Michael Schultz Daily News Nr. 786

Michael Schultz Daily News Nr. 786

München, den 13. Oktober 2014
 

das Erste Deutsche Fernsehen strahlte Gestern Abend den wohl besten Tatort aller Zeiten aus. Ulrich Tukur und im besonderen Ullrich Matthes spielten in 'Im Schmerz geboren' Oscar-verdächtige Rollen. Letzterer erinnerte eine wenig an Klaus Kinski, doch das, was Matthes gestern ablieferte, ist bei weitem besser als die größten Momente von Kinski. So macht Krimi wieder Spaß.
In der Türkei haben die weltweiten Proteste gegen das Zusehen bei der Schlacht um Kobane erste Früchte gebracht; Ankara öffnet für die Allianz der IS-Bekämpfer endlich ihre Militärstützpunkte. Ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Für den Trainer wäre es das Beste gewesen, er hätte zum Abschied nach der gewonnen WM  die goldene Uhr genommen und den Posten als Kulturvorstand beim Alemannischen Prachtverein angenommen. Das Glück ist ihm abhold gekommen: Mit 0:2 verlor die Löw Truppe gegen die als nunmehr 70 der Welt gelisteten Polen. Oh Schande. Uli Hoeneß, so berichtet die 'Bild' heute, hat im Knast 18 Kilo abgenommen. Im Januar, vermutlich, beginnt er bei den Bayern noch mal von ganz unten. Als Freigänger will er dann seine Arbeitskraft der lange vernachlässigten Bayern Jugend zur Verfügung stellen. Niemand wird fallen gelassen, wer sich bewährt kommt schnell wieder nach oben. Sein Vermächtnis von dem er heute wie kein anderer vor ihm profitiert. Nicht das Schlechteste.

In der 'FAZ' vom vorvergangenen Sonntag wurde im Wissenschaftsteil unter dem Titel 'Die Feder setzt sich zur Wehr', ein Bericht veröffentlicht, in dem der Frage nachgegangen wurde, inwieweit es möglich ist, dass das Schreibgerät die Inhalte der Texte beeinflusst. Griffel, Füller, Bleistift und Tastatur wurden von Tilman Spreckelsen untersucht; Fragen zur Überlistung liefert er gleich  mit. Wegen der überzeugenden und aufschlussreichen Ausführungen hangeln wir uns heute ziemlich nah am Originaltext der' FAZ' entlang. Mit Dank an den Verfasser und die Kollegen von der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung'.
'Ein Brief sollte tadellos geschrieben sein, das verlangt schon der Respekt vor dem Adressaten. Und lässt das Schriftbild dennoch zu wünschen übrig, dann ist eine Entschuldigung angebracht. 'Verzeyhe mir, daß ich so vieles in meinem Briefe durchstrichen habe', schreibt der Göttinger Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg am 8. Juli 1773 an seinen Verleger Johann Christian Dieterich und begründet den Zustand seines Manuskriptes so: 'Ich reite heute eine infame Feder, sie will immer hinaus, wo ich nicht hinwill.'
Das Werkzeug ist schuld - das ist beim Schreiben mit der Hand bis heute keine ganz seltene Erfahrung. Nicht nur eine Feder, auch ein Füller kann schmieren oder klecksen, ein stumpfer Bleistift, für den kein Spitzer zur Hand ist, erzeugt unpräzise Linien, und schließlich kann ein rauer Untergrund -wie im Fall der frühen Recyclingblöcke oder beim Büttenpapier- zu einem unschönen Schriftbild beitragen, wenn der Stift, der Füller oder der Kugelschreiber daran hängen bleibt.
Nimmt man Lichtenberg aber wörtlich, dann ist die 'infame Feder' nicht einfach nur unzulänglich, sondern widersetzt sich dem Autor geradewegs und verfolgt dadurch eine eigene Agenda. Indem sie immer hinaus wo ich nicht hinwill', strebt, schreibt sie in den Augen Lichtenbergs einen Text, der abweicht von dem eigentlich vorgesehenen. Aber rühren nun die Korrekturen, die vielen Durchstreichungen des Briefs, von Lichtenbergs Versuch her, die Eigenwilligkeiten des Werkzeugs wieder auszumerzen? Oder meint Lichtenberg, dass die 'infame Feder' umgekehrt den von ihm intendierten Text durch Fehlschreibungen sabotiert? Wahrscheinlich lässt sich dies nicht eindeutig unterscheiden. Mit seiner Vorstellung aber, dass sich das Schreibgerät in den Prozess der Niederschrift einmische und so das Ergebnis mitbestimme, steht Lichtenberg nicht allein.
Die Frage ist, ob jenseits der Etymologie unser jeweiliges Schreibwerkzeug tatsächlich in irgendeiner Weise den damit entstehenden Text beeinflusst. Die Antwort müsste sich in einem Vergleich der unterschiedlichen Notationssysteme zeigen, am besten bei ein und demselben Autor. 'Unser Schreibwerk arbeitet mit an unseren Gedanken', vermutete etwa Friedrich Nietzsche 1882 unter dem Eindruck, den das Arbeiten mit der damals erst noch neuen Schreibmaschine in dem erfahrenen Autor hinterließ. Nur wie?
In seinem grundlegenden Aufsatz 'Schreibwerkzeuge' weist der Dortmunder Germanist Martin Stingelin auf zwei offensichtliche Entsprechungen zwischen Schreibwerkzeugen und den stilistischen Eigenheiten der mit ihnen angefertigten Texte hin. Da ist zum einen der extrem reduzierte sogenannte lapidare Stil - seine Bezeichnung rührt vom lateinischen Wort 'lapis' für 'Stein' her, denn wer die Mühe auf sich nimmt, einen Text in Stein zu meißeln, vermeidet jedes überflüssige Wort, was wiederum zu den stilistischen Besonderheiten führt. Zum anderen ist da der 'Telegrammstil', der sogar die korrekte grammatikalische Struktur aufgeben kann, solange der Urheber noch verstanden wird ('Ankomme Freitag, den 13.'), schließlich kostet bei dieser Form der Niederschrift jedes Wort Geld.
Tatsächlich ist der zur Verfügung stehende Raum eine wesentliche Bedingung für die Gestalt eines Textes im Moment der Niederschrift. So führte etwa die Beschränkung bei SMS-Nachrichten auf 140 beziehungsweise 160 Zeichen zur Ausprägung eines eigenen Stils mit zahlreichen spezifischen Abkürzungen. Auch Postkarten- und Briefformate formen den Text, indem sie seine Länge beschränken.
Interessant wird dieser Zusammenhang, wo sich Autoren freiwillig in einen solchen Zwang begeben. Der Tübinger Germanist Stephan Kammer verweist auf den Schweizer Schriftsteller Robert Walser, die von ihm entwickelte 'Bleistiftkleinschrift' und das dazu passend gewählte Trägermaterial. 'Walsers größte Blätter haben das Format A5, das geht aber runter bis zum Zigarettenpapier', sagt Kammer. Diese Kombination erlaube nun die Beobachtung, 'wie die linguistisch-textuellen Einheiten und die Seitenbegrenzungen aufeinander abgestimmt sind: Der Text ist zu Ende, wenn die Seite voll ist'. Wobei sich noch die Frage stellt, ob Robert Walser das jeweilige Papier nach dem zuvor im Kopf entworfenen Werk wählte oder ob umgekehrt der Text seine Länge und damit wesentliche Teile seiner Form erst durch die Größe des Trägermaterials erhielt.
Am Computer gibt es diese natürliche Begrenzung nicht, die Textverarbeitung erlaubt Werke, deren Umfänge im Prinzip unbegrenzt sind. 'Ich würde allerdings die Traditionsmacht solcher Papierformate auch fürs Schreiben am Computer nicht unterschätzen“, sagt Kammer. Schließlich gebe es viele Autoren oder Wissenschaftler, die das 'Disziplinierungsinstrument Seitenansicht' in der Textverarbeitung aktivieren, um zu sehen, wie viel es schon ist'.
Aber liegt der innovative Impuls des elektronischen Mediums für Autoren nicht ohnehin eher in den Möglichkeiten des Korrigierens, Ersetzens oder auch Umstellens des einmal Verfassten?
In der Editionsphilologie unterscheidet man bei Schriftstellern gern zwischen den sogenannten Kopf- und den Papierarbeitern. Die Kopfarbeiter überlegen erst und schreiben dann, während die Papierarbeiter drauflosschreiben und dann feststellen, wohin es sie trägt. 'Das sind natürlich eher Idealtypen als belegbare Phänomene', sagt Stephan Kammer, 'de facto haben wir es immer mit Zwischenformen zu tun.'
Das liegt auch an der heutigen  Praxis, mit der die einst weitverbreitete Trennung zwischen Urheber und Schreiber aufgehoben worden ist. Dass ein Autor, wie es von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein die Regel war, seine Texte entwarf, vielleicht - wenn er denn überhaupt schreiben konnte und nicht nur lesen - skizzierte, zur Reinschrift aber einem anderen diktierte, das erschiene heute eher exotisch.
Diese verschiedenen Stadien der Textproduktion fallen inzwischen im Computer zusammen: Wir eröffnen ein Dokument, machen uns darin Stichworte oder übertragen sie von einem Blatt Papier dorthin und formulieren um sie herum unsere Sätze. Und wo früher Schere und Leim zum Einsatz kamen, wenn Textpassagen umgestellt werden sollten, genügen heute die Funktionen 'Ausschneiden' und 'Einsetzen' (Cut and Paste) des Programms.
Nichts anderes also, wenigstens im Prinzip. Aber weil es schneller geht, fällt die Entscheidung leichter, eine Umstellung oder Korrektur des Textes auszuprobieren und gegebenenfalls wieder zu verwerfen. Handschriftliche Briefe dagegen lassen solche Operationen nur um den Preis eines unschönen Erscheinungsbildes zu - oder indem man sie ganz neu ins Reine schreibt. Umgekehrt sorgen mitunter Textverarbeitungsprogramme mit Autokorrekturfunktionen für neue Fehler oder Formulierungen, die der Urheber sonst nie verwendet hätte.
Sollte man diese Unterschiede im Entstehungsprozess den fertigen Werken oder Briefen nicht ansehen? Im publizierten Werk ist das unmöglich, sagt Martin Stingelin. 'Die Definition des Drucks ist nahezu: die Spuren, wie der Text entstanden ist, auszulöschen.' Dafür sorgen zunächst die Autoren selbst, die ihre Texte vor der Publikation überarbeiten und korrigieren, ebenso Lektoren, Setzer und Hersteller im Verlag. Aber selbst bei privaten Mitteilungen kann man die Entstehungsbedingungen anhand des reinen Textes kaum zweifelsfrei rekonstruieren. 'Man kann alles fingieren', sagt Martin Stingelin: 'Wenn Sie mir einen Brief vorlesen und ich sollte entscheiden, ob der als Handschrift oder als E-Mail entstanden ist - ich wüsste keinen einzigen nicht fingierbaren Anhaltspunkt dafür.'
Wenn es also für den fertigen Text tatsächlich egal sein sollte, wie er entstanden ist, wozu soll man dann überhaupt noch mühsam und unpraktisch mit der Hand schreiben? In einem jüngst erschienenen Aufsatz für die Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie fragt der Bielefelder Literaturwissenschaftler Rüdiger Weingarten geradezu: 'Lohnt es sich noch, dass die Schule diesen Aufwand treibt, oder wäre es sinnvoller, dem handwerklichen Schreiben vielleicht noch einen letzten Ehrenplatz als Kalligraphie im Kunstunterricht zuzuweisen und den eigentlichen Schreibunterricht von Anfang an mit der Technologie durchzuführen, mit der heute geschrieben wird: dem Computer und seinen Ablegern? '
Natürlich ließen sich dagegen eine Reihe praktischer Gründe anführen, allen voran der, das es misslich sein könnte, wenn man über keine analogen Notationstechniken verfügt und mal keine Steckdose in der Nähe ist. Es gibt aber auch qualitative Gründe, die für das Erlernen des Schreibens mit der Hand sprechen. So hat eine amerikanische Studie ergeben, dass Vorlesungen besser verstanden und erinnert werden, wenn die Zuhörer ihre Notizen dazu nicht im Laptop, sondern in einer Kladde festgehalten hatten. Im chinesischen Staatsfernsehen wird Woche für Woche und mit überbordendem Zuspruch eine Serie ausgestrahlt, in der Menschen an Hand der Qualitäten ihrer Handschrift zu Stars gekürt werden. Schreiben von Hand gehört in China nicht mehr zum Alltag, dort verrichtet der Computer oder das Mobiltelefon die Ausarbeitung. Mit der Sendereihe will die Regierung dieser Unsitte Einhalt gebieten.
Bei allem Einfluss, den das Schreibgerät auf den Text haben mag, gibt es allerdings immer noch den Autor. Dass der im Zweifel das Sagen hat, bewies Lichtenberg eindrucksvoll in seinem Brief an Dieterich: Die Korrektur dessen, was die eigenwillige Feder angerichtet hatte, geschah ja offenbar mit genau diesem Schreibwerkzeug. Ob es nun wollte oder nicht.
Meine Feder wurde heute in der Hauptsache von fremder Hand geführt; der Begeisterung über den Inhalt tut dies aber keinen Abbruch.