Michael Schultz Daily News Nr. 760

Michael Schultz Daily News Nr. 760

Berlin, den 5. September 2014

 

vorsichtig optimistisch äußerte sich der ukrainische Präsident Poroschenko zu der von den Separatisten ins Spiel gebrachten Waffenruhe. Heute schon könnte ein solches Papier unterzeichnet werden, doch bevor es dazu kommt, wird gekämpft was das Zeug hält. Die Separatisten wollen schnell noch die Frontlinie so positionieren, dass strategisch wichtige Gebiete unter ihrer Kontrolle sind und dauerhaft bleiben. Eine  aktive Kriegsbeteiligung Russlands wurde unterdessen bestätigt. Beim Kampf um die ostukrainische Hafenstadt Mariupol sind russische Militäreinheiten im Einsatz. Dies widerspreche nicht dem internationalen Völkerrecht, sagte dazu der russische Botschafter Wladimir Grinin. Da die Ukraine ein Vielvölkerstaat ist, seien die Spielräume eben grösser. Kiew verlangt unverhohlen westliche  Militärhilfe, am besten unter dem Schutzschirm der NATO, doch Kanzlerin Angela Merkel lehnte auf dem NATO-Gipfel in Wales einen Beitritt der Ukraine zum NATO-Bündnis ab. Sie spricht sich aber für eine intensivere Zusammenarbeit aus; und erntet für ihr Zaudern deutliche Kritik aus den Reihen der baltischen Staatschefs. Russland warnt die NATO vor einer weiteren Annäherung an die Ukraine. 

Jegliche aktive Beteiligung an der kriegerischen Auseinandersetzung lehnt die Kanzlerin ab. Sie hofft weiterhin auf direkte Verhandlungen mit Putin, und vertraut der Wirkung von Sanktionen. Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg wirft den Europäern Blindheit bei den Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten vor. Während die amerikanische Regierung offenkundig überwältigt sei, störe es europäische Politiker nicht einmal, dass sie nicht wissen, was sie tun sollen, schreibt Guttenberg im 'Wall Street Journal'.  EU-Gipfel nennt er 'Schönheitswettbewerbe', die die Handlungsunfähigkeit des Staatenbündnisses  kaschieren sollen. Zum Gaza-Krieg habe Europa nur nutzlose Presseerklärungen hervorgebracht. Bei so viel Schwachsinn kann getrost davon ausgegangen werden, dass Guttenberg dieses Mal nicht abgeschrieben hat. 

Immer stärker macht sich der Konflikt auch in unserer Wirtschaft bemerkbar. Russische Investoren, die in den vergangenen Jahren den deutschen Immobilienmarkt hochgehalten haben, ziehen sich vermehrt zurück. Von Russen geliebte Destinationen, wie zum Beispiel Baden-Baden, leiden unter deren Enthaltsamkeit. Die Verhängung der Sanktionen sei ein 'Schuss in den eigenen Ofen', sagt der Stadtkämmerer, 'Baden-Baden ist seit Verhängung wie leergefegt'.  

Aber auch die deutsche Lederwaren- und Kofferindustrie bekommt den Konflikt zu spüren. Die Exporte nach Russland und in die Ukraine gingen im ersten Halbjahr 2014 in Umfang und Wert um rund 33% zurück, berichtet der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie. Dies stehe in 'auffälligem Missverhältnis' zum wachsenden Gesamtexport der Branche.  Noch ist der Schaden, den die Sanktionen der deutschen Wirtschaft insgesamt zufügen nicht wirklich messbar, zu spüren jedoch ist er allemal. Insider sprechen von Merkels heimlichen Kriegsopfern.

Wie auch immer: anscheinend können wir das alles ertragen. Die Deutschen sind im Stimmungshoch, der Angstindex sank einer aktuellen Untersuchung zu Folge um 2 Prozentpunkte auf 39% ab. Der niedrigste Wert seit 20 Jahren. Allenfalls sorge man sich ums Geld, die Umwelt und die eigene Gesundheit, richtig Angst aber habe man nicht. Die Euroschuldenkrise und die damit verbundene Erhöhung der Lebenserhaltungskosten beunruhigen uns ein wenig. Das aber sind Themen, die die Politik richten kann. Im Kern geht es uns gut.

Nicht von einer politischen Gruppierung wird die Befragung alljährlich durchgeführt; es ist die 'R+V Versicherung' die schon seit 20 Jahren zu den 'Ängsten der Deutschen' befragt. Übertragen auf  die aktuellen Parteienwerte dürfte es demnach für die Kanzlerinnen-Partei nur noch nach oben gehen. Doch dem ist nicht so: aktuell verliert die CDU 2 Punkte und liegt nur noch bei 40%; aber auch die SPD, die andere Wohlfühlpartei,  sank um denselben Wert auf nur noch 24% ab. Gewinner der Umfragen ist die AfD, die mit ihren eurokritischen und rechtspopulistischen Parolen augenblicklich auf 7% kommt. Linke und Grüne kommen auf jeweils 10% und die einst stolze FDP verharrt mit 3% im Abgrund. 

Wenn auch sonst nichts Großes zu befürchten ist, die Furcht vor Europa scheint uns zu beunruhigen. Entgegen unserer gerade erforschten Entspannung rennen der angstmachenden AfD die Wähler in Scharen zu. Am übernächsten Sonntag werden in Thüringen und in Brandenburg neue Landtage gewählt. Auch dort, so sehen es die Wahlforscher, wird die Euro-Horrortruppe 'mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit' in die Parlamente einziehen. Ohne Europa, doch das bringt die Kanzlerin nie so richtig rüber, ohne Europa sähe der Wohlfühlindex in unserem Land deutlich schlechter aus.

Die einen sagen so, die anderen so. Umfragen, und das wissen wir ja, werden bereits in der Fragestellung auf das gewünschte Ergebnis getrimmt. Untrüglich, und auch das ist bekannt, sind die Spielergebnisse unserer Weltmeistertruppe. In der Endspielwiederholung, dieses Mal als Testspiel, gab es gegen Argentinien eine verheerende 2:4 Klatsche. Die Taktik des Trainers war es, die zum Debakel führte, auch das haben wir gesehen. Dass er es nicht kann allerdings, das sehen nur wenige. Für den deutschen Fußball und für ihn selbst ist es das Beste, wenn er Platz für neue Ideen macht. Vom DFB gäbe es zum Abschied eine goldene Uhr. Zugreifen bevor es zu spät ist.  

Am Sonntag wird es wieder ernst, dann geht es in der Qualifikation zur EM gegen Schottland. Noch so ein Spiel und um Löw wird es einsam. (RTL, 20:45 Uhr)