Michael Schultz Daily News Nr. 789

Michael Schultz Daily News Nr. 789

Berlin, den 16. Oktober 2014

 

'Frieze - der ganz normale Kunstwahnsinn' titelte das 'Handelsblatt' in seiner Onlineausgabe vom gestrigen Tage. Offiziell wird die Kunstmesse heute eröffnet, doch gestern schon durfte ein ausgewähltes Publikum durch das Messezelt am Regent's Park wandeln. Neben der 'Frieze Art Fair' und der 'Frieze Masters', überbietet sich die Kunststadt mit eine ganzen Reihe von Nebenmessen, zahlreiche Auktionen und spannenden Ausstellungen in  Londoner Galerien. Die Versicherungsbranche vermeldet, dass alleine auf den Messen Kunst im Wert von ca. 2,2 Milliarden Dollar zu sehen und zu kaufen ist. Gigantische Summen werden dieser Tage im Kunstmarkt umgewälzt.

Die 'Frieze-Week', wie sie auch genannt wird,  ist kein offizieller Titel so wie etwa die 'Berlin Art Week'. Überhaupt  sind die beiden Kunstereignisse kaum vergleichbar. 'Gleich neun Kunstmessen, sieben Auktionen und über 150 Ausstellungen starten in der britischen Hauptstadt in diesen Tagen. Kein Mensch kann diesen Marathon bewältigen. London ist und bleibt der Kunstmarkt-Hotspot Europas. Im Mittelpunkt als zentraler Anlaufpunkt für die millionen- ach milliardenschweren Oligarchen, Sammler und Investoren steht die 'Frieze Art Fair'. In ihrer zwölften Auflage hat die Kunstmesse 162 Händler und Galerien aus 25 Ländern zugelassen. Der Sektor 'Focus' für jüngere Galerien wurde auf 37 erweitert', berichtet das 'Handelsblatt'.

 

Die aufregendsten Stände wurden von 'artnet' prämiert. Darunter auch der Stand der in Zürich/London/New York ansässigen Hauser & Wirth Galerie. Mit viel Sachverstand und ebensoviel Aufwand kuratiert, gleichen die Messestände auf der Frieze musealen Sonderausstellungen.

Parallel zur Messe für zeitgenössische Kunst findet die 'Frieze Masters' statt. Seit 2012 animiert diese Messe die Sammler zeitgenössischer Kunst, die Alte Kunst mit neuen Augen zu betrachten. Dabei spannt das Angebot einen weiten Bogen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Auf dieser Crossover-Messe zeigen 127 Händler moderne und historische Kunst, die durchaus bereits mehrere Jahrtausende besteht. So bietet etwa der New Yorker Galerist Otto Naumann ein Rembrandt Gemälde von 1658 an. Das Bild 'Porträt eines Mannes mit Hand in die Hüfte gestemmt' hatte der Händler vom amerikanischen Kasino-Magnat Stephen A. Wynn erworben.  Dort müssen  nun 48,5 Millionen Dollar dafür hingeblättert werden. In ähnlichen Preisregionen befinden sich die 10 monografischen Arbeiten von Francis Bacon, die es am Stand von Marlborough Fine Art gibt. Der Preis liegt hier bei knapp 30 Millionen Dollar. Dass Afrika die kommende Boomregion für den Kunstmarkt wird, prophezeit man auf den beiden Nebenmessen PAD und 01.54. Tribal Art aus allen Epochen wird dort angeboten. Immer wieder wird die Stammeskunst in den Mittelpunkt des Kunstmarktinteresses gerückt, doch in der Breite dort angekommen ist sie nie.

Diverse Werke von Francis Bacon werden auf den Versteigerungen der großen Auktionshäuser Christie's, Sotheby's und Phillips angeboten. Alleine die Big-Player im Auktionsmarkt wollen total 972 Werke unterschiedlicher Künstler für rund 426 Millionen Dollar in London versteigern.

Alleine die zahlreichen Ausstellungen die in diesen Tagen zur 'Frieze'-Week in London starten, lohnen nach London zu reisen. Mit Sigmar Polke und Anselm Kiefer werden gleich zwei deutsche Künstler mit großen Retrospektiven geehrt. Neue Arbeiten von Gerhard Richter gibt es bei Marian Goodman zu sehen. Steve McQueen, Matthew Barney oder Wangechi Mutu sind nur einige wenige weitere Tipps für einen Ausstellungsbesuch in der britischen Hauptstadt.

Das Angebot der deutschen Kollegen kann sich auf der 'Frieze' auch in diesem Jahr wieder sehen lassen. Heiner Bastian, der im Berliner Museumsstreit unlängst eine Werkgruppe von Joseph Beuys abgezogen hat,  präsentiert auf seinem Stand einige wenige, dafür aber recht  eindrucksvolle Beuys Werke. Im Zentrum seines Angebotes steht die 'Gyroscopische Plastik', eine seltene Piano-Skulptur aus Konzertflügel, Porzellanteller, Holzkreisel und Ölfarbe. Eine großformatige Zeichnung aus Hasenblut, die größte im Werk von Beuys, ergänzt neben anderen Werken das Ensemble.

Der Düsseldorfer Händler Paul Schönewald zeigt Abstraktes von Gerhard Richter, aber auch deutsche und amerikanische Kunst der 1960er und 1970er Jahre. Opiumraucher bevölkern ein Aquarell von Sigmar Polke aus dem Jahre 1978. Die mit 'ohne Titel' bezeichnete, auf ein Schwarzweißfoto gemalte Arbeit stammt  aus einer Privatsammlung und wird für 620.000 Euro wieder dem Markt zur Verfügung gestellt. Geradezu perfekt ist das Timing mit der Polke-Schau in der Tate Modern.

Aus ihrem umfangreichen Angebot großer Künstler hat Sprüth Magers neun Positionen ausgewählt, darunter Werke von Bernd & Hilla Becher, Barbara Kruger und Reinhard Mucha. Darüber hinaus finden sich Arbeiten von Jenny Holzer (25.000 bis 300.000 Euro), Louise Lawler (80.000 bis 120.000 Euro) und Rosemarie Trockel (12.000 bis 400.000 Euro) im Angebot.

Aus Köln reist die Galerie Gisela Captain nach London, um Arbeiten von Martin Kippenberger dem internationalen Käuferpublikum zu präsentieren. Unter anderem hat sie 'Aufnahmeprüfung in Rot' (1987), eine Installation aus Spanplatten, Holzleisten, vier Neonröhren und Staffelei, dabei. Erwähnenswert ist auch ein großformatiges Ölbild von 1985 mit einem unvergesslichen Bildtitel:  'Muttergedächtnisstube'.

Was sonst noch so alles in London geschieht, wurde wie immer recht zuverlässig von 'Monopol' Magazin zusammengestellt.
Unter www.monopol-magazin.de/artikel/20109115/Wohin-in-London.html sind alle wichtigen Ereignisse gelistet.

Gestern Abend fand der zweite Teil des Auktionsreigens statt. Bei Phillips wurden unter anderen folgende Ergebnisse erzielt: Martin Kippenbergers Großformat aus der Serie 'Krieg/Böse' wurde bei 650.000 Pfund zugeschlagen; 'Für Paul Celan' eine 190 x 330 cm große Mischtechnik von Anselm Kiefer wurden 680.000 Pfund bewilligt; eine weniger attraktive frühe Leinwand von Georg Baselitz brachte es auf 220.000 Pfund, und David Ostrowskis 'F Jet Grill' auf immerhin noch 65.000 Pfund. Bekanntermaßen entspricht das Angebot bei Phillips nicht gerade der 1 A Qualität von Sotheby's und Christie's, dennoch wurde gut umgesetzt und die Marktstärke im B-Bereich ein weiteres Mal unterstrichen. In einer von Christie's durchgeführten Onlineauktion wurde dieser Tage in New York aus der Goldman Collection eine frühe Leinwandskizze von SEO für knapp 10.000 US Dollar versteigert. Dies entspricht mehr als dem Dreifachen der unteren Schätzung. 

Heute schreitet in London Sotheby's ins Auktionsgeschehen mit ein. Mit einem kaum zu überbietenden Angebot an erstklassiger Ware sind neue Höchstmarken zu erwarten. Mein Kurztrip geht am Abend zu Ende, habe Exzellentes und gute Kunst gesehen - aber auch viele rote Punkte. Der Markt boomt.

 

 

 

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