zu den festen Gesetzten des Islam und sind im 9. Gebot (verfolge nicht das, wovon du kein Wissen hast) festgeschrieben. Im Charakter ähnelt dies  dem 8. Gebot der christlichen Welt (du sollst kein falsch Zeugnis von dir geben wider deinen Nächsten). Auch für uns gilt es, gegen dieses während unserer höchsten Feiertage nicht zu verstoßen.  Während des Verspeisens der Weihnachtsgans wird dies in der Regel auch eingehalten.  

Die Grundsätze in der Moralethik des Islam unterscheiden sich vom Christentum so gut wie gar nicht. Wie in unserer Religion sind die Hauptregeln des Islam in 10 Gebote gebündelt, und bei schriftgetreuer Auslegung des Korans wird ein für uns kompatibles Sittenbild sichtbar. In uns steckt die Angst vor der Islamisierung des Abendlandes, und dieser Schrecken hält uns  von einem tieferen Blick in die fremde Religion ab. Weil wir es nicht verstehen wollen, fremdeln wir vor dem Unbekannten, und mit dem Fremdeln entfernen wir uns von Toleranz.  

Im Mittelalter haben Angst und Schrecken die Menschen reihenweise auf den Scheiterhaufen geführt. Jede wissenschaftliche, gesellschaftliche und philosophische Neuerkenntnis wurde auf den Prüfstand gestellt, und wenn sie mit den Vorgaben der Religion nicht vereinbar war, wurde im Namen der  Kirche das Todesurteil gefällt. Mittlerweile hat sich unsere Gesellschaft so weit entwickelt, dass Dank der Reformation und der Aufklärung eine zivilisierte Auslegung kirchlicher Moral gilt. Die Tugendwächter im Islam sind noch nicht ganz so weit.  Auch wenn der Scheiterhaufen nicht mehr zum Repertoire der Bestrafung gehört,  so gehört noch immer die Bestrafung durch Peitschenhiebe zum Alltag. Für uns sind das Gräueltaten und werden als Folter umschrieben. Im Islam wird, durch die in der Regel öffentliche Bestrafung, die Erziehungsmaßnahme ritualisiert und dient der ultimativen Abschreckung. Je radikaler die Gotteswächter, desto härter die Hiebe. In einer offenen, pluralistischen muslimischen Welt ist die Auslegung der religiösen Gesetze weitaus gemäßigter und  gleicht unserem Rechtssystem. Auch das gibt es.

Dies soll nun keine Verteidigungsschrift für den Islam werden sondern lediglich ein kleiner Hinweis darauf, dass es noch nie schlecht gewesen ist, sich dem Unbekannten zu nähern. Im Urlaub, wenn die Seele baumelt, ist die beste Zeit dafür. In diesem Zusammenhang soll an den seit den späten 60iger Jahren andauernden Glaubenskrieg in Nordirland erinnert werden, dem bisher annährend 4.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Im Dezember letzten Jahres versagten mehrere Ärzte einer vergewaltigten Frau Hilfe. Nacheinander verweigerten die Mediziner gleich in zwei katholischen Kölner Krankenhäusern dem Opfer die Verabreichung der Pille danach; sie hatten Angst um berufliche Konsequenzen. Weil das alles so peinlich ist, verdrängen wir das gerne. Der Finger richtet sich auf die Fremden - ist ja auch viel einfacher.  

Im Büro geht die Arbeit weiter: Antje Bollwahn kümmert sich um unser Golfturnier (Sonntag, 29. September); Julia Saul bereitet die Messen in Wien (10. - 13. Oktober) und Istanbul (7. - 10. November) vor,  Michèle Lee hat die Finanzen im Griff, und Vanessa Baron organisiert den Reise- und Transportkalender für die zweite Jahreshälfte. Technik und Lager liegen auch im Hochsommer in den Händen  von Olaf Bühling.; einzig Jona Markgraf ist in der wohlverdienten Sommerfrische. Trotz laufender Ausstellungen, werden alle Kollegen im August in den Urlaub gehen. Das ist ausgeklügelt organisiert, so dass das Büro jederzeit voll funktionsfähig ist. Alle Anfragen bitte (auch die der Künstler) erst mal ans Büro richten; dort wird gesichtet und erledigt.  

Hohen Besuch hatten wir gestern in der Ausstellung von Rebecca Raue: der amerikanische Multimedia- und Fotokünstler Robert Longo und die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa waren zu Gast. Sie zeigten sich begeistert von der raumumfassenden Bildinstallation.  Von ihm ist mir die Fotoserie  zähnefletschender Haiköpfe  in Erinnerung; und Barbara Sukowa  habe ich Anfang der 70iger erstmals in Peter Handkes 'Ritt über den Bodensee' in der Schaubühne am Halleschen Ufer erlebt. Zwei bedeutende Künstlerkollegen, die mit ihrem Besuch ihrer Künstlerkollegin eine respektvolle Aufwartung machten.

Meine Aufwartung wird jetzt gleich im Swimming Pool erwartet: die erste sportliche Betätigung für den Tag ist angesagt. So verabschiede ich mich und sende wie immer die besten Grüße. Bis Morgen.

 

Michael