Michael Schultz Daily News Nr.482

Lombok, den 30. Juli 2013
 
Liebe Freunde,
 
in islamisch geprägten Ländern gehören die Rufe des Muahedschin zum Alltag. Allgegenwärtig sind die Gesänge der Turmprediger besonders im Fastenmonat Ramadan. Zu festgelegten Zeiten und fünf Mal am Tag, lesen sie singend aus dem Koran vor, und damit auch alle erreicht werden, wird ihre Stimme per Lautsprecher in die entlegensten Winkel übertragen. Jede Moschee hat seinen eigenen Muahedschin, und weil es im streng gläubigen Lombok so viele davon gibt, überlappen sich die Gesänge und erzeugen einen meditativen und wohlklingenden Singsang. Selbst nachts, wenn man damit ein wenig um den Schlaf gebracht wird, stört das kaum. Die in langgestreckten Vokallauten vorgetragenen Koransuren, verhelfen zu einem angenehmen Dämmerzustand zwischen Wachsein und Schlaf.
 
Noch bis zum 9. August wird der Ramadan ausgeübt. Auf den ersten Blick sind seine Regeln sehr streng; doch auch wie anderswo in den Gesetzen der religiösen Welt, kennt auch der Muslim  die Ausnahme in den Regeln seines Glaubens. So wird zum Beispiel niemanden Sühne auferlegt, wenn er unbewusst gegessen oder getrunken hat. Dasselbe gilt für den unbewussten Beischlaf; aber nicht alle Imame folgen dem Rat der Kirche und vergeben dieser schwerdefinierbaren Spielart der Paarung.  In den tief gläubigen Gemeinden, gilt der unbewusste Sex als Regelverstoß und damit als Fastenbruch. Zur Strafe müssen die Delinquenten  die Fastenzeit vollumfänglich wiederholen.  Doch das Vergehen muss angeschuldigt werden; ohne ein solches Verfahren gibt es keine Bestrafung.
 
Verboten ist  die Nahrungsaufnahme per Injektion, Infusion oder Spritze. Sobald sich in den verabreichten Substanzen Nährstoffe befinden, gilt dies als Verstoß und wird  mit der Wiederholung des Fastenmonats geahndet. Grundsätzlich gilt, dass zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang keine Getränke und kein Essen zu sich genommen werden darf. Während des Fastenmonats ist jedem Gläubigen das Studium des Korans auferlegt. Mindestens einmal soll dieser von vorne bis hinten durchgelesen werden; manche schaffen das mehrmals. Die Muahedschine erinnern mit ihren Korangesängen tagtäglich daran.
 
Doch nicht jeder Gläubige ist zum Fasten verpflichtet. Ausgenommen davon sind Reisende, Kranke, Alte, Schwangere und Stillende. Erlaubt ist auch das Aufwachen in unreinem Zustand. Damit gemeint ist das Wachwerden im Arm einer unbekleideten Frau. Parfüms, Cremes, Ohren- und Augentropfen sind ebenso erlaubt, wie das ausspülen von Mund und Nase, aber nur solange die Flüssigkeit den Hals nicht erreicht. Der Beischlaf zwischen Mann und Frau ist nur während der Nacht gestattet; am Tage erlaubt der Koran immerhin 'zärtlichen Körperkontakt' und Küsse. Aderlass und Blutentnahme sind erlaubt, genauso wie das Abschmecken des Essens. Auch hier gilt die Regel, dass nichts den Hals erreichen darf. Zur Abkühlung ist eine erfrischende Dusche erlaubt.
 
Fasten wird nach dem religiösen Gesetz als Enthaltung des Fleisches definiert. Es gibt aber auch ethisch-moralische Komponenten. Diese verlangen, dass z.B. keine üble Nachrede getätigt wird; dass nicht beleidigt, gelogen und verleumdet wird.
 
Die Auseinandersetzung mit dem Ramadan ist allgegenwärtig. Meine selbstauferlegte, aber ayurvedisch ausgerichtete, Körper- und Geistesreinigung kommt dem Fasten der Muslime sehr entgegen, auch wenn dazwischen Welten liegen. Bemerkenswert ist die Hingabe, mit der ich bei meinem Vorhaben hier unterstützt werde. Die Sensibilität, die der Ramadan in sich trägt, hilft also auch mir. Der Geist ist auf dem besten Weg, und der Körper zieht nach.
 
In Erinnerung an den Alten Fritz, der mit dem Ausspruch  'Jeder soll nach seiner Faҫon selig werden' das Miteinander im preußischen Reich geregelt hat, sende ich die allerbesten Sonnengrüße aus der Welt der Muslime.

Michael