Michael Schultz Daily News Nr.475

Berlin, den 19. Juli 2013

Liebe Freunde,

mehrmals musste gestern vor dem Kasseler Landgericht der Prozess gegen Jonathan Meese unterbrochen werden. Es ging nicht nur um juristisches Geplänkel, sondern im Besonderen darum,  ob bestimmte Beweismittel zugelassen werden oder nicht. Meese selbst erklärte die 'Hitlergruß'-Performance zur Kunstaktion, die mit seiner persönlichen Meinung nichts zu tun habe. Niemals werde er z.B. in einem Restaurant den Hitlergruß zeigen 'Ich bin doch nicht bescheuert' sagte er vor Gericht. In seinen Angaben zur Person sagte er, dass er früher 100 Bilder im Jahr verkauft hat, das teuerste zu 60.000 Euro. Wegen seiner hohen Produktion seien die Preise  nicht so gestiegen; heute verkaufe er weniger. Am 29. Juli soll der Prozess weitergeführt werden - mit offenem Ausgang. 

Gefahr droht ihm auch aus Mannheim. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft zu ähnlichen Vorwürfen: anlässlich einer Performance im Nationaltheater hat er am 26. Juni mehrmals den Arm zum Hitlergruß erhoben, und zu allem Überdruss eine Puppe mit Hakenkreuzsymbolen bemalt. Das garantiert ihm zwar weitere Öffentlichkeit, doch mittlerweile rutscht er so nach und nach  vom Feuilleton  in die bunten Unterhaltungsseiten des Blätterwaldes. Dort wird es gefährlich für ihn; sowohl vor Gericht, als auch in seiner Wahrnehmung als ernsthafter Künstler.  Seine  Prozesstaktik, in der er strikte Trennung zwischen ihm als Künstler und ihm als Privatperson vorgibt, wird schwer zu vermitteln sein.  Das nimmt ihm keiner so richtig ab. Die Weiterführung der Verhandlung wird mit Spannung erwartet. 

Genauso spannend wird es heute, wenn sich die Kanzlerin in der Bundespressekonferenz zur US-Spionage  äußert. So eindeutig hat sie dazu bisher ja noch nichts gesagt. Im Vorfeld wurde bekannt, dass das ganze Thema nach Europa verlagert werden soll, und in den EU-Ländern künftig nur noch nach deutschem Vorbild und Richtlinien spioniert werden kann. Wiedermal rettet sie sich durch Europa aus der Schlinge. Das macht sie geschickt, und deshalb muss sie sich vor der anstehenden Wahl keine großen Sorgen machen. Der einst ernstzunehmende Gegenkandidat der SPD, Peer Steinbrück, hat aufgegeben und schippert lustlos dem Wahltermin entgegen. Ohnehin spricht die SPD mit zu vielen Stimmen. Ein deutlicheres Zeichen zur persönlichen Pfründesicherung nach der zu erwartenden Wahlniederlage kann nicht gesendet werden.

 

Hoher Besuch bei hochsommerlichen Temperaturen: Eva und Adele gemeinsam mit dem Dresdener Sammler Karsten Kretzschmar in der Ausstellung von Rebecca Raue. 

 

Aus Edenkoben, einem idyllischen Ort inmitten von Weinbergen, irgendwo in der Nähe von Koblenz, kommen die besten Grüße von Bernd Kirschner. Vor einigen Tagen reiste er zum 'Arbeitsantritt' dort an, um sein bis zum Ende des Jahres dauerndes Stipendium wahr zu nehmen. Der tägliche Empfang der 'Daily News' hält den Kontakt zur 'Familie' und an manchen Tagen kann er die Zustellung 'kaum erwarten.'  

Heute Abend wird im Kunstverein Neukölln die Ausstellung 'Lieblingsstücke' eröffnet. Dabei sind u.a. Arbeiten von Sonja Alhäuser. Kuratiert wurde das Ganze von Peter Hock, und weil die Idee der Ausstellung schwer vermittelbar ist, tun wir das hier mit dem folgenden Zitat aus der Presseerklärung: "Zahlreiche der gezeigten Arbeiten stammen von so genannten 'Outsidern', also von

Menschen, die in diesem Falle 'psychisch herausgefordert' sind. Die Frage, welche künstlerische Herkunft die Urheber der Werke prägt, bleibt für die Präsentation erst einmal zweitrangig: Gewisse Gestaltungselemente und Methoden im Schaffen von zeitgenössischen Künstler/innen finden sich hier ebenso, kommen aber eher unbewusst zum Tragen. Erfolgt dort die Loslösung von ästhetischen Konventionen als reflektiert eingesetztes Ausdrucksmittel, so ist sie hier der zustandsgebundene Ausdruck einer impulsiven Kunstproduktion."

Ja, manchmal folgen die Kuratoren einer Idee und können nicht erklären warum. So werden dann die Ausstellung zum Kunstwerk und der Kurator zum Künstler. Warum auch nicht.

Die Vorbereitungen zur Maik Wolf-Ausstellung  im Mannheimer Kunstverein (20. Oktober - 24. November 2013) sind in vollem Gange. Gestern wurde ein erster und ansehnlicher Katalogentwurf vorgelegt.  Im Kern der Ausstellung werden neue und bisher noch nicht gezeigte Werke stehen. Um der Show nicht vorweg zu greifen - es wird spannend.

Spannend wird es auch für Helge Leiberg, für den gestern eine Einladung zur Teilnahme an einem Skulpturenprojekt in Bingen/Rhein eintraf. Dort wird im kommenden Frühjahr, entlang des Rheins,  eine von André Odier (Nationalgalerie Berlin) kuratierte Freiplastikausstellung gezeigt, in der der Mensch in seiner Ganzheit  im Mittelpunkt steht. 

Die Situation in China ist bereinigt. Der Zoll akzeptiert unsere Ausstellungspapiere. Die für heute in Istanbul geplanten Gespräche finden nun in Berlin statt; auch das erspart mir die Reise dorthin. Es geht ins Wochenende;  bei dem zu erwartenden Wetter kann's besser nicht kommen. Die Fußballsaison beginnt heute mit dem ersten Spiel in der zweiten Liga. Für Burkhard Held ist damit die Leidenszeit nun endlich zu Ende und die Wochenenden bekommen wieder Sinn. Aus seinem Umfeld  war zu hören, dass er sich aus lauter Verzweiflung die Europameisterschaftsspiele der Damennationalmannschaft ansieht. Na ja....

Am Montag geht es weiter, und bis dahin sende ich die besten Grüße.

Michael