Michael Schultz Daily News Nr. 498

Berlin, den 21. August 2013

Liebe Freunde,

das Schaffen der Künstler dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Unter dem Motto 'Kunst braucht Fläche' wurden Anfang August im Berliner Stadtbild auf ausgewählten Werbeflächen Kunstwerke junger Künstler präsentiert (wir berichteten darüber). Noch bis zum Sonntag wird ein ähnliches Projekt in ganz Großbritannien zu sehen sein: auf über 22.000 Werbetafeln, die über die ganze Insel verteilt sind, werden Arbeiten der wichtigsten britischen Künstler gezeigt. Unter ihnen Damien Hirst, Anish Kapoor, Lucian Freud, Peter Blake und weitere 54 Weltstars der englischen Kunstszene. Die Kunstwerke wurden auf einer Internetplattform vorgeschlagen und vom Publikum per Mausklick ausgewählt. Zu dieser landesweiten Aktion gesellten sich die Londoner Taxi- und Busunternehmer; 1000 Taxen und 2000 Busse der Themsemetropole wurden ebenfalls in temporäre Museen verwandelt. 'Art Everywhere' wird als das umfangreichste Ausstellungsprojekt in die Geschichte eingehen. Das ist schon jetzt sicher.

Etwas weniger spektakulär ist das gemeinsam von der ARD, dem ORF und dem Schweizer Fernsehen initiierte 'Internationale Teletext Art Festival'. Bei uns zu sehen auf der ARD Teletextseite 850 (ORF Teletext S. 470 / SWISS Teletext Seiten 750 - 764). Dort werden speziell für dieses Medium gefertigte Kunstwerke vorgestellt, die in der Hauptsache von österreichischen, deutschen und Künstlern aus der Schweiz geschaffen wurden. Organisiert wurde das Ganze von der in Helsinki beheimateten Künstlergruppe 'FixC', und insgesamt 16 Künstler haben sich an diesem Projekt beteiligt. Zum Textseiten-Auftritt wird parallel zur Fachmesse 'Ars Electronica' vom 5. bis 9. September eine begleitende Ausstellung im Berliner ARD Hauptstadtstudio zu sehen sein. Am Ende wird der von Experten ausgewählte 'Teletext Art Price 2013' vergeben. Doch auch das Publikum kann sich beteiligen, zu gewinnen gibt es 10 USB-Speicherkarten, die exklusiv für das Kunstfestival designt wurden.  So richtig ausgegoren ist das Ganze nicht, aber es beschäftigt die Fernsehnutzer mit der Kunst; mehr als dies so mancher Sender tut. Immerhin. 

Große Kunst, auch fürs breite Publikum, bietet mal wieder der FC Bayern. Gestern wurden die neuen Mannschaftsfotos unters Volk gebracht. Darin zeigt sich der Club ganz im Zeichen seiner Tradition; er präsentiert sich als weißbiersüchtiger und krachlederner Trachtenverein. Mit dieser genialen Werbestrategie machen die Münchner genau das, was sie am besten können: die Bindung zu den Almbauern wird gefestigt und die Entfremdung zur Restrepublik wird gefördert. Für andere Vereine wäre diese 'Kunstaktion' unvorstellbar. Man stelle sich die Mannschaft des HSV in Seemannstracht, die Fußballer von Schalke 04 in Steigeruniform oder den FC Freiburg in der Tracht der Schwarzwaldbauern vor. Lächerlich wäre das. Nur beim FC Bayern scheint das niemand zu merken (zu sehen ist das gesamte Portfolio auf der GMX Startseite von heute: http://www.gmx.net/themen/sport/bildergalerien/bilder/70akliq-mia-san-fesch-lederhosen#.channel_small.Mia%20san%20fesch%20in%20Lederhosen!.1014.1610). 

Kunst soll provozieren und möglichst polarisieren. Im Fluxus gehörte das zum Programm. Künstler wie Joseph Beuys, George Maciunas, Nam June Paik und Wolf Vostell vollbrachten dies (jeder auf seine Art) bis zur Perfektion.  Irritationen in ihrem Werk waren gewollt; die Auseinandersetzung war gewünscht. Unter diesem Gesichtspunkt können die Mannschaftsfotos der Münchner Fußballer als erweiterter Kunstbegriff gesehen werden. Vielleicht werden sie eines Tages fester Bestandteil unserer Kulturgeschichte. Schade nur, dass das heutzutage noch nicht zu erkennen ist. Mutige Kuratoren sind gefordert; nur jene können dem FC zum Sprung in die Hochkultur verhelfen.

Warten wir's ab. Für heute wünsche ich noch eine angenehme Wochenmitte und erinnere alle Suchtgefährdeten an den in voller Blüte stehenden Mond. Am besten heute Abend zu Hause bleiben. Schöne Grüße und bis morgen.

Michael