Michael Schultz Daily News Nr.471

Berlin, den 15. Juli 2013
 
Liebe Freunde,
 
die inhaltlichen und strategischen Gespräche mit den Künstlern sind enorm wichtig und stehen in der Regel alle sechs bis acht Wochen an. In den vergangen Tagen habe ich mit Rebecca Raue über ihre Ausstellungsplanung bis Ende 2014 diskutiert; mit Helge Leiberg über sein neues Skulpturenprogramm; mit Burkhard Held über eine Jubiläumsshow im Oktober sowie über den Guss einer Großplastik; mit SEO über ihre Museumstournee im kommenden Jahr; mit Andy Denzler über einen Galeriewechsel in New York, seinen Atelierumzug nach Berlin und das zukünftige Ausstellungsprogramm; mit Römer + Römer über ihre anstehende Ausstellung bei uns, die Kataloggestaltung, Anzeigen- und Einladungskartenmotive sowie über ihre bevorstehende Museumseinzelausstellung in Brasilien.
 
Das macht alles einen Riesenspaß, schafft Nähe, verbindet und motiviert. In den Ateliers bin ich immer willkommen, auch wenn die Produktion gerade stockt oder es nicht viel Neues zu sehen gibt. Das optimiert die Zusammenarbeit. Bis zu meiner Urlaubsreise werden die Gespräche fortgesetzt: In München will ich morgen mit Sabina Sakoh über div. Messebeteiligungen und Ausstellungsvorhaben reden; die große Museumsshow in St. Etienne für Cornelia Schleime weiter vorbereiten und für Bernd Kirschner Ausstellungstermine festzurren. Stephan Kaluza wird in Dresden eingefädelt und bekommt eine Einzelausstellung in einem renommierten brasilianischen Museum.
 
Nicht selten werfen wir uns gegenseitig die Bälle zu. In diesem Ideenwechsel werden Ziele formuliert, die in der Regel dann auch realisiert werden. Künstler wollen gerne omnipräsent, überall und mit vielen Werken zu sehen sein. Sie denken, nur dadurch schaffen sie eine qualitätsvolle Marktpräsenz. Es gibt viele gute Beispiele, dass es gerade das nicht ausmacht. Weniger ist oft gut. Von allen Ausstellungsanfragen für SEO zum Beispiel stimmen wir nur ganz wenigen zu. Das steht so in etwas im Verhältnis 10:1. Daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Das geht aber nur, wenn sie mitzieht, und das tut sie.
 
Selten, aber immerhin doch, werden auch wir vor vollendete Tatsachen gestellt. Per Mail und ohne vorherige Absprache werden wir aufgefordert, bestimme Bilder zu einem Ausstellungsort zu liefern. Natürlich tun wir das - wenn auch ungern - weil diese Wald-und Wiesenausstellungen nur Unheil bringen. Spätestens dann, wenn die Ausstellungsbiografie maßgebend für wichtige Entscheidungen sind. Dies gilt für Messebeteiligungen gleichermaßen wie für Museumsprojekte. Der erste Blick gilt der Biographie, und dann kommt erst das Werk. Das ist ungerecht, aber es ist so.
 
Als Kunstschaffender muss man auch mal verzichten. Besonders dann wenn der Anspruch das verlangt. Das können nicht alle, aber bei denen, die es weit gebracht haben, kann gerade das an der Biographie abgelesen werden. Die Verführung ist oft groß, und beim gegenseitigen Konkurrenzkampf verliert man schnell das Ziel aus den Augen. Gute Ratgeber sind in solchen Augenblicken nicht Künstlerkollegen sondern ein professionelles Management. Der unverklärte und zielorientierte Blick von 'draußen' hilft, zu verzichten. Man muss ihn nur abrufen.
 
Schlecht beraten, und das gibt es eben auch, war der einstige Malerstar Jonathan Meese. Das ist heute bewiesen. Alles, was im Atelier zusammengefegt werden konnte, wurde auf den Markt geworfen - Bilder, die das Atelier niemals hätten verlassen dürfen. Da hat eindeutig das Management versagt. Niemand hat der Gier des Künstlers Einhalt geboten; vermutlich sind die Berater selbst Opfer dieser Sucht geworden. Nach der Trennung von seiner Stammgalerie hängt Meese nun mehr oder weniger in der Luft und konzentriert sich auf das, was er besonders gerne macht: er performt und provoziert. Dass das auch ins Auge gehen kann, wird der am Donnerstag dieser Woche stattfindende Prozess in Kassel zeigen. In der Hauptverhandlung will das Gericht klären, inwieweit die künstlerische Freiheit den im unserem Lande aus gutem Grund verbotenen Hitlergruß erlauben soll.
 
Wie hinlänglich bekannt, gehört dieser zum gestischen Mobiliar Meeses. Doch jeder, der ein wenig in sein Psychogramm eintaucht, kann ihm darüber nicht böse sein. Im Gegenteil: mit seiner Forderung nach der 'Diktatur der Kunst' stellt Meese sich selbst in Frage, und wenn er dies auch noch mit Hitlergruß unterstreicht, liefert er den Beweis gleich mit. Das alles ist sicherlich ohne Konzept und im Chaos des Augenblicks entstanden. So sei ihm verziehen. Sollte aber der Hitlergruß aus Frust über seine Nichteinladung zur Documenta oder zur Venedig Biennale entstanden sein, dann ist es Kalkül, und Meese verhält sich nicht anders als die vielen Rechtsradikalen, die sich als Verlierer in unserem Sozial- und Wertesystem sehen.
 
In der aktuellen Ausgabe des Wochenmagazins 'der Spiegel' wird hierzu ein bemerkenswertes Interview veröffentlicht. Meese in seinem Element, wie er denkt und faucht. Bis auf einige Passagen ist das auch richtig gut. Die Auseinandersetzung um sein Spiel mit den Nazi Insignien kann für ihn zur Götterdämmerung werden. Spätestens dann, wenn in Bayreuth die Angst vor einer neuen Nazidiskussion kursiert. Im letzten Jahr hat es den russischen Bassbariton Evgeny Nikitin erwischt, weil er ein Hakenkreuztattoo am Oberarm trug. Eine Jugendsünde, die für ihn zur Falle wurde.
 
Meese scheint immer noch schlecht beraten zu sein. Jetzt gerade erwartet die Kunstwelt einen neuen starken Auftritt als Maler. Sein Denken war dort schon immer spannender als sein Geschrei darum.
 
Meese wünsche ich am Donnerstag selbstbewusste aber milde Richter und Euch wünsche ich eine starke Woche.

Nachgereicht möchte ich noch vermelden, dass ich mich gestern Nachmittag unter fachkundiger Führung von Burkhard Held und SEO zum Tag der offenen Tür in der UdK aufgehalten habe.
Auch wenn mich die Neugier dorthin getrieben hat, gab's nicht viel Spannendes zu sehen, die Auseinandersetzung damit, hat sich dennoch gelohnt.

Beste Grüße,

Michael