Michael Schultz Daily News Nr. 780

Michael Schultz Daily News Nr. 780

Wien, den 4. Oktober 2014

 

als ob sie alle unserem Aufruf gefolgt sind: am Tag der Einheit, dem deutschen Nationalfeiertag, war die Wiener Messehalle gestern gut gefüllt mit Besuchern aus dem Nachbarland. Entsprechend groß war das Interesse an junger deutscher Kunst; Reservierungen für Kunstwerke von Rebecca Raue, Bernd Kirschner und Stephan Kaluza sind das Ergebnis. Für die teils weitangereisten Besucher gleicht Wien augenblicklich einer Schatzgrube zeitgenössischer Kunst. Die ganze Stadt ist im Aufruhr und zeigt sich von ihrer aufregendsten Seite. Sowohl die Galerien als auch die institutionellen Ausstellungshäuser haben nationale und internationale Starkuratoren eingeladen, um im gesamten Stadtgebiet  ihre thematischen Ausstellungen zu präsentieren.

Und die Wiener Bürgergesellschaft geht mit: beim anschließenden Openingdinner zur Vorbesichtigung der Cosima von Bonin-Ausstellung im MUMOK mussten für jeden einzelnen Tisch zehntausend Euro hingeblättert werden. Bis auf den letzten Stuhl waren alle Plätze verkauft. Eine Einnahme, die dem Museum zusätzlich rund 200.000 Euro eingespielt haben dürfte. Banken, Versicherungshäuser, der Staat und private Unternehmungen stützen den breitangelegten Wiener Kunstherbst. Vom den zum Teil weitangereisten Besuchern profitiert  in erster Linie die VIENNAFAIR; niemals zuvor war der Aufmarsch ausländischer Messegäste so deutlich wie in diesem Jahr. Das kontinuierliche Zusammentreiben und Bündeln aller Kräfte zeigt Früchte, um die man Wien aus Sicht so mancher deutschen Kulturstadt schon heute beneiden kann.

Auch wenn die Donaumetropole augenblicklich im Mittelpunkt der Kunstwelt steht, so bietet die Stadt weitaus mehr. Legendär sind die Geschichten, die sich um die Wiener Kaffeehäuser ranken. Über 500 soll es davon geben, und sie dienen gleichsam als Treffpunkt der vielen Lebenskünstler, wie auch als Geschäftslokale für die stets gutgekleidete Armada der Business Macher. Herübergerettet aus fernen Tagen hat sich in den meisten Lokalitäten auch das lebende Mobiliar; der soignierte Ober mit abgewetzter, schwarzer Frackweste, einer bauchschleife und der Geldtasche an der Hüfte. Allgegenwärtig sind die Stammgäste, die sich dort mit stundenlangem Herumblättern in den Zeitungen die Zeit totschlagen, aber auch die Pensionisten, die schweigend und regungslos, in einer Art stumpfsinniger Nachdenklichkeit die Stunden verdösen. Die zu beobachten ist alleine schon eine Reise nach Wien wert. 

Früher noch, so wird kolportiert, saß in jedem Kaffeehaus eine vollbusige Kassiererin, die über die Registrierkasse und die Kuchenvitrine herrschte. Zu jedem guten Ober gehörte ein 'Piccolo', ein halbwüchsiger Assistent, der tische abräumen, die Zeitungen ordnen und die Gläser mit Gratis-Trinkwasser aufzufüllen hatte. Doch diese Zeiten sind vorbei, heutzutage muss diese Sisyphusarbeit vom Kellner selbst verrichtet werden. Doch der Zauber ist geblieben, die Bedeutung der Wiener Kaffeehäuser als Brennpunkt des Geisteslebens hält an, ein Nährboden für so manche feuilletonistische Geschichte. 

Vielfältig ist der Kaffee, der angeboten wird: am gängigsten sind der Kleine oder Große Schwarze (Mokka) oder der Braune mit etwas Milch angereichert. Bekannt ist auch die Melange, ein mit aufgeschäumter Milch versetzter, einem Häubchen Sahne bekrönter und einer Prise Zimt oder Kakao bestreuter Kaffee.  Daneben gibt es die mit Eidotter vermengte Kaisermelange, den wassergestreckten Verlängerten, den Fiaker, den Einspänner, den Kapuziner, den Verkehrten (Milchkaffe mit mehr Teilen Milch als Kaffee), den Türkischen und viele weitere Zubereitungsarten. Zum exotischeren Angebot gehört der Mazagan (kalter Kaffee mit Eisstückchen und einem Schuss Rum) oder auch der Margiloman, der mit Mokka und Cognac aufgegossen wird.

Ohne seine Kaffeehäuser wäre Wien undenkbar. In ihnen spielt sich das gesamte soziale Leben Österreichs ab; ein Eldorado für  Neugierige und Genießer. Am Montag melden wir uns ein letztes Mal von dort, mit dem Messeschlussbericht und einer weiteren Sicht auf das Treiben in der Stadt der Nachdenklichen.

Schönes Wochenende und beste Grüße.

 

 

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