Michael Schultz Daily News Nr. 788

Michael Schultz Daily News Nr. 788

Berlin, den 15. Oktober 2014

 

unser Newsletter erscheint bereits im 4. Jahrgang. Vorgesehen war einst ein Probelauf über drei Monate; diejenigen die von Anfang an dabei sind, konnten jedoch die zaghafte Öffnung zu Themen, die außerhalb der Kunstwelt angesiedelt sind, mitverfolgen. Ganz bewusst wurde der Blog so angelegt, dass keine öffentliche Diskussion im Netz entsteht; die Außenmaße vom Tellerrand des Galeristen galt und gilt es zu beschreiben. Im Zentrum der Berichte stehen die Welt und die Geschehnisse in ihr. Niemals belehrend, dafür oft sachlich, wenn es aber sein muss gerne auch emotional. Tagtäglich erreichen uns Zuschriften, die unsere Gedanken kritisch begleiten, darüber hinaus  gibt es mitunter aber auch persönliche Gespräche und inhaltliche Auseinandersetzungen.

Besonders anregend dabei sind übergreifende Themen, die den Radlauf der Weltökonomie im Fokus haben.  Richtig spannend wird es aber erst, wenn Szenarien vorhergesagt werden, die Apokalyptisches prophezeien. Ohne den obligatorischen Blick in die Abgründe geht dabei Garnichts. Der Salzburger Sammler Ari de Knecht, Weltökonom und Freund des Hauses, wühlt seit langem in den Tiefen der Geldwirtschaft und hat dabei Erstaunliches an die Oberfläche gespült. Seine Gedanken zum Aktienmarkt, zum Bruttosozialprodukt, zu den Arbeitslosen in Amerika, zu Inflation und Deflation und den globalen Zusammenhängen hat er in Kurzform zu Papier gebracht. Viel Pessimismus steckt drin; trotzdem ein lesenswerter Blick auf bisher wenig durchleuchtete Marktmechanismen.  

Seine Anthologie der 'Dinge die heutzutage im Stande sind, unsere Systeme kräftig durcheinander zu schütteln'  wollen wir nicht vorenthalten. Besonders deshalb nicht, weil die eigentliche Lieblingsbeschäftigung des Autors die philosophische Auseinandersetzung mit der Kunst ist. Vielleicht nützt der Beitrag aber auch als ein erster Versuch zu einer tiefgreifenden Diskussion. Alle Zuschriften werden gesammelt und in Kürze veröffentlicht. Doch jetzt zum Text:

'So richtig kam die Welt ins Rutschen in 2008, nachdem die Lehman Brothers pleitegingen. Die Wirtschaft weltweit erholte sich aber nicht, nur die Schockstarre  wurde beseitigt. Nachdem es in 2012 wieder danach aussah, dass es keine Verbesserung geben würde, beschloss die Amerikanische Zentralbank, die Federal Reserve - übrigens komplett in Besitz von amerikanischen Großbanken -  eigene, vom amerikanischen Finanzministerium ausgegebene Staatsanleihen (treasuries) aufzukaufen und in der eigenen Bilanz unterzubringen. Dort, wo sich mittlerweile über 2 Billionen solcher Papiere angehäuft haben. Die Zinsen gingen demzufolge  herunter, und befinden sich jetzt zwischen 0 und 0,5 Prozent.

Der einzige Effekt in Amerika ist ein steigender Aktienmarkt, die erhoffte Kreditvergabe an die breite Ökonomie ist ausgeblieben. Nur den oberen 0.1 Prozent der Bevölkerung nützt dieses Vorgehen, ihre Vermögen steigen, der Rest der Gesellschaft wird davon ausgeschlossen.

Heute werden unter dem niedrigen und unnatürlichen Zinsniveau Milliarden-Entscheidungen über Investitionen in  Industrie und  den Immobilienmarkt getroffen. Der Markt ist derartig süchtig nach diesen fast Nullzinsen;  eine ruckartige minimale Anhebung würde den ganzen weltweiten Finanzturm einstürzen lassen. Inzwischen sind die Meistergelddrucker die Japaner geworden, die nicht nur eigene Staatsanleihen kaufen; seit August wird der japanische Aktienmarkt mehr oder weniger künstlich am Leben gehalten. Nur durch seine ständigen Machtworte hat der europäische Notenbankchef Draghi seit 2012 den Euromarkt stabil gehalten.  Aber auch er hat  nichts erreicht und ist nun ebenfalls gezwungen, Anleihen aufzukaufen, sogar solche mit geringer Bonität. Darauf hinzielend sind die italienischen, spanischen, portugiesischen, irischen, griechischen 10-jährigen Renditepapiere inzwischen bei 2.5 und 3.5 Prozent gelandet;  drei bis fünf Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren, und das unter jeweils schlechteren wirtschaftlichen und arbeitsmarkttechnischen Entwicklungen.

Unabhängig davon was Politiker weltweit behaupten, passieren tut nichts. Lediglich die Staatsschulden werden größer und größer. Um solche Schuldenberge zu ˈbekämpfenˈ, muss eine Wirtschaft mindestens um 3 Prozent jährlich wachsen,  oder das Messer weiter und tiefer unten ansetzen. Doch die dann zu erwartenden Arbeitnehmerproteste würden auf der Straße eskalieren.

Um alles glaubwürdig zu machen, werden Statistiken publiziert, doch da fängt dann der große Betrug erst richtig an. Das Zitat von Jean-Claude Juncker: 'wenn es ernst wird, muss man lügen', spricht Bände.  Die drei besten Lügen der Weltwirtschaft sind meiner Meinung nach folgende:

1. Arbeitslosenzahlen USA.  Zuwachs gibt es nur durch niedrig bezahlte Teilzeitjobs und  künstliche Verringerung der Anzahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte. (Das Prinzip: zu lange arbeitslos, keine Hoffnung, sucht nicht mehr, steht demnach auch nicht mehr zur Verfügung). Und da siebzig Prozent der USA - Wirtschaft auf Verbraucherausgaben beruhen, erzeugt dies einen direkten negativen Effekt.  Alle Zahlen werden durch Umfragen erhoben. Doch niemand besteht darauf die Wirtschaft über die Kreditkartenfirmen zu messen - neunzig Prozent wird über die Karte abgerechnet: Visa, Master Card und American Express könnten die Gesundheitsdaten  der USA-Wirtschaft Stunde um Stunde bereitstellen. Bei diesem möglichen Verfahren gäbe es allerdings keinen Platz mehr für eine getürkte Wahrheit.

2. Inflation. In Europa und Japan, aber auch in den USA macht ein sogenanntes Deflationsungetüm die Runde. Alles Propaganda, denn die Zentralbanken brauchen ein solches Argument um weiter den Geldhahn aufdrehen zu können. In Wirklichkeit ist die Inflation, welche es  zu bekämpfen gilt (die sich aber meistens in Dienstleistungen und nicht in Warenkörben niederschlägt), noch lange nicht zu Grabe getragen. Versicherungen, Bahn, Zahnarzt und dergleichen bestätigen dies wohl.

3. Die letzte Lüge könnte wohl die größte sein: das Verhältnis zwischen Staatsschulden und Bruttosozialprodukt. Kaum noch gesund, aber auch noch nicht krank, ist das Verhältnis 0.9 zu 1.0. Wenn die Gesamtschulten eines Landes die Gesamtleistung übersteigen, bedeutet dies, dass es schwierig, wenn nicht unmöglich sein wird, die Schulden nicht auf  kommende Generationen aufzubürden. Einige europäische Länder haben jetzt die Schattenwirtschaft der Prostitution und des Drogenhandels in den offiziellen Zahlen aufgenommen. Wobei sich aber alle Länder  weigern, sind die finanziellen Verpflichtungen der Zukunft: Renten, Pensionen, Garantien für Gemeinden, Länder usw. usw. So geht das Verhältnis in z.B. Spanien von 1.3 zu 1.0 auf weit über 2 zu 1.0 weil die Zentralregierung in Madrid die Finanzunterstützung für die Provinzen nicht einbezieht. Und so gehen die Schuldenberge rasanter in die Höhe, als die Wirtschaftszahlen das vermuten ließen. 

Dies sind die wichtigsten Gründe für die geopolitische Unruhe auf unserer Erde.  Die Amerikaner brauchen Kriegshandlungen, damit das Gelddrucken verständlich ist,  aber auch um den Dollar nicht ins Bodenlose sinken zu lassen. (ein reelles Risiko).  Die Entwicklung der Edelmetalle wird seit einigen Jahren künstlich unterdrückt;  wenn diese unbeaufsichtigt und 'frei' zu handeln wären, könnte man auf den Gedanken kommen, dass eine Geldentwertung ins Haus steht. Wobei paradoxerweise dies gerade gut wäre. Worauf selten hingewiesen wird: nach siebzig Jahren Ruhe und Frieden sind die entwickelten Länder der Welt gesättigt. Große Technologieschübe stehen nicht bevor. Ein schier unlösbares Problem.'

Wie auch immer der Textbeitrag gewertet werden mag: durch extreme kriegerische und gesundheitliche Geschehnisse ist unsere Erde ein wenig aus dem Lauf geraten. Ihrer Unwucht muss Einhalt geboten werden. Ansätze wie dies geschehen kann, gibt es viele. Solange wir darüber diskutieren bleibt Hoffnung, und diese stirbt bekanntermaßen zuletzt. 

Aktuell bleibt nachzutragen, dass wir im Newsticker  auf unserer Webseite unter http://www.schultzberlin.com/de/newsticker diverse Presseartikel über die Ausstellungen von Rebecca Raue (ˈSüddeutsche Zeitungˈ), Julia Bornefeld (ˈFrankfurter Allgemeineˈ), Cornelia Schleime (ˈMärkische Allgemeineˈ), Johanna Flammer (ˈNull22Einsˈ) und Römer + Römer (ˈWAIT A MOˈ) gelistet haben. Ein überzeugendes Pressecho unserer jüngsten Aktivitäten. Jogi Löw kam gestern Abend mit seiner Truppe gegen Irland nicht über ein 1:1 Unentschieden hinaus. Bei diesen vielen Blessuren die sein unkoordiniertes Spiel gerade erzeugt, wird man ihn wohl eines Tages unwiederbringlich vom Platz tragen müssen.