Michael Schultz Daily News Nr.467

Berlin, den 9. Juli 2013

Liebe Freunde,

Joseph Beuys, und das wissen wir von ihm selbst, stürzte im März 1944 mit einer Stuka Ju 87 auf der Krim ab. Dass er den Sturz überlebte, verdankt er der Rettung durch Tataren und Schamanen, die ihn mit Fett eingerieben und in Filz eingewickelt haben sollen. So jedenfalls soll es sich laut Beuys zugetragen haben. Dieses Trauma mystifizierte er und aus ihm heraus ist seine Kunst entstanden, die sich zeitlebens gegen den Krieg, dessen Folgen und das psychische Elend der überlebenden Soldaten richtete. Er propagierte eine andere Weltordnung, gehörte zu den Mitbegründern der Grünenbewegung und sensibilisierte Generationen Früh- und Spätgeborener für mehr Bewusstsein zum eigenen Handeln. Beuys war Pazifist, doch das wird jetzt in Frage gestellt.

Der Pilot des Kampfflugzeuges, Hans Laurinck, erlag bei dem Absturz seinen schweren Verletzungen. Am 3. August verfasste Beuys einen Beileidsbrief an die Familie des gefallen Kameraden. Dieser wurde nun öffentlich, und im aktuellen 'Spiegel' Faksimile abgedruckt. Kommentiert wird das geschriebene von Ulrike Knöfel, die zu der Erkenntnis kommt, dass die selbst gestrickte Kriegslegende um den Avantgarde Superstar der 70iger und 80iger nun endgültig zusammen gebrochen ist. Die Maschine  der  beiden wurde nicht von russischen  Abfangjägern vom Himmel geholt; schlechtes Wetter war der Grund, und möglicherweise navigatorische Fehlinterpretation des dafür verantwortlichen Bordmitgliedes Joseph Beuys. In seiner Geschichte war er der Pilot, doch dieses ist nun widerlegt. 

Nun wird alles Andere was zur Legendenbildung seiner Filz- und Fettkunst förderlich war, in Frage gestellt.  In einer vor kurzem erschienen Biographie des Autoren Hans Peter Riegel verweist dieser auf  Beuys Nähe zu alten Nazis und auf seine Teilnahme an diversen Kriegskameradentreffen. In Zusammenhang mit dem Brieffund, in dem außer der Erkenntnis über die wahre Ursache des Absturzes eher Belangloses stand,  und den 'Neuigkeiten' aus der Biographie, soll nun der Mythos Beuys in seinen Grundfesten erschüttert werden. Ob das gelingt, ist allerdings mehr als fraglich.

Beuys hat ein selbsterlebtes, existenzielles Kriegserlebnis mit seinem subjektiven Empfinden verarbeitet. Sein Überleben hat ihn zum Heroen vor sich selbst gemacht, und aus diesem psychologischen Phänomen heraus entstand seine Sicht der Dinge und mit ihr seine ureigene Wahrheit. Dass diese nicht oder nur teilweise mit dem tatsachlich Geschehenen übereinstimmt, ist nebensächlich. Der Krieg war verloren. Auch wenn man ihnen nicht die Schuld daran gab, galten die Frontkämpfer als die Verlierer. Eine Heldenverneigung wie für die Soldaten in den Kriegen davor, fand nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie nicht statt. Im Niemandsland der Zurückgekehrten strickte so mancher seine eigene Heldenlegende. Zum Überleben in Würde war diese unabdingbar.

Auf Grund der neuen Erkenntnisse heute nun an der revolutionären Schaffenskraft von Joseph Beuys zu zweifeln, ist opportun. Ohne seine Fähigkeit, Erlebtes in Überlebbares zu transformieren, wäre er nie der Wegbereiter eines neuen Denkens geworden. Künstler, und dieses Recht sollten wir ihnen nie nehmen, müssen eine andere Wahrnehmung haben. Die durch diese entstandenen Kunstwerke ermöglichen uns nicht selten den Blick über den Tellerrand; und wer möchte diesen schon missen. 

Anlässlich der Vernissage der Rebecca Raue-Ausstellung gab mir mein alter Freund und Mentor, Michael Wewerka, den Rat für diesen täglichen Newsletter nicht so viel zu schreiben. Heute will ich ihn mal befolgen; doch bevor ich dies tue, möchte ich auf das neue Album ('Geilon') des Rappers MC Fitti hinweisen. Zu dessen Inhalt der Musiker heute im Frühstücksfernsehen folgendes sagte: 'alles leerer Kram, ohne Botschaft, aber mit ein bisschen Message'. Für solche Aussagen lieben wir unsere Künstler.    

Wie bereits gestern angekündigt, zieht es mich heute nach Dresden. Dort wird morgen in der Kunsthalle die Ausstellung von Monika Sigloch eröffnet. Als Hängekommissar und Eröffnungsredner ist meine Anwesenheit erforderlich.  Morgen dann also melde ich mich aus Sachsen, und bis dahin sende ich (wie immer) die besten Grüße.

Michael