Michael Schultz Daily News Nr. 778

Michael Schultz Daily News Nr. 778

Wien, den 1. Oktober 2014

in Österreich, und das wissen wir schon lange, in Österreich ticken die Uhren ein wenig anders als sonst wo. Die Österreicher und ihre nonchalante Lebensart, aber auch ihre langatmige Sprache mit den ausschweifenden Betonungen, provozieren Zuneigung. Bereits am Wiener Flughafen  werden die ankommenden mit einer Prise von Leichtigkeit und der 'schönen blauen Donau' von Richard Strauß empfangen. Oft begleitet der Dreivierteltakt die Reisenden bis in die Hotelhallen. Auch wenn der Taxifahrer vom östlichen Rand Rumäniens stammt, den Schmäh hat er voll drauf.  Man muss es mögen, dieses gemütliche Umgarnen; und wer es mag, der fühlt sich in der Donaumetropole recht wohl. 

In der Rangliste der bei Touristen beliebtesten europäischen Metropolen gehört Wien zu den Top Adressen. Im Jahr 2012 wurden weit über 12 Millionen Übernachtungen registriert, und es werden Jahr für Jahr immer mehr. Diese Rekordbesuche sind der Lohn  für eine mentale Verjüngungskur, die Mitte der 70iger Jahre begonnen hatte und noch immer nicht abgeschlossen ist. Um auch für ein junges Publikum attraktiv zu sein, muss sich die Stadt ständig neu erfinden. In diesem permanenten Erneuerungsprozess entwickelte sich Wien zu einem Zentrum neuen Denkens, was ein wenig an die New Yorker Aufbruchsstimmung zwischen 1960 und 1980 erinnert. 

Den Beweis zum Wandel liefern die vielen kulturellen Aktivitäten, die abseits der Hochkultur z.B. neuaufkommende Fragestellungen in der Psychoanalyse genauso durchleuchten, wie die intellektuelle Beziehung zwischen dem Wiener Aktionismus und den Malern aus Gugging. Hochkomplizierte Forschung wird betrieben, deren Manifeste von der nächsten Generation wieder in Frage gestellt werden. So bleibt die Stadt immer im Aufbruch; aus den Zweifeln und der ewigen Angst einer staatlichen Bevormundung ernährt sich die Substanz einer immer aktiven Subkultur. Gleichsam für alle Bereiche der Kultur.

Vom Aktionismus über die neue Malerei der 70iger Jahre, der Art Brut aus Gugging bis hin zur quirligen Nachwuchsszene von heute spannt sich ein weiter Bogen in der zeitgenössischen Kunst. In der Wiener Kunstszene prallen die unterschiedlichsten Positionen aufeinander. Im internationalen Vergleich schwimmt man auch heute noch gern gegen den Strom, vielleicht ist das auch ein wenig die Ursache, warum letztlich die Bildende Kunst aus Österreich keine generationenübergreifenden Leitbilder geschaffen hat. Letztlich gilt dies auch für  Arnulf Rainer, den die Liebe zu seinem Vervollkommnungsdrang, aber auch das Bedürfnis, schwächere Stellen eines Bildes zu überdecken, zu seinen berühmten Übermalungen geführt hat. Dazu gehört der Erotomane, Schönling, Surrealist und Austro-Dada-Provokateur Christian Ludwig Attersee, der gleichsam mit Schmalix, Anzinger, Damisch, Muehl und vielen anderen der Bedeutung der österreichischen Kunst nur für einen kurzen Augenblick zu Ansehen verhalf. Allenfalls Maria Lassnig, Franz West und Erwin Wurm darf eine gewisse internationale Bekanntheit bescheinigt werden.  

Ein ständiges Wühlen im Sud schafft kaum Kontinuität. Ganz junge Kunst aus Österreich, wie beispielsweise die 'Neuen Dilettanten' um Andreas Karner und Werner Poschauko aber liefern ihren gesitteten Kollegen genügend Anregung für deren Kunst. Die Facetten künstlerischen Denkens haben sich in den Bildern anderer eingenistet, und so gesehen liefert die Kunstszene einen nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zur Weltkultur.

Heute beginnt die 'VIENNAFAIR', die internationale Messe für Gegenwartskunst. Als Gastland wurde Rumänien eingeladen. Die Brücke zum Osten wird seit vielen Jahren intensiv gepflegt und ist ein Alleinstellungsmerkmal besonderer Qualität. Ein erster kleiner Rundgang verspricht eine frische, junge und qualitätvolle Kunstmesse.

 

Das Aufregendste im Bestätigungsprofil einer Galerie, der Aufbau eines Messestandes, wurde gestern in der Rekordzeit von knapp unter zwei Stunden erledigt. Fotos vom Endzustand liefern wir morgen.

Heute Abend um 22 Uhr sendet Arte den Filmbericht 'Deutschland im Spiegel der Gegenwart'. Mit einem Blick zurück und einem Ausblick nach vorn kommen darin wichtige künstlerische Positionen zu Wort. Darunter Gerhard Richter, Katharina Sieverding, Thomas Demand, Joseph Beuys, Christoph Schlingensief und Cornelia Schleime. Der Bericht ist auch ein Film über Berlin, 'da die Stadt wie ein Brennglas für die Geschichte und Veränderungen des Landes fungiert'.  Viele Künstler leben dort und haben dort ihre Ateliers, ihre Kunst entsteht in diesem Schmelztiegel. Der Film machte sich auf die Reise dorthin und stellt bedeutende Protagonisten der Szene vor.

 

 

 

 

 

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