Michael Schultz Daily News Nr. 765

Michael Schultz Daily News Nr. 765

München, den 12. September 2014

wenn es hinten weh tut, dann soll man vorne aufhören. So, oder so ähnlich klingen die ersten Ratschläge, wenn der Rücken nicht mehr zulässt, was dem Menschen größtes Glück beschert. Rückenschmerzen werden schlechthin als die Volkskrankheit Nummer 1 beschrieben; alleine in Österreich leiden rund 2,3 Millionen an manifesten Wirbelsäulenbeschwerden. In den letzten 10 Jahren hat die Zahl der chronischen Rückenleiden um 33% zugenommen. Besondere Problemzone ist der Bereich der Lendenwirbelsäule; rund 40% aller erwachsenen Österreicher benötigen eine Rückentherapie. 

In 2009 waren es in Österreich mehr als 8 Millionen der insgesamt 40 Mio. Krankentage, die wegen Beeinträchtigung des Bewegungsapparates verordnet wurden. Die Kosten durch Therapie und Arbeitsausfälle betragen bis an die 6 Milliarden Euro pro Jahr. Chronische Rückenschmerzen sind inzwischen die teuerste Diagnose; sie kosten das Gesundheitssystem mehr als alle Krebserkrankungen zusammen. 

Für diejenigen, die es trotz enormer Beschwerden nicht lassen können, hat die Wissenschaft endlich erforscht, welche Stellung die beste ist, wenn der Rücken den Sex zur Qual werden lässt. In Kanada ansässige Bewegungsforscher haben Versuchspersonen beim Akt vermessen und einen Katalog mit empfehlenswerten Positionen erstellt. Dabei nutzten sie interessante wissenschaftliche Techniken. 

'Eine Nacht Spaß, unzählige Tage Schmerzen. Für Männer mit Rückenbeschwerden kann Geschlechtsverkehr zu einer qualvollen Angelegenheit werden', resümiert die 'Süddeutsche' zu diesem Thema. Weil viele Patienten deshalb  sogar komplett darauf verzichten oder sich nach Rücksprache mit ihrem Arzt  auf eine bestimmte, wissenschaftlich nicht belegbare Stellung reduzieren, beschäftigen sich kanadische Biomechaniker sei kurzem mit dieser Problematik. Die Bewegungsforscher haben insgesamt zehn Paare beim Sex beobachtet, sie dabei gefilmt und ihre Haltung vermessen. Dabei herausgekommen ist ein Empfehlungskatalog für Männer mit Rückenschmerzen, den die Forscher nun in diversen Fachpublikationen veröffentlicht haben.

'Bislang hätten Ärzte meist nur eine Stellung für alle Fälle empfohlen', sagen die Forscher. In der Regel ist dies die sogenannte Löffelchenstellung, bei der beide Partner auf der Seite liegen und der Mann von hinten kommt. Durch Veränderung der Körperlage bietet diese Position allerdings nur eingeschränkte Variationsmöglichkeiten. Für alle, die es eher zart und eng umschlungen lieben als wild und akrobatisch, scheint sie die geeignetste zu sein. Das sei allerdings nicht die ultimative Antwort, 'eine Sex-Position, die sich für ein bestimmtes Rückenleiden eignet, muss nicht auch bei allen anderen Arten von Schmerzen passen', sagt die Wissenschaft dazu.

Schmerzgeplagten, die Probleme beim Beugen des Rückens hätten und daher nicht für längere Zeit sitzen könnten, empfehlen die Forscher beispielsweise die Hündchenstellung, bei der sich der Mann hinter seiner Partnerin befindet. Zudem sollte in solchen Fällen die Stoßbewegung während des Geschlechtsverkehrs aus der Hüfte und nicht aus der Wirbelsäule kommen. Der sogenannte 'Doggy Style' erlaubt eine tiefere Penetration, und wenn der Mann den Winkel ändert, können unterschiedliche erogene Regionen bei der Partnerin stimuliert werden. 

Um die 'Mechanik des männlichen Orgasmus' entschlüsseln zu können, ließen die Wissenschaftler ihre Probandenpaare insgesamt drei Stellungen mit fünf Variationen durchspielen. An ausgewählten Stellen der Körper waren dabei Punkte angebracht, die von Kameras erfasst und im Computer in Bewegungsabläufe umgewandelt wurden, ähnlich wie dies auch bei der Produktion von Videospielen oder Trickfilmen genutzt wird. ('SZ')

Am Ende standen Modelle, die die Bewegung der Wirbelsäule bei unterschiedlichen Stellungen dokumentieren. 'Zum ersten Mal haben wir nun sehr solide wissenschaftliche Daten, auf die Ärzte zurückgreifen können, wenn ihre Patienten trotz lähmender Rückenschmerzen intim werden wollen', steht in der  Pressemitteilung. 'Das kann die Qualität des Lebens - und des Sexuallebens - für viele Paare verbessern.'

Männliche Patienten mit Rückenbeschwerden litten unter besonders starken Schmerzen just im Moment des Höhepunktes, sagen die Forscher. 'Oft führt das sogar dazu, dass die Männer versuchen, beim Sex mit ihren Partnerinnen den Orgasmus zu vermeiden'. In der kanadischen Studie allerdings war das Nichtkommen des Mannes  nicht erlaubt. Ihre Muskeln wurden verkabelt und mit Elektroden versehen, um Anspannungen während des Höhepunkts zu erkennen. Am aktivsten waren demnach die Bauch- und Gesäßmuskeln, nicht so sehr die Rückenmuskulatur. Die Bewegung der Wirbelsäule fiel hingegen stark unterschiedlich aus. Bei manchen Probanden veränderte sie sich während des Orgasmus kaum, bei anderen wurde sie, wie die Biomechaniker schreiben, 'drastisch' gekrümmt oder verlängert.

In den kommenden Monaten wollen die Forscher bekanntgeben, was gut tut, wenn die Frau unter Rückenbeschwerden leidet.  Dann sollen auch neue Experimente starten - zum Beispiel für Patienten mit Hüftleiden. 

Ein wirklich spannendes Thema, das die meisten von uns irgendwann einmal betrifft. Hoffen wir, dass die Forschung bis dahin so weit ist, dass es den meisten dabei nicht mehr wehtut. Dann allerdings gibt es auch keine Ausreden mehr.