Michael Schultz Daily News Nr. 761

Michael Schultz Daily News Nr. 761

Berlin, den 8. September 2014

Liebe Freunde,

als am frühen Abend des vergangenen Freitag die Waffenruhe in der Ostukraine beschlossen und verkündet wurde, veranstaltete die ukrainische Community in Berlin einen Autokorso. Laut hupend und mit wehenden Flaggen ging es selbstbewusst durch die Stadt. Der Waffenstillstand wurde gefeiert, als ob damit auch das Auseinaderbröckeln der Ukraine beendet sei. Doch es dauerte keine 24 Stunden und die Kämpfe um Mariupol waren wieder entflammt. Das ukrainische Militär und die Separatisten beschuldigten sich gegenseitig, die Vereinbarung zu missachten. Beide Seiten betonieren derzeit ihre Stellungen. Strittiges wird mit Waffen geregelt. Auch soll ein geplanter Gefangenenaustausch stattfinden. Doch wie und wann das stattfinden kann, ist noch nicht geregelt.

Die Separatisten wollen eine Abspaltung auf dem Verhandlungsweg erreichen. Laut OSZE verspricht ihnen die ukrainische Regierung einen Sonderstatus des Ostens und eine Amnestie für illegale Kämpfer. Damit gemeint sind einerseits die Überläufer, die an der Seite der Freischärler gegen die Regierungstruppen kämpfen; andererseits aber auch die vielen russischen Soldaten, die ihren Jahresurlaub an der Front in Donetsk, Lugansk oder Mariupol verbracht haben.

Im großrussischen Reich ist, wie auch anderswo in der Welt, der August der Urlaubsmonat schlechthin. Das gilt gleichermaßen für die Militärs wie für die Zivilbevölkerung. Putins Urlauber müssen in die Kasernen zurück. Und um ihre geschwächten Brigaden zu schonen, haben die Separatisten den Waffenstillstand angeboten. Vorher wurden noch schnell, mit allem was zur Verfügung stand, Landgewinne gesichert. Die zurückgekehrten Urlauber, so berichten es die Medien, unterstützen die Zurückgelassen seitdem aus ihrer Heimat. Gut möglich, dass die schnell herbeigeführte Waffenruhe gerade deshalb beschlossen wurde.

Warum viele Russen diesen Sommer in der Ostukraine verbrachten, wird erst beim genaueren Hinsehen deutlich: der Westen mit seinen Sanktionen hat sie dahin getrieben. Eingeschränkte Reisemöglichkeiten und das Einfrieren der Devisenvermögen haben vielen Russen keine andere Möglichkeit gelassen, als den diesjährigen Jahresurlaub in den grenznahen Urlaubsdestinationen zu verbringen. Dort spricht man die eigene Sprache und der Rubel ist konvertibel. Geht kaum besser. Und weil das Treiben der Familien in den Urlaubsgebieten schützenswert ist, haben sich die Männer beim Heimatschutz gemeldet. Freiwillig; versteht sich.

Wenn Putin an der Idee des Berliner 'Tagesspiegel' gefallen gefunden hätte, und seinen Truppen kurzerhand eine Urlaubssperre verordnet hätte, wäre der Krieg längst beendet. Wahlweise, so schreibt Harald Martenstein in seiner Titelkolumne von gestern, gäbe es auch noch die Möglichkeit, dass 'die NATO Putin anbietet alle Sanktionen aufzuheben'. Doch dafür solle er seine Soldaten künftig nach Italien und Florida in den Urlaub schicken. Möglicherweise, doch das wär noch auszuhandeln, könnte das Westbündnis die Reisekosten übernehmen.

Wenn das alles nicht so ernst wäre, könnte man darüber schmunzeln. Putins Äußerungen zu seinen urlaubenden Landsern erinnern an die Worte Walter Ulbrichts, der den Bau der Berliner Mauer zum Schutze der DDR Bürger in Auftrag gab. Ein antifaschistischer Schutzwall solle es werden, der sein Volk vor den Klauen kapitalistischer Hyänen schützt. Damals wie heute war allen klar, dass das dummes Zeug ist.

Putin will ein großrussisches Reich wiederherstellen. Unterstützt wird er dabei von einer einflussreichen Gruppe St. Petersburger Ultranationalisten. Deren Idealvorstellung ist die Wiedereinführung der Zarenmonarchie mit Putin als Präsident auf Lebenszeit.

Um dem entgegenzuwirken, muss der Westen seine Schleusen öffnen und die Sanktionen beenden. Das Oligarchen Geld fließt dann wieder in Strömen nach Baden-Baden, an den Tegernsee und in die deutsche Immobilienwirtschaft. Alle hätten wir was davon. Um den Frieden in der Ukraine wird sich der ehemalige Preisboxer Vitali Klitschko auf seine Weise kümmern. Die postzaristische Bewegung würde schnell ihr Interesse an der Ostukraine verlieren.

Na, das wär doch mal was.

Schöne Woche.

Gruß Michael

 

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