Michael Schultz Daily News Nr. 782

Michael Schultz Daily News Nr. 782

Berlin, den 7. Oktober 2014

 

heute vor 65 Jahren, am 7. Oktober 1949, wurde die DDR gegründet. 1989 noch, im letzten Jahr ihres Bestehens, war der heutige Tag ihr Nationalfeiertag. Obschon das Ende ein Vierteljahrhundert vergangen ist, so wird auch heute wohl noch von einigen der verbliebenen Ewiggestrigen in kleinem Kreise an die gute alte Zeit erinnert werden. Gönnen wir ihnen diesen Festtag, die Realität sieht weitaus frischer aus. Der Osten Deutschlands ist selbstbewusster Teil des Ganzen geworden; man stellt das Personal für die Geschicke des wiedervereinten Volks. Präsident und Kanzlerin, beide mit aufregender DDR-Biografie, gehörten zur Oberklasse der beliebtesten im Lande; weit abgeschlagen in der Tabelle tauchen die Wessis auf. Ja, sogar der linke Oberpolemiker Gregor Gysi steht in der Beliebtheitsskala gesamtdeutscher Politiker noch vor dem CSU-Chef Seehofer. Knapp, aber immerhin.

Mit dem stets gut gelaunten Ampelmännchen hat der Westen einen Ostsympathieträger erster Güte übernommen. Allein das hätte schon gereicht, um die vergangene DDR in bester Erinnerung zu behalten. Doch es wurde mehr daraus; auf eine kurze Formel reduziert: Die Freiheit für ein ganzes Volk.

In stillem Gedenken verbeugen wir uns deshalb heute vor den unermüdlichen Bemühungen unserer ostdeutschen Brüder, die mit ihrer Beharrlichkeit letztlich die Wiedervereinigung herbeiführten. Ihre Kampfparole: 'Wir sind das Volk' hat sich in den Freiheitsbewegungen der Welt etabliert. In Hongkong, wo 2017 Neuwahlen anstehen, protestieren augenblicklich die Studenten mit demselben Argument für eine offene Kandidatenliste. Der friedvolle Slogan für mehr Selbstbestimmung hat sich in der Weltpolitik verfestigt. Ein weiterer Sympathieträger, den die Ostdeutschen hinterlassen haben. Hut ab.

 

Der barocke Festsaal im schwäbischen Schloß Mochental wird seit langem als Ausstellungsfläche genutzt. Vergangenen Sonntag eröffnete dort Rebecca Raue ihre Boot-Installation. Mit ihr soll das Drama der afrikanischen Flüchtlinge stärker ins Bewußtsein rücken. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. November zu sehrn. www.galerie-schrade.de/home/mochental

Von den Fans beider Blöcke wird die stark reduzierte Berichterstattung über die Sachlage im deutschen Fußball bemängelt. Was in den vergangen Jahren durchgehend möglich war, scheint abhandengekommen zu sein: durch die Übermacht der Bayern und den am Abgrund schwächelnden Dortmundern sind der Bundesliga die Pole entschwunden. Oben stehen die übermächtigen Süddeutschen, die sich durch enorme Zukäufe spanischer Elitekicker dermaßen verstärkt haben, dass sie in der Liga eigentlich gar nichts mehr verloren haben. Aber auch das permanente Abwerben von Spitzenspielern anderer Bundesligavereine haben die Liga dermaßen geschwächt, dass zu befürchten bleibt, dass der FC Bayern sich durch seine gierige Personalpolitik eines Tages von selbst erledigt. Alle anderen Mannschaften haben mehr oder weniger dasselbe Niveau, und deshalb kicken sie in ihrer eigenen Liga. In der Tabelle sollte man unter den Bayern einen dicken Strich ziehen, um darunter die Rangfolge gleichgesinnter neu zu starten. So macht Fußball keinen Spaß, und deshalb muss man darüber auch nicht mehr so viel reden. Die Fans sehnen sich den Fall der Unbesiegbaren herbei, und solange dies nicht geschieht, ist Langeweile angesagt.

Heute früh gab der FC Schalke 04 die Entlassung seines Trainers Jens Keller bekannt. Der Mann mit den Dackelaugen, der seine Truppe noch am vorletzten Spieltag zu einem Sieg gegen den Erzrivalen Dortmund motivierte, muss jetzt gehen. Sein Abschied dauerte recht lange, bereits in der vergangenen Saison wurde an seinem Stuhl gesägt, jetzt sind die Beine endlich ab und in Schalke beginnt hoffentlich ein langersehnter Neuanfang.

Überraschungen in der Liga gibt es zuhauf: die wiedererstarkte Frankfurter Eintracht steht auf Platz 5; neben den Bayern sind die Gladbacher und Mainz 05 auch nach dem 7. Spieltag noch ungeschlagen. Am meisten jedoch überrascht die Landessporttruppe aus Paderborn: mit einem ausgeglichenen Punkte- und Torkonto belegen sie den 9. Platz in der aktuellen Tabelle.  Die nächste Trainerentlassung steht wohl in Bremen bevor, danach in Stuttgart und dann wieder beim HSV. Es wird so kommen, möglicherweise nicht in der vorhergesagten Reihenfolge, doch die Jobs bei den erwähnten Clubs sind stark gefährdet. In Berlin, wo bei der guten alten Tante Hertha schon lange der Trainer ausgetauscht gehört, wird sich wohl nichts ändern. Dort setzt man auf Kontinuität, wenn es sein muss bis hin in die zweite Liga. Auch das hat was.  

Morgen widmen wir uns wieder dem Alltag und der Kultur.

 

 

 

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