Michael Schultz Daily News Nr. 781

Michael Schultz Daily News Nr. 781

Wien, den 6. Oktober 2014

 

bis auf die letzte Sekunde war die gestern Abend zu Ende gegangene VIENNAFAIR gut gefüllt. Dem Vernehmen nach konnte der Besucherzuspruch in diesem Jahr abermals erhöht werden, aber nicht nur die Anzahl, sondern auch die Qualität der Neugierigen hat sich deutlich gesteigert. Im zehnten Jahr ihres Bestehens hat sich die Messe für zeitgenössische Kunst im europäischen Messezirkus endlich einen festen Platz gesichert. Wenn auch die internationale Aussteller Beteiligung noch ein wenig zu wünschen übrig lässt, so ist es Österreichs Prachtgalerien in ihren mit äußerster Qualität kuratierten Kojen wieder einmal auf hohem Niveau gelungen zu überzeugen, und das Fernbleiben einiger ausländischer Kollegen vergessen zu lassen.

Sammler, Kuratoren, Kritiker und neugierige Künstler hingegen sind von fern angereist und waren durchweg voll des Lobes. Besonders stark war der Auftritt aktueller Kunst aus Rumänien, dem die Organisatoren in diesem Jahr eine Gastland Stellung ermöglichten. Mit ihrer Ausrichtung auf die Kunstzentren Osteuropas, hat sich die Messe in kürzester Zeit ein Alleinstellungsmerkmal besonderer Güte geschaffen. Die Sucht der Sammler auf immer originellere Trophäen will bedient werden. In Wien hat man das frühzeitig erkannt und bedient diesen Markt in einem wohl selektierten Verfahren. Die osteuropäischen Länderschauen machen neugierig und öffnen die Sinne für die Kunst unserer Nachbarn. Großsammler wie beispielsweise der Hamburger Harald Falkenberg waren mehrere Tage in den Messehallen unterwegs. Stets dabei seine kleine Kamera, die für ihn die Funktion des Notizbuches übernommen hat.

Überraschend viele Kunstfreunde sind in diesem Jahr aus Belgien angereist und haben für spürbaren Umsatz gesorgt. Die deutschen Besucher stellten wohl den größten Anteil ausländischer Gäste dar. Auch sie haben sich mit Reservierungen deutlich bemerkbar gemacht. Russlands Kunstfreunde kommen traditionell gerne nach Wien, allerdings eher zum Schauen, als zu kaufen. Vielleicht ist dies ja auch die Erklärung dafür, dass nur ganz wenige russische Galerien an der Messe teilnehmen.

Ohne Not darf der VIENNAFAIR beste Noten vergeben werden. Ein sensationelles Sammlerprogramm, professionelle Besucherführungen, 'Art Talks' auf höchstem Niveau und eine ganze Stadt, die mit ihrem Rahmenprogramm vom Feinsten beigegeben hat. Die Wiener Messewoche wurde so zu einem einzigartigen und unvergesslichen Kunsterlebnis und zum Garant für ein zufriedenstellendes Ergebnis: in gute Sammlungen gegeben werden konnten Kunstwerke von Andy Denzler, Sabina Sakoh, Udo Nöger, Rebecca Raue, Bernd Kirschner, Damian Stamer, Stephan Kaluza und Gerhard Richter. Für SEO und Jean Yves Klein ist jeweils eine Auftragsarbeit für ein Bauwerk in Aussicht gestellt worden. Das gute Geschäft inspirierte uns zum mehrmaligen Umbau unseres Messestandes. Erstmals konnten wir auf einer Kunstmesse auch direkt aus dem Computer verkaufen. Eine Möglichkeit, die künftig stärker zum Einsatz kommen soll.

Wien, mit seinem unwiderstehlichen Charme, ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Einmalig ist der Blick von oben. Zu sehen ist ein einmaliges Geflecht aus Kuppeln, Türmen, Kirchen, Statuen, Giebeln und Baumwipfeln. Von unten erlebt man eine ausgesprochene Vielfalt der Stadtarchitektur: malerisch verwinkeltes Mittelalter, strenge Gotik, pompöser Barock, verträumtes Biedermeier, mondäner Jugendstil und eine schräge, himmelwärts strebende Postmoderne. 'Wien ist ein Freilichtmuseum der Architektur und der zentraleuropäischen Geistesgeschichte' schreibt dazu treffend der Dumont Reiseführer. 'Zugleich ist Wien eine ungemein gegenwärtige, pulsierende Millionenstadt, deren Bewohner aus gutem Grund für ihre schöpferische Kraft und Lebenskunst weithin berühmt sind'.

Im gesamten Stadtgebiet findet man Wurstbuden, in denen vorzugsweise warme Würstchen angeboten werden. Bei uns heißen sie Wiener und in Wien sind es die Frankfurter. Warum das so ist liegt an der Mischung der Wurstmasse: das Frankfurter Würstchen besteht ausschließlich aus Schweinefleisch, dem Wiener Würstchen wird zusätzlich noch Rindfleisch dazugegeben. Weil den Wienern aber eben das reine Schweinewürstchen wohl besser schmeckt, wird vornehmlich die Frankfurter angeboten. Wer in Wien beim Schlachter eine Wiener bestellt, bekommt eine in Scheiben geschnittene Aufschnittwurst und kein Würstchen. Das ist alles ein wenig wirr. Am Ende schmeckt die Frankfurter in Wien besser als die Wiener in Frankfurt, und alleine darauf kommt es an.

 

 

 

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