Michael Schultz Daily News Nr. 771

Michael Schultz Daily News Nr. 771

Berlin, den 22. September 2014

Liebe Freunde,

die 'Art Berlin Contemporary' (abc) Kunstmesse gilt schlechthin als das Kernstück der gestern zu Ende gegangenen 'Berlin Art Week'. In diesem Jahr zog die Veranstaltung rund 28.000 Neugierige an, laut Pressemitteilung seien damit 'die Galeristen sowohl mit der Anzahl der Besucher als auch mit den Verkäufen zufrieden'. Zufriedene Gesichter gab es auch bei uns: Die Eröffnungen von Helge Leiberg und Sabina Sakoh am vergangenen Samstag waren ein großer Erfolg. Bei Leiberg wurde gut die Hälfte der ausgestellten Exponate abgegeben, und bei Sabina Sakoh war die Begehrlichkeit so hoch, dass am Ende der Vernissage sämtliche Bilder platziert waren.

Eine gute Woche ist damit zu Ende gegangen. Die 'Art Week' hat sich etabliert, zumindest bei den Berlinern ist sie angekommen. Gelingt es den Organisatoren, die vielen Veranstaltungsorte künftig besser zu bündeln, dann kommen die internationalen Kunstfreunde, die Berlin mit der Beendigung des 'Art Forum' verloren hat, sicherlich auch bald wieder zurück. Ein guter Anfang ist gemacht.

In Berlin besinnt man sich immer mehr seiner jüngeren Geschichte; und das ist gut so. Nachdem die Wende vor 25 Jahren vollzogen war, wanderten mit einem großen Radiergummi bepackte (West-) Stadtplaner durch den Ostteil und zerstörten zu Hauf Monumente und Abbilder des dort vorherrschenden Systems. Besonders eindrucksvoll war die in roten Granit gehauene überdimensionale Leninfigur, die am südlichen Ende des Friedrichshainer Volkspark aufgestellt war. Keine zwei Jahre deutscher Wiedervereinigung waren vergangen, und der Lenin war verschwunden. Sein Kopf wurde im Wald vergraben, Körper samt Sockel wurden angeblich zu Gehwegplatten verarbeitet. Jetzt soll der Kopf wieder ausgegraben werden und im kommenden Frühjahr als Kernstück einer Ausstellung über den Umgang mit dem Denkmal dienen. Kein schlechter Anfang zur Rückbesinnung der deutsch-deutschen Geschichte. Gut möglich, dass man in zwei bis dreihundert Jahren das gerade wiedererrichtete Stadtschloss erneut zerstört, um den Palast der Republik wieder freizulegen. 

In ganz Europa, so vermeldet es das Fernsehen, wird heute ein autofreier Tag zelebriert. Angeblich seien die Menschen von Kirchen und Verbänden zur Teilnahme an diesem Aktionstag aufgerufen. Die Autos sollen stehen bleiben, viele Städte und Gemeinden sperren ihre Innenbereiche für den Verkehr. Angeboten werden Gratisfahrten mit Bus und Bahn; Partys und Kunstaktionen sollen die Bevölkerung für dieses Thema sensibilisieren. Lärm, Abgas-Gestank, CO² Ausstoß, Feinstaub aber auch der Anblick von rollenden Blechlawinen sollen für einen Tag unterbrochen werden. Morgen dann, wenn die Partys vorüber sind, ist alles schnell vergessen. Wir geben wieder Vollgas; ärgern tun wir uns dann wieder über die vielen Idioten, die uns im Weg stehen.

Uli Hoeneß hat seinen ersten Ausgang von der Haft absolviert. Am Samstag durfte er in Begleitung seiner Familie für einige Stunden die Festung in Landsberg verlassen. Grund für die Lockerung seiner Haftstrafe war die endgültige Begleichung seiner Steuerschuld. Wenn der Staat zu seinem Recht kommt, belohnt er die Sünder; gönnen sollten wir es beiden. 

Seiner eigenen Mannschaft ist es leider nicht gelungen, Hoeneß' erste Stunden in Freiheit mit einem Sieg beim HSV zu erfreuen. Nach 94 Minuten stand es 0:0; eine gefühlte Niederlage. Liebesbekundungen für den Gestrandeten gab es vom Rest der Liga: Die Dortmunder verloren in Mainz (0:2); Leverkusen ging mit 1:4 in Wolfsburg unter; Köln und Gladbach trennten sich 0:0. Auch wenn es nicht zu verhindern war, dass die Bayern auf Platz vier abrutschen, die gesamte Liga begrüßte ihren Uli in gewohnt devoter Haltung. Gelebte Solidarität - eben.  

Schöne Woche,

Michael