Michael Schultz Daily News Nr.477

Berlin, den 23. Juli 2013

Liebe Freunde,

um  diesen Newsletter Tag für Tag  verfassen zu können, ist es unablässig, Anregungen und Informationen bei den 'professionellen' Kollegen zu suchen. Hierfür habe ich mir im Laufe der Zeit ein spezielles Raster entwickelt. Zu diesem gehört der regelmäßige Blick ins Fernsehen; speziell in das Morgenmagazin; der tägliche Blick in die 'Süddeutsche'; am Wochenende in die 'FAZ' und das 'Handelsblatt' und sonntags in den Berliner 'Tagesspiegel'. Hinzu kommen der 'Spiegel' und der 'Stern' und wenn ich im Flieger sitze, greife ich auch zum Boulevard. Die  'Bunte' und die 'Bild' müssen dann herhalten. Man entwickelt einen Blick fürs Wesentliche und kennt die Besonderheiten der Gazetten. In der 'FAZ' z.B. erscheint jeden Samstag ein umfangreicher 'Kunstmarkt'; im 'Handelsblatt' ist dies am Freitag; die 'Süddeutsche' ist gut lesbar und meine Tageszeitung; und der 'Tagesspiegel' gibt sich nur sonntags wirkliche Mühe, eine lesbare Zeitung zu sein. Dort erscheinen die Todesanzeigen im Sportteil. Worüber ich mich Woche für Woche wundere und nie bin ich mir sicher, ob ich das gut oder schlecht finde.  Die Nachricht über den Tod als sportliches Ereignis zu rubrizieren; das ist Geschmacksache, aber auch mutig.

Der 'Spiegel' gehört zu den am meisten zitierten Blättern; dicht gefolgt von der 'Bild'. Im aktuellen wird auf ein kulturelles Ereignis der Extraklasse hingewiesen: am kommenden Donnerstag wird in der Salzburger Galerie von Thaddaeus Ropac eine Wortskulptur von Erwin Wurm inszeniert, die es in sich hat. In dieser beschimpft er aufs deftigste die Mechanismen des Kunstmarktes und vergreift sich dabei in seiner Wortwahl. Über den russischen Oligarchen und Kunstsammler Roman Abramowitsch schreibt er u.a.: 'Abramowitsch hat sicher den größten, längsten Schwanz, weil er das größte, längste Boot hat. dieser längste Schwanz bedroht alle zwei Jahre die tollste Biennale der Welt, die Venedig Biennale. Sein Schwanz legt sich darüber und lässt sich bewundern (.....) dieser Oligarch - der reichste, die reichsten, die geschmacklosesten, die peinlichsten, die mit den schlechtesten Manieren, die mit dem Nur-Geld-macht-die-Welt-Blödgesicht. Die mit dem Ich-kauf-mir-alles-auch-dich-Gesicht - in diese Gesichter, diese Arschgesichter würde ich gerne treten, so richtig. So richtig, dass ihnen das Arschgesicht adäquat zu ihrem Blödmannschädel passend gemacht erscheint.'

Das ist geschmacklos; mehr als das, sichert aber dem Künstler und seinem Galeristen schon mal drei volle Seiten im 'Spiegel'. Und wenn es dort steht, dann verselbständigt sich die Meldung und verbreitet sich in Windeseile. Die Publikumsbeschimpfung im Repertoire gehörte in den 70er und 80er Jahren zum Handwerk eines jeden progressiven Theatermachers. Auch die 'jungen Wilden' um Rainer Fetting, Bernd Zimmer, Salome und Helmut Middendorf beschimpften Anfang der Achtziger ihre Ernährer. Nach dem Motto 'du kannst mich mal' wurde wild um sich geschlagen. Einigen gefiel das - Anderen nicht. 

Wurm, der sich jetzt mit seinem Zornesschrei in die Amada der Unerschrockenen einreiht, verdankt seinen ansehnlichen Fuhrpark und seine schlossähnliche Behausung, seinen gesamten Wohlstand ausschließlich denen, die jetzt wüst von ihm beschimpft werden. Doch es ist recht durchsichtig und letztlich ein Kampf gegen sich selbst. Ein autobiografischer Text, der aufzeichnet wie wenig selbstbewusst der Künstler sich und seine Arbeit bewertet. Auf der Suche nach der finalen Brust hat er sich verheddert und wird, so sieht es zumindest aus, diese niemals finden.

Das Spektakel hilft ihm für einige Tage zu überleben. Doch was kommt dann?

Es gibt Kühe die geschlachtet werden müssen. Doch Wurm hat seine Milchkuh zum Schlachter geführt. Ob das gut geht?

Euch wünsche ich einen angenehmen Sommertag und sende wie immer die besten Grüße.