Michael Schultz Daily News Nr.476

Liebe Freunde,

auch im Hochsommer beschäftigen wir uns sehr intensiv mit der strategischen Ausrichtung unserer Arbeit. Die Ausstellungsplanung für das kommende Jahr muss festgezurrt werden; Messebeteiligungen kommen auf den Prüfstand; die bestehenden Kontakte zu Kuratoren und Kollegen werden vertieft. Wenn es draußen warm ist, haben wir dafür einfach mehr Zeit, und das ist auch gut so. 

Besonders die Messestrategie hat es uns in den letzten Tagen angetan. Wo wollen wir, mit welcher Kunst, wann aufschlagen, ist die drängendste Frage. Oft sind die Antworten nicht so schwierig, aber mancherorts müssen die eingereichten Messekonzepte einer musealen Supershow gleichen.  Ohne diesen Seiltanz zugelassen zu werden, ist nur wenigen vorbehalten. Dies gilt insbesondere für das Zulassungsverfahren der sog. 'Basel Messen'. Dort sitzen Kollegen im Komitee, die einerseits eigene Pfründe schützen und andererseits sorgsam darauf achten, dass die Stände der Mitaussteller zwar gut aussehen aber nicht marktkompatibel sind. Das hört sich kompliziert an, ist im Ergebnis aber ganz einfach. Das beste Beispiel war die Nichtzulassung von Eigen+Art vor zwei Jahren auf der Art Basel. Anspruchsvolle Malerei in verständlicher Hängung verspricht Erfolg, und den gilt es zu verhindern.  

Die Branche weiß Bescheid, und besonders die jüngeren Kollegen bieten sich einen erbitterten und nicht selten existenzbedrohenden Kampf um die 'freien' Messeplätze. Auf höchstem Museumsniveau werden Ausstellungen inszeniert; Kuratoren der internationalen Spitzenklasse engagiert, und die Künstler werden mit üppigem 'Installationsetat' ausgestattet. So mancher Museumsdirektor kann nur träumen von den Summen, die ausgegeben werden. Doch um weiter zu kommen, führt wohl kein Weg  daran vorbei. Meint man.

Dass dabei einige auf der Strecke bleiben, wird bedauert, zur Kenntnis genommen und ist schnell vergessen. Galerien, die seit zwanzig, dreißig oder mehr Jahren im Markt aktiv sind, können das nur sein, wenn sie sich treu geblieben sind. Das ist anhand vieler Beispiele ablesbar. Wer im Wettbewerb mit den staatlich subventionierten Museen die Gunst um Geschäft und Anerkennung sucht, ist von vorn herein auf verlorenem Boden. Doch der Trend geht in diese Richtung, und dies ist mit ein Grund, warum die Showräume immer grösser werden und die Ausstellungen anspruchsvoll und extravagant in Szene gesetzt werden. Leisten können sich das nur wenige, und diese auch nur, weil sie im Hintergrund mit sogenannten 'Blue Chips' ihr Geld verdienen. Wer dazu keinen Zugriff hat, ist auf verlorenem Boden.

Eine Meldung im Berliner 'Tagesspiegel' von gestern hat schnell die Runde gemacht: der Galerist Martin Klosterfelde gibt auf. Nach 18 Jahren und 104 Ausstellungen werden die Räume geschlossen. Dafür herhalten muss '(.) die Schere zwischen saturierter Marktmacht oben und den leidenschaftlich erkämpften, schwer verkäuflichen Programmprofilen unten (.)'. Das ist gut formuliert, triff den Kern und ist dennoch falsch. Solange sich Galeristen als Scouts in den Studios und an den Hochschulen umsehen, junge Talente entdecken und fördern, diese partnerschaftlich an Kunstvereine und Museen weitervermitteln und für die Marktetablierung weitere Partner mit ins Boot nehmen, kann nichts schief gehen. Erst dann, wenn der Galerist all diese Funktionen in sich selbst bündelt, wird es  schwierig, und das Scheitern ist vorprogrammiert. Wenn es dann dazu kommt, ist das Geschrei erst mal groß; verstummt aber schnell. Wer in Berlin zum Beispiel spricht denn noch über Ben Kaufmann oder Giti Nourbakhsch? Niemand. Sie waren plötzlich da und genauso schnell wieder weg.

Kontinuität im Denken und Handeln ist gefordert, und wer das kann, überlebt sich selbst. Mehr wollen wir doch eigentlich gar nicht.

Kunst gilt als das Investment  unserer Zeit, so der 'Spiegel' in seiner neuen Ausgabe. Zeitlos, krisensicher und rentabel werden die Schätze erworben und zur Aufbewahrung und Wertsteigerung in gut gesicherten Hochbunkern gelagert. Die Schweiz gilt wegen seiner profitablen Steuerpolitik als guter Lagerplatz; aber auch in Singapur, Hongkong und Luxemburg  lechzen Warehouses nach den Pretiosen wohlhabender Kundschaft. Die Ware verschwindet vom Markt und taucht nach einigen Jahren plötzlich wieder auf; gilt fortan als marktfrisch und wird mit enormem Gewinn veräußert. 

Wir als Markteilnehmer beobachten das mit Respekt und freuen uns über jeden Gewinn, der durch unsere Vermittlung entstanden ist. Im Primary- ein wenig mehr als im Secondary Market. Die meisten, die heutzutage viel Geld mit Kunst verdienen, vergessen gerne, dass die Warhols, Richters, Rothkos, Polkes und Baselitz' einst die schwerverkäuflich jungen Künstler ihrer Generation waren. Alles spricht dafür, und wir sind uns ganz sicher, dass Segmente aus unserem Programm eines Tages auch in den Hochbunkern gelagert werden. Und nur danach richtet sich unser strategisches und konzeptionelles Denken.

In diesem Sinne wünsche ich einen angenehmen Sommermontag und sende

beste Grüße,

Michael.