Michael Schultz Daily News Nr. 784

Michael Schultz Daily News Nr. 784

Berlin, den 9. Oktober 2014

 

das Geschäft mit dem Tod, besonders mit der Frage was danach mit uns geschieht, wenn die Technik des Körpers versagt, ist seit Menschengedenken eine blühende Unternehmung. Schamanen, Wahrsager und Hellseher aber auch eine gute Hundertschaft von Glaubensgemeinschaften beschäftigen sich mit dem Verbleiben unserer Seele. Himmel und Hölle sind die weitest verbreiteten Stationen; eine Erziehungsmaßnahme die bis vor kurzem sogar noch in aufgeklärten Gesellschaftsschichten mit Erfolg eingesetzt wurde. Das Gute kommt nach oben, die Bösen nach unten. Licht und Dunkelheit trennen das Gute von dem Bösen. Damit wird Begehrlichkeit geschürt und Kasse gemacht. 

Ob es jedoch ein Leben nach dem Tod gibt, ist unter Wissenschaftlern stark umstritten, stand gestern dazu im Netz. Sowohl für Pro als auch Contra können sich Forscher erwärmen und schlagen sich die Argumente nur so um die Ohren, denn die Ideologie spielt für die Vertreter der jeweiligen Position oft eine große Rolle.

Wenn man den Physiker Stephen Hawking nach seiner Meinung zu dem Thema befragt, scheint es nur eine Antwort zu geben. 'Pfff, naja', sagte der an seinen Rollstuhl gefesselte Forscher genervt der britischen Zeitung 'Guardian', 'diese gewöhnliche Leben-Danach-Geschichte ist ein Märchen für Leute, die im Dunkeln Angst haben.'

Hawking ist einer der heftigsten Gegner der Theorien um die menschliche Existenz nach dem Tod. nichts hält er zudem von Vorstellungen über Gott, einen Himmel oder auch Reinkarnation. Die Frage, warum wir hier sind, beantwortete Stephen Hawking dem 'Guardian' zufolge so: 'Unser Universum ist spontan aus dem Nichts entstanden. Da geht es um Wahrscheinlichkeiten, warum wir hier sind.'

Dennoch hält der britische Physiker dem 'Guardian' zufolge eine Existenz des Gehirns nach dem Leben für theoretisch möglich: 'Wenn unser Geist mit einem Computer vergleichbar ist, dann ist unser Gehirn so etwas wie eine Software, die sich auf einen anderen Rechner kopieren lässt. Aber das geht weit über unsere Möglichkeiten hinaus.'

Eine Studie, die unter Leitung des US-Herzforschers Sam Parnia in den USA, Großbritannien und Australien durchgeführt wurde, kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Wissenschaftler hatten laut britischer Zeitung 'Telegraph' Nahtod-Erfahrungen von über 2.000 Patienten gesammelt. Ein 57 Jahre alter Sozialarbeiter aus dem englischen Southampton hatte etwa detailliert geschildert, was im Krankenhaus geschehen war, in dem er drei Minuten lang klinisch tot gelegen habe. Parnia hält das für einen Hinweis auf ein Leben nach dem Tod.

Amerikanische Zellforscher gehen sogar noch einen Schritt weiter. Dort hält man den Tod für eine Illusion. In einer 'Biozentrismus' genannten Theorie ist das Lebensende eine Realität, die nur in unseren Köpfen existiert. Demnach gibt es für das Leben keine Grenzen. Der Biozentrismus sei mit der Idee der Paralleluniversen zu vergleichen, berichtet der britische 'Independent'. So wie in vielen Universen alles möglich sei, so könnte unsere Vorstellung von Zeit und Fortdauer nur eine Alternative von vielen anderen sein.

Wieder andere Wissenschaften versuchen ihre Idee mit dem Gebrauch von Farben anschaulich zu machen: Wenn wir erwarteten, dass der Himmel blau sei, dann wäre er blau. Aber wenn unsere Gehirnzellen darauf trainiert wären, dass er grün sei, dann würden wir ihn gemäß unserer Einstellung grün sehen. Übertragen auf das mögliche Leben nach dem Tod, kommen sie zu dem Schluss: Wenn wir sterben, verwandelt sich unser Leben zu einer 'ewigen Blume, die als Blüte ins Multiversum zurückkehrt.'

Sie haben schon einmal eine Nahtod-Erfahrung gemacht?

Im Nachschlagewerk 'Wikipedia' hingegen wird die  Frage nach einem Leben nach dem Tod als 'ein philosophisches Problem, das die Menschheit schon seit dem Altertum beschäftigt', dargestellt. Es ist Gegenstand fast aller Religionen in allen Kulturen und zu allen Zeiten der Menschheit. Zu allen Zeiten gab es zur Beantwortung dieser Frage verschiedene Ansätze: Da gibt es einerseits die 'Ablehnung', die da sagt, dass mit dem Tod  die Existenz eines menschlichen Individuums endet. Der Mensch lebe nicht mehr als Subjekt weiter, sondern nur noch als Objekt, zum Beispiel in der Erinnerung der Mitmenschen. Andererseits die 'Vollendung', in der nach dem Tod das Individuum für alle Zeiten in einen anderen Sein-Zustand wechselt. Weit verbreitet auch ist die Reinkarnation, die den geistigen Anteil (Seele) des Menschen immer wieder und in neuen Körpern auf der Erde erscheine lasse. 

Im alten Judentum stellte man sich vor, dass der Mensch nach seinem Tod in eine Schattenwelt, die Scheol, eingehe und dort fern von Gott weiterlebe. Dieses Leben sei jedoch kein wirkliches Leben. Für einen frommen Juden ist es daher besonders wichtig, in seinen Nachkommen weiterzuleben.

Im Christentum geht man davon aus, dass der Tod infolge des Sündenfalls über die Menschheit und über die ganze gefallene Welt hereingebrochen sei. Der Mensch sei ursprünglich für das Paradies, die Gemeinschaft mit Gott, erschaffen worden. Da durch die Sünde zwischen Gott und den Menschen eine tiefe Kluft entstanden sei, würde er bis zum Tod von ihm getrennt leben. Jesus Christus, als Sohn Gottes, hat am Kreuz die Strafe für alle Sünder auf sich genommen und  somit jeden Menschen von diesem Fluch erlöst. Die Gemeinschaft mit Gott sei somit wieder möglich und gehe über den Tod hinaus. Wer sich in seinem Leben zu Jesus Christus bekenne und ihm sein Vertrauen schenke, werde nach dem Tod in das Licht, die Herrlichkeit und Ewigkeit des Himmels aufgenommen.

Dies geschehe am Tage des Jüngsten Gerichts. Dann  wird der Mensch wieder von Gott zum Leben erweckt, wobei er ihn in einem makellosen und unverweslichen Körper verewigt. Die Menschen würden nach ihren Taten belohnt oder bestraft. Diejenigen, die im Buch des Lebens als Selige, Gerechte, Barmherzige und Gnädige verzeichnet sind, gingen in das ewige Leben, in das Himmelreich, ein und genössen die Anschauung Gottes. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der in der Bibel erwähnte 'Zweite Tod'. Der Himmel hingegen wird  als ein Ort des ewigen Friedens beschrieben, wo es kein Leid, keine Angst, keinen Krieg und keine Krankheiten mehr gebe.

Den Ursprung des Todes sieht die Kirche als Straffolge der Sünde. Adam habe durch Übertretung des göttlichen Gebotes den Tod auf die ganze Menschheit gezogen. Zur Strafe für die Übertretung des göttlichen Prüfungsgebotes sei über die ganze Menschheit der Tod verhängt worden. Es gehört zur Römisch-Katholischen Lehre, dass sich viele Seelen nach dem irdischen Tod zunächst im Fegefeuer bewähren müssten. Bevor sie endgültig in das Himmelreich eingehen dürften, finde eine abschließende Läuterung statt. Danach würden alle Toten am Jüngsten Tag mit ihren Leibern wieder auferstehen. Die Vollendung und Erneuerung der Welt bedeute den Abschluss des Werkes Christi. Alle Feinde des Gottesreiches seien überwunden. Jesus übergebe das Reich an Gott, den Vater, ohne seine Herrschermacht und Königswürde abzugeben. Die Gottesherrschaft, das Endziel der Schöpfung und der Sinn der menschlichen Geschichte, beginne.

Im Islam ist der Tod gleichgestellt mit dem Leben, wenn nicht sogar bedeutender und wahrhafter. Denn er sei nicht das Ende, sondern der Anfang. Der Tod sei eine Befreiung von den Aufgaben dieses Lebens, er sei ein Wechsel von der vergänglichen Welt in eine beständige. Der Mensch werde von all den Anstrengungen des diesseitigen Lebens entlastet. Hinter der beängstigenden, schmerzenden Fassade des Todes versteckten sich viele frohe Botschaften. Er ist keine ewige Trennung, kein Nichtsein und weder Zufall noch das Verschwinden eines handelnden Subjektes. Der Tod ist vielmehr eine Entlassung von Seiten eines Tätigen-Barmherzig-Weisen und ein Ortswechsel. Er ist eine Reise in die ewige Glückseligkeit und zur ursprünglichen Heimat und auch ein Tor des Zusammenkommens mit vielen alten Freunden. Nach der islamischen Lehre ist die Seele unsterblich. Das heißt, beim Tod sterbe nur der Körper, was nichts weiter als das Verlassen eines alt gewordenen Nestes bedeute. Nun trete die Seele des Menschen in die Zwischenwelt ein. Die Theorie, dass Körper und Seele getrennt sind, wird im Islam Dualismus genannt. Das Trennen von Körper und Seele sei die Aufgabe des Erzengels Azrail. Der Mensch werde in der Zwischenwelt entsprechend seinen Wohltaten oder Freveln empfangen und verweile in einem ihm würdigen Zustand bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Nun entscheide sich, wo die Seele die Ewigkeit verbringen werde, ob im Himmel oder in der Hölle.

Im Buddhismus wird die Lehre einer aus dem Hinduismus übernommenen Kette von Wiedergeburten überliefert. Sie bedeute Leid, das erst am Ende dieser Kette in einem Zustand der Nicht-Existenz ende: jeder Mensch werde zunächst immer wieder in diese Welt geboren, da er sich ohne Erleuchtung nicht von seinem Lebensdurst lösen könne. Da Leben notwendigerweise auch Leiden bedeute, ist es das Ziel eines Buddhisten, emotionale Bindungen an die Welt zu überwinden und nicht an Leidenschaften gefesselt zu sein.

Im Zen-Buddhismus ist der Tod ein Aspekt des Lebens. Es gebe nichts zu erreichen, also auch keine Wiedergeburt und keine Unsterblichkeit. Leben und Tod sind für den Zen-Buddhismus gleichberechtigte Konzepte, die auf einem eingegrenzten Bewusstsein basieren. Ewiges Leben sei das Bewusstsein selbst. Im Tibetischen Buddhismus glaubt man an einen Zwischenzustand, der im Todesmoment beginne und mit der nächsten Inkarnation ende, sofern jemand dem Kreislauf der Wiedergeburten noch nicht entronnen sei. Der Verstorbene sehe im Todesmoment das helle Licht der Weisheit, durch welches er zur Buddhaschaft gelangen kann. Es gebe verschiedene Gründe, warum Verstorbene diesem Licht nicht folgen. Manche hätten keine Unterweisung über den Zwischenzustand in ihrem früheren Leben. Andere seien es seit langem gewohnt, nur ihren tierischen Instinkten zu folgen. Und einige hätten Angst vor dem Licht. Dies sei eine Folge von schlechten Taten, Verblendung, hartnäckigem Stolz, gebrochenen Gelübden oder geringer Vertrautheit mit Tugendhaftem.

Für die Swanen, ein georgisches Bergvolk, ist der Tod lediglich durch eine 'dünne Wand' vom Leben getrennt. Sie glauben, dass Ihre verstorbenen Angehörigen sich um das Seelenheil der noch Lebenden kümmern. Ebenso kümmern sie sich um das Seelenheil ihrer Verstorbenen. Diese 'Wand-Metapher' lässt sich besonders gut an den swanischen Sakralbauten ablesen. Auf den Innenwändern vieler swanischer Kirchen sind - wie in anderen Religionen auch üblich - Heilige zu sehen, wohingegen auf der Außenseite weltliche Persönlichkeiten - wie z.B. Könige - abgebildet sind. Gottesdienste werden in Swaneti zumeist außen an der Kirche abgehalten, statt in ihr. Der Raum innerhalb der Kirche ist den Seelen der Verstorbenen vorbehalten. Der Höhepunkt der Erinnerung an die Verstorbenen und die Ehrung derer Seelen ist das jährlich stattfindende Lipanali-Fest.

In Kunst und Kultur hingegen existieren viele Reaktionen auf das Phänomen des Nahtods. Erlebte Beschreibungen der Nahtoderfahrungen umfassen einen weiten Bereich individueller Erfahrungen mit überwiegend charakteristischen Erlebnismustern am Rande des Todes. Das Phänomen wurde in zahlreichen Forschungsprogrammen wissenschaftlich untersucht, ohne bisher eindeutige Beweise für oder gegen die Theorie einer objektiven Realität der gemachten Erfahrungen feststellen zu können. In der klassischen Medizin beschäftigen sich die Neuropsychologie sowie die Psychologie und Psychiatrie mit diesem Thema. Im Bereich der spirituellen Deutung dieser Phänomene existieren Interpretationen in vielen Religionen und verschiedenen Strömungen der Esoterik.

Aus der Psychopathologie sind autoskopische Halluzinationen bekannt, bei denen jemand ein Bild von sich selbst außerhalb seines eigenen Körpers sieht, ähnlich der außerkörperlichen Erlebnisse. Patienten im Delirium leiden häufig unter alptraumartigen Halluzinationen, in denen Tiere, oft auch Insekten, vorkommen. Das Denken verläuft sprunghaft, ungeordnet und ohne Ziel. Die Patienten schauen ihren Sinnestäuschungen scheinbar unbeteiligt zu, als ob sie sich in einiger Entfernung auf einer Filmleinwand abspielten. 

Nahtoderfahrungen wurden mit anderen anormalen Bewusstseinszuständen verglichen, insbesondere mit dem Erleben während eines sogenannten 'Klartraumes'. Diese haben mit den Nahtoderfahrungen gemeinsam, dass die Träumenden sich bewusst sind, dass ihr Erleben sich vom wachen Alltag unterscheidet. Beim oneiroiden Erleben, welches bei langandauernder Bewusstlosigkeit auftreten kann, empfindet sich der Betroffene als wach. In einer repräsentativen Befragung von 2000 Deutschen, enthielten 27 % der Nahtoderfahrungen auch als wach erlebte Traumsequenzen. 

Bekannt sind noch ein ganze Reihe weiterer krankhafter Selbstwahrnehmungen, bei der die Betroffenen den Eindruck haben, dem eigenen Bewusstsein fremd gegenüberzustehen und ohne eigene Anteilnahme zu agieren. Aus den Schilderungen dieser sogenannten Nahtoderfahrungen nährt sich das Füllhorn der Esoterik und einer ganzen Reihe neuerer Religionen.  

Facettenreich haben sich Kunstschaffende der Thematik des Verbleibens genähert. 


Richard Butler - Geisha, 2010, Öl auf Leinwand, 224 x 188 cm

Nahtoderfahrungen, die teilweise unter Mithilfe von starken Rauschmitteln erlebt wurden, sind in ihre Kunst eingeflossen. In der Malerei ist der Tod ein allzeit beherrschendes Thema. Richard Butler, einst Frontman der Punkrockband 'Psychedelic Furs', hat sich in seinem malerischen Werk intensiv mit dem entschwinden des Geistes beschäftigt. Seine  Bilder fokussieren sich auf den Zustand des Entschwebens - an der Grenzlinie zwischen Leben und Tod; womöglich aber auch nur in der Zwischenphase zwischen Realität und Traum.

Morgen, ausnahmsweise mal an einem Freitag, eröffnen wir unsere Erstausstellung mit ihm. Nebenan in der contemporary Galerie beschäftigt sich MK Kähne in einer Rauminstallation auf ganz andere Weise mit dem Verbleiben der Existenz. Eine aufschlussreiche Gegenüberstellung zur Betrachtung existenzieller Zwischenräume. (Mommsenstrasse 34, Vernissage von 19 bis 21 Uhr).

Unbedingt ansehen!