Michael Schultz Daily News Nr. 785

Michael Schultz Daily News Nr. 785

Berlin, den 10. Oktober 2014

 

Kobane und der Tod, die großen Themen in dieser Woche, beherrschen uns auch weiterhin. Überall auf der Welt protestieren tagtäglich viele Menschen gegen das Zusehen des Westens, wie die kurdische Stadt Kobane von den Terrormilizen der IS belagert und eingenommen wird. Mehr als ein Drittel des Stadtgebietes sind bereits in der Hand der Terroristen; nur die unermüdliche Verteidigungsbereitschaft kurdischer Freiheitskämpfer verhinderte ein Fallen der strategisch wichtigen Stadt. Indem sie die Wege in das umkämpfte Gebiet blockiert haben, verhindern die Türken Nachschub und Hilfe für die aufopfernden Kämpfer; und das nur, weil es Kurden sind, die ein letztes Bollwerk gegen die nimmersatten Gotteskämpfer bilden. Türkische Panzereinheiten beobachten aus sicherer Entfernung den Kampf - eine widerwärtige Demonstration für die Verachtung der Kurden.    
Die Bilder dieser Provokation jedoch verursachen Verachtung für die Politik des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan.  In Deutschland demonstrieren tausende Kurden gegen die Gewalt der Terrormiliz, aber auch gegen das Zusehen der Türkei.  Die Protestierenden werben dabei in erster Linie um Solidarität mit den Kämpfern, ihnen geht es aber auch um die Sensibilisierung und Öffentlichmachung unterdrückter Menschenrechte im Nationalitätenkonflikt zwischen Kurden und Türken.  Dabei kam es in Hamburg zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit zum Teil bewaffneten IS Anhängern.  Solange Erdogan seine militärische Hilfe in Kobane verweigert, wird sich der Protest gegen seinen unerträglichen Zynismus ausweiten. Zu hoffen bleibt, dass die Strategen der NATO ihren türkischen Partner zum Einschreiten bewegen. Schließlich liegt Kobane nicht nur an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei; Kobane ist auch die symbolische Grenzstadt zwischen fanatischem Terror und einer aufgeklärten friedfertigen Welt.
Gut möglich, dass unsere Sensibilisierung in diesem Konflikt ähnlich schnell abstirbt wie bei der kriegerischen Auseinandersetzung in der Ukraine. Dort wird immer noch geschossen und  täglich gibt es viele Tode. Zum Wochenende wandert der Formel 1 Zirkus nach Sotchi, dort wird auf der neu errichteten und knapp  220 Millionen Euro teuren Rennstrecke erstmals im Kreis gefahren.  Weltweit wird das Spektakel bis in jeden Winkel übertragen, die Fans des Automobilsports werden dem Rundkurs huldigen und in ihren Wohnzimmern spalierstehen. Dank Putin, der dabei ist aus dem einst georgischen Sotchi  ein Monaco am Schwarzen Meer zu schaffen, dreht sich der Zirkus weiter und lässt vergessen, was sonst noch so alles in seinem Reich geschieht.
Heute wird in Oslo der Auserwählte zum diesjährigen Friedensnobelpreis bekanntgegeben. Die Kandidatenliste ist lang, unter ihnen der uruguayische Ministerpräsident Jose Mujica, der wegen seiner Legalisierung von Cannabis geehrt werden sollte, aber auch Wladimir Wladimirowitsch Putin, seines Zeichens MP in Russland. Im Vorgriff auf den zu erwartenden kalten Winter und die anhaltend friedfertige Weiterbelieferung von Erdgas an seine Sanktionsgegner soll Putin mit dem Ehrenpreis versehen werden. Im Gegenzug, so berichtet die ARD heute früh, gibt es anscheinend Bestrebungen, dem amerikanischen Präsidenten seine bereits verliehene Friedensauszeichnung abzuerkennen. Beim Blick auf die Liste vergangener Nobelehrenpreisträger  wird deutlich, dass es nicht unmöglich erscheint, wenn bei der  heutigen Bekanntgabe der Name Putin fällt. In den Schubladen großer Verlagshäuser hat man sich jedenfalls auf diese Möglichkeit vorbereitet; dort lagern zu Hauf Rechtfertigungshymnen für die zu erwartenden friedvollen Gaslieferungen im bevorstehenden Winter.

 

Unter dem Titel 'Echofenster' eröffnet das angesehene Museé d'art moderne et contemporain de Saint-Etienne heute Abend eine Einzelausstellung mit Werken von Cornelia Schleime, in der ausschließlich Arbeiten auf Papier gezeigt werden. Die Präsentation umspannt den Zeitraum von 1988 bis heute. In der Show sind insgesamt 85 Kunstwerke zu sehen. 'Die Ausstellung zeigt dem französischen Publikum erstmalig nicht nur ein reiches, komplexes Oeuvre voller Erfindungskraft und geprägt von einer radikalen Fantasie, sondern sie berichtet auch über Berlins lebendige, vielfältige Kunstszene', schreibt der Chefkurator Lóránd Hegyi in seinem Katalogtext und führt weiter aus 'diese kosmopolitische Mega-Metropole strahlt Energie, Intellektualität und künstlerische Kraft aus und weist die Vielfalt und die multikulturelle Komplexität einer Hauptstadt auf, deren Künstler seit langer Zeit Freiheit und Gelassenheit genießen können. Cornelias Schleimes Kunst vermittelt dies schöpferische Energie (....) auf der sich das Abenteuerliche und das Banale, das Emotionale und das Groteske in verwirrenden Kombinationen und Verbindungen miteinander vermischen'. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, 108 Seiten umfassender und mit über achtzig Abbildungen versehener Katalog erschienen, der über dammert@galerie-schultz.de zum Preis von 18 Euro bestellt werden kann. (bis 4. Januar 2014, www.mam-st-etienne.fr)

In Budapest wird heute Abend in der Budapest Art Factory eine Ausstellung von Sabina Sakoh eröffnet. Unter dem Titel ,Rien ne va plus' ist dort ein kleiner Überblick über ihr Schaffen der vergangen 3 Jahre zu sehen, aber auch Aktuelles wird in der Show gezeigt. Auf Einladung zu einem Residenzprogramm befindet sie sich seit Anfang des Monats in der ungarischen Hauptstadt.
Im Pariser UNESCO Hauptquartier wurde gestern Abend eine kurzfristig eingesetzte Ausstellung koreanischer Künstler beendet. Aus unserem Programm dabei waren Kim Sangyeon, Bong Chae Son und Lee Leenam. Letzterem widmen wir im Dezember eine Einzelausstellung in unseren Berliner Räumen.

Bei uns geht es heute Abend ebenfalls zur Sache: in den Ausstellungspremieren von MK Kähne und Richard Butler beschäftigen wir uns intensiv und dezidiert mit den Zwischenräumen unseres Daseins. Eine spannungsreiche Gegenüberstellung existenzieller Ansichten.

Zu Ehren von Rebecca Raue laden die Kampls  morgen in München zum Finissage Dinner. Geschlossene Gesellschaft - leider. Auch nicht ganz öffentlich, aber immerhin vor den Augen des Herrn, schreitet ebenfalls morgen der Hegnacher Maler Timo Meyer zum Altar. Bekanntermaßen soll man dem 'Ja' nicht vorgreifen, aber im Gegensatz zu Putins Nobelpreis scheint die Vermählung mit seiner Geliebten gesichert zu sein. Immerhin.  

An diesem Wochenende pulsiert die Kunstwelt mal wieder. Auf allen Hochzeiten zu tanzen fällt manchmal schwer; wo auch immer es uns hinzieht - viel Vergnügen.

Beste Grüße.