Michael Schultz Daily News Nr.481

Lombok, den 29. Juli 2013

Liebe Freunde,
 
die Niederlage der Bayern vergangenen Samstag im Supercup gegen Dortmund ist sogar in meinem kleinen Hotel auf Lombok ein großes Thema. Das gesamte Personal trauert. Vor ca. vier Wochen weilte Manuel Neuer mit seiner Freundin hier, und seitdem gibt es in diesem Teil der Insel ausschließlich Bayern Fans. Ausgerechnet dort muss ich landen. Mich hat's gefreut, und daraus mache ich auch keinen Hehl, dass die Bayern mal wieder verloren haben. Nach deren letzter Supersaison ist dies auch keine Schande. Dem Fußballdeutschland tut das gut, und die 4:2 Endspielschlappe verdeutlicht, dass auch anderswo bei uns guter Fußball gespielt wird. Kenner wissen dies schon lange, und so wie die Bayern augenblicklich drauf sind, gibt es in der Bundesliga viele Mannschaften, die ihnen den Schneid abkaufen können. Das garantiert eine spannende Saison und füllt die Stadien. Jeder will die Übermannschaft aus München verlieren sehen. 
 
In Bayern, und das ist nicht von der Hand zu weisen, gehen zuweilen die Uhren anders. Nirgendwo sonst könnte in Deutschland der Präsident eines Sportvereines bei erwiesener Steuerhinterziehung seine Ämter weiter behalten. Das geht nur dort, aber auch nur, weil bedeutende Wirtschaftsbosse und die staatstragende Partei den Betrug an der Allgemeinheit tolerieren. Die Amigos halten zusammen, und das haben sie schon immer so gehalten. Die Bundeskanzlerin steht dem nicht nach. Während des Champions League Finales erteilte die Grand Dame der deutschen Politik dem Sünder per öffentlichkeitswirksamem Handschlag ein deutlich sichtbares Generalpardon. Mit dieser Seelenreinigung war dem Sünder hochoffiziell vergeben, und niemand in Bayern wagt sich fortan den Gescholtenen zu tadeln. Am Ende musste ihn eine Preußin vor dem Untergang retten. Oh Schmach.
 
Ein anderer, er lebt auch in Bayern, hat seine frau geschlagen, einige Autoreifen zerstochen und  unlautere Geldschiebereien bei einer bayerischen Bank aufgedeckt. Für die bayerische Justiz war das zu viel. Man erklärte den Delinquenten kurzer Hand für geisteskrank und steckte ihn in die Psychiatrie. Dort verweilt er nun seit sieben Jahren, und weil die Unrechtmäßigkeit seiner Einweisung immer wahrscheinlicher wird, muss er erst recht drin bleiben. 
 
Weit über die bayerischen Staatsgrenzen hinaus beschäftigt der von Fall Gustl Mollath unsere Gesellschaft. In der letzten Woche wurde die Rechtmäßigkeit des 2006 gefällten Urteils überprüft. Das Landgericht Regensburg wies den Wiederaufnahmeantrag mit der Begründung zurück, dass das seinerzeit gefällte Urteil zwar Mängel aufweise, diese aber nicht bewusst begangen wurden und somit keine Rechtsbeugung vorliege. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: im Klartext heißt das, dass ein sachlich fehlerhaftes Urteil nur dann angefochten werden kann, wenn dem Gericht Böswilligkeit unterstellt werden kann.
 
Das Bundesverfassungsgericht wird sich bald damit beschäftigen. Das steht fest. Der Gerechtigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass die Selbstherrlichkeit der Justiz kein ausschließlich auf Bayern bezogenes Phänomen ist. Auch andernorts ist rechtens, was rechtskräftig ist. 
 
Das bajuwarische 'mir san mir' Lebensgefühl lässt die Brüste anschwellen. Bei Männlein wie Weiblein. Und ehrlich gesagt, kann man bei objektiver Beurteilung ihnen den Stolz nicht verwehren. Mehr als anderswo wird dort die Tradition bewahrt und der Fortschritt gepredigt. Darauf dürfen sie sich was einbilden. Enorme technische Errungenschaften kommen aus dem Süden; das mit Abstand beste Bier; kaum Arbeitslose und eine Museumslandschaft, die in der Republik seines gleichen sucht.
 
Woran also liegt es, dass die Bayern so extrem polarisieren? An ihrem FC - an nichts anderem. Im Besonderen Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß, die beiden Vormänner des Clubs, haben dieses Image in jahrlanger Kleinarbeit mühsam aufgebaut. 'Uns kann keiner' war deren Botschaft; aber auch heute noch sind solche Töne aus dem Innersten des Vereins zu hören. Erst mit der Steueraffäre von Uli Hoeneß wurde man an der Säbener Straße ein wenig kleinlauter. Jüngst ist durch die Münchener Staatsanwaltschaft bekanntgeworden, dass man wegen Verjährung einen Teil der Steuerhinterziehung fallen lassen will und Hoeneß wegen der dadurch dann festzustellenden geringeren Schuld  mit einer Bewährungsstrafe davon kommt. Doch anstatt in sich in Demut vor dem Rechtsstaat zu verbeugen, werden die Töne wieder lauter. Verrichten muss das schmutzige Geschäft neuerdings Matthias Sammer. Und er tut das so, als wäre er schon immer ein Bayer gewesen. 
 
Die Schlappe gegen Dortmund kommt zur rechten Zeit. Vielleicht hilft sie den Vielgeschmähten zurück auf den Pfad der Tugend, und ihr Club wird auch außerhalb der Staatsgrenzen zum Sympathieträger. Auf Lombok ficht das niemand. Dort zeigt man mit geschwellter Brust die Fotos mit dem Bayern Torwart. Die Kolonialisierung der Fußballwelt schreitet voran. Für die expandierfreudigen Bayern sicherlich die beste Lösung.
 
Deutschlands Fußballfrauen wurden gestern in und gegen Schweden Europameister. Das Endspiel endete 1:0. Bereits zum achten Mal gewannen die deutschen Fußballfrauen die EM, doch so richtig mitbekommen hat dies niemand. So wird auch dieser Titelgewinn schnell wieder vergessen sein.
 
Im schwäbischen Tuttlingen wird man den Auftritt von Helge Leiberg so schnell nicht vergessen. Um seiner Performance zu Dantes göttlicher Komödie folgen zu können, war das Haus bis zum Bersten voll. Ein Hochgenuss für die sonst nicht so reichlich mit Kultur versorgten Oberschwaben.
 


Selten war die Städtische Galerie in Tuttlingen so gefüllt wie bei der Ausstellungseröffnung von Helge Leiberg. Ein großer Abend für das schwäbische Publikum

 

 

 

Zum Schluss sende ich die allerbesten Montagsgrüße von meiner Urlaubsinsel. Diese Reise gilt der ausschließlichen Reinigung von Körper und Geist. Detox ist das Zauberwort. Es muss raus, was raus muss, und morgen geht es weiter. Heute wird in Kassel der Prozess gegen Jonathan Meese fortgesetzt. Auch er entgiftet sich ab und zu. Wollen wir hoffen, dass das Gericht seine Selbstreinigung als Entgiftungsperformance durchgehen lässt.
 
Wenn ich irgendwann mal Berlin verlassen müsste, dann käme als Alternative nur München in Frage. Doch das nur so am Rande.

Bis morgen.

Michael