Michael Schultz Daily News Nr. 770

Michael Schultz Daily News Nr. 770

Berlin, den 18. September 2014

 

die Schotten bleiben britisch: mit 54 zu 46 Prozent haben sich die Gegner einer Abspaltung deutlicher als vorhergesagt für den Verbleib in Großbritannien entschieden. In der Londoner Regierungszentrale des Staatenverbundes atmet man ganz tief durch, aber auch in Brüssel bei den Eurokraten wird das 'No' gegen die Separation mit Erleichterung aufgenommen. Wäre das Ergebnis positiv verlaufen, wäre nicht zu verhindern gewesen, dass auch anderswo in Europa lang anhaltende Begehrlichkeit neu entflammt wäre. In Spanien beispielweise streben die Basken und Katalanen nach Eigenstaatlichkeit; bei uns im Land sind es die Bayern, die zwar nicht mehr so laut wie zu Strauß' Zeiten mit der Abspaltung drohen, bei jedem Euro aber den sie zum Länderfinanzausgleich nach Berlin überweisen, mehr laut als leise diese Möglichkeit in Erwägung ziehen. Gut möglich, dass einer der Hauptverhinderungsgründe der FC Bayern ist. Dieser müsste dann sein Können in der Bayernliga unter Beweis stellen, und das wäre weiß Gott wirklich unter seinem Niveau.

Die Bayern bleiben uns erhalten, mit ihnen ihre kulturelle Vielfalt. Undenkbar, dass unsere Multikultination künftig ohne die Bereicherung bajuwarischer Lebensgewohnheiten auskommen müsste. Dann wäre Deutschland  wirklich arm dran. 

Vom niedersächsischen Derneburg an den bayerischen Ammersee emigrierte Georg Baselitz vor einigen Jahren. In dem CSU-regierten Bayern fühle er sich weitaus wohler als im Sozialstaat Niedersachsen, sagt man ihm nach. So ganz ohne ist das nicht: neben Markus Lüpertz ist Baselitz einer der deutschesten der deutschen Maler, doch im Gegensatz zu seinem Kollegen hat Baselitz nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es ihm darum ging die Missstände in unserem Land zu benennen. Bei der Vorstellung der 'Welt'-Ausgabe vom 1. Oktober 2010, die Baselitz mit seinen Adlern verzieren durfte, antwortete Springer-Vorstand Matthias Döpfner auf die Begrüßungsrede des Künstlers 'mit ihren Gedanken haben Sie das Haus Springer rechts überholt, und das will ja schon was heißen in unserm Land'. Baselitz nahm's ohne Widerspruch zur Kenntnis.

Wie dem auch sei, seine Kunst ist das Aufregendste was derzeit in deutschen Ateliers produziert wird. Auch im hohen Alter setzt sich Baselitz recht kritisch mit seinem eigenen Werk auseinander.  Im Münchener Haus der Kunst sind die Pforten zur Ausstellung 'Georg Baselitz - Damals, dazwischen und heute' geöffnet. 'Eines der prägendsten Merkmale im Schaffen von Georg Baselitz ist die kritische Reflexion des eigenen Werks vor einem veränderten Zeithintergrund', so der offizielle Pressetext. In den vergangen zehn Jahren hat diese Selbstanalyse einen breiten Raum eingenommen. Baselitz unterzieht darin die bestimmenden Eigenschaften der ursprünglichen (Bild)- Fassungen einem erneuerten formalen Zugriff. In seinen 'Remix-Bildern' verflüssigte er den einst kraftvoll gemalten Duktus früher Arbeiten und erzielte eine aufgelöste, gar zeichenhafte Neuerfindung malerischen Denkens. Die recht umfangreiche Ausstellung wird bis zum 1. Februar nächsten Jahres zu sehen sein. (Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München, Montag - Sonntag: 10 - 20 Uhr, Donnerstag: 10 - 22 Uhr)

Morgen dann wird in München zum 181igsten Mal eröffnet, worauf die Welt jahrein, jahraus wartet: das Oktoberfest. Wenn die Dirndl geschnürt, die Lederhosen geklopft und Haferlschuhe poliert sind, ist Wiesnzeit. Der Münchener Oberbürgermeister darf traditionell gegen 12 Uhr das erste Bierfass anzapfen. Die Anzahl der Schläge die er dafür benutzt, kann durchaus sein Ansehen mitbestimmen. Je weniger desto besser.  Speziell fürs Oktoberfest wird stärkeres Bier gebraut. Dessen Alkoholanteil liegt mit 5,8 bis 6,4% deutlich höher als bei normalem Bier. Für eine Maß muss man in diesem Jahr zwischen 9,70 und 10,10 Euro hinlegen. An guten Tagen wird das Fest von bis zu 400.000 Menschen besucht; im Schnitt sind es 6 Millionen alljährlich.

Bei uns in Berlin geht es deutlich bescheidener ins Wochenende. Noch bis Sonntag wird die 'Art Week' zelebriert. Auch außerhalb des offiziellen Programms gibt es sehenswerte Beiträge, darunter die Gruppenausstellung 'Black Market Berlin', die heute Abend in der Lehrter Straße eröffnet wird. Beteiligte Künstler sind u.a. Tatjana Doll, Amelie Grözinger, Eberhard Havekost, Römer + Römer und Mika Hannula. Wir eröffnen morgen mit einem weiteren Beitrag zu 'Art Week' die Ausstellungen von Sabina Sakoh und Helge Leiberg.
Herzlich willkommen.

Zum Wochenende wie immer die besten Grüße.