Michael Schultz Daily News Nr. 790

Michael Schultz Daily News Nr. 790

Berlin, den 17. Oktober 2014

 

auch wenn es nur ein Kurztrip gewesen ist, so hat sich die gestrige Reise nach London gelohnt. An der Themse präsentiert sich in dieser Woche eine Stadt im Kunstfieber, und die Temperaturen steigen stündlich. Bis zum Sonntag noch wird flaniert, gedealt, gekauft und ersteigert was das Zeug hält. Im absolut hippen Stadtzentrum, in den Bezirken Mayfair und Soho  haben sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe angesagter und international agierender Kollegen niedergelassen. Auf musealem Niveau werden dort sehenswerte Ausstellungen präsentiert; bei Marian Goodman ist dies aktuell Gerhard Richter und um die Ecke bei Hauser & Wirth eine Show von Paul McCarthy.  Die vielen Galerien drum herum liefern in dieser Zeit ihre 'Jahresausstellungen' ab; zur Messe- und Auktionswoche zeigt die Londoner Kunstwelt ihre angesagtesten Protagonisten. Und die Geschäfte laufen wie geschmiert: die Frage nach dem Preis wird in der Regel mit 'Sorry, it's sold.' beantwortet. 

 

Ironie und Witz, aber auch ganz viel Wahrheit vereinigt in einem Kunstwerk. Gestern entdeckt auf der Frieze.

Die 'Frieze' selbst muss man eigentlich gar nicht groß erwähnen; sie spricht für sich - man muss sie erleben. Das ist Messekultur auf allerhöchstem Niveau, und das in allen Bereichen. So wundert es auch nicht, dass man unter den Ausstellern durchweg zufriedene Gesichter sieht. Die Geschäfte laufen gut, und das spiegelt sich in der Stimmung wieder. Durch einen auf sehr hohem Niveau angelegten Ausstellungsparcour wird das Verweilen zum Genuss. Die 'Frieze', und das darf unwidersprochen behauptet werden, die 'Frieze' ist das Nonplusultra des internationalen Messegeschehens. Einzig die britische Überkorrektheit der den Besucherstrom leitendenden Mitarbeiter entspricht nicht den internationalen Standards. Aber das kann sich ja noch ändern. (Regent's Park, noch bis Sonntagabend)

Am Mittwoch dieser Woche strahlte das Erste Deutsche Fernsehen einen dokumentarisch angelegten Spielfilm über Kurt Landauer und den FC Bayern aus. Im Mittelpunkt des Geschehens stand der Wiederaufbau des Vereins im zerstörten Nachkriegsmünchen. Landauer war ein 'deutscher Kaufmann und Fußballfunktionär' so steht es im Wikipedia-Archiv. Doch Landauer war auch Jude, und dieses wurde ihm im vom Rassenwahn verseuchten Hitlerdeutschland zum Verhängnis. 

Bereits im Jahr 1901 kickte er für den damals noch roten FC Bayern München und wurde 1913 erstmals dessen Präsident.  Mit einer kurzen Unterbrechung leitete er den Club bis zur Machtergreifung der Nazis und musste 1933 seine Position aufgeben. Während der Pogromnacht 1938 wurde er verhaftet und ins KZ nach Dachau verschleppt. Dort verweilte er rund 8 Wochen, und nach seiner Entlassung emigrierte er in die Schweiz. Von dort 1947 zurückgekehrt, baute er den am Boden liegenden Fußballklub wieder auf und legte den Grundstein für seine heutige Übermacht. Doch in München liebte man ihn nie wirklich; vermutlich wegen seiner jüdischen Herkunft. 1951 wurde er abgewählt, und 10 Jahre später ist er vergessen und einsam verstorben.

Erst durch Betreiben des Bayern Fanclubs 'Schickeria' wurde Landauers bedeutende Vereinsrolle gewürdigt. Spät, aber immerhin, wurde ihm im Jahre 2013 posthum die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Ein Verein und seine Geschichte sollte die Doku werden, doch so richtig gelungen ist ihr das nicht. Einzig die beiden Hauptdarsteller Joseph Bierbichler und Herbert Knaup überzeugten, die Story selbst war mager und ohne die Schwere der Bedeutung wiedergegeben. Schade, der Film hätte mit einem deutlichen Blick auf seine rumreiche Geschichte so manches Vorurteil beiseite räumen können, aber das ist ihm nicht wirklich gelungen.

Ein anderer ehemaliger Bayernpräsident, Uli Hoeneß, schiebt im Knast beiseite, was die PR-Abteilung seines Klubs seit langem aus der Welt schaffen will: durch seine Arroganz und Überheblichkeit, aber auch mit seinem gelebten 'mir san mir'-Bewusstsein hat er es im Landsberger Gefängnis in kürzester Zeit zum unbeliebtesten Mithäftling geschafft. Eine Auszeichnung, auf die er bestimmt stolz ist; warum auch soll er im Knast zu Respekt und Anstand mutieren. Doch den Mithäftlingen missfällt die ungerechte Behandlung. Uli Hoeneß wird sich nicht ändern, und solange das so ist wird die derzeit beste Fußballmannschaft darunter leiden müssen.

Wie der Herr, so's Gescherr - damit müssen die Kicker so lange leben, bis der Herr vergessen ist. Kurt Landauer war seinerzeit ganz schnell vergessen. Er war Jude und war in Dachau. Erst jetzt und auf gehörigen Druck einiger Ultras hat man sich an ihn erinnert. Solange Uli Hoeneß seinen Knastalltag voller Privilegien genießen kann, solange der Straftäter weder Reue noch Demut zeigt, solange wird sich bei den Bayern nichts ändern. Damit müssen die Anhänger leben. Aber vielleicht wollen wir es ja auch nicht anders.

Morgen kickt die Bundesliga wieder. Für Dortmund beginnt laut Trainer damit der Rest der Saison, und Werder Bremen will in München punkten. Der erste gegen den letzten, David gegen Goliath. Dank Hoeneß sind die Sympathien auch dieses Mal gerecht verteilt.