Michael Schultz Daily News Nr. 758

Michael Schultz Daily News Nr. 758

Berlin, den 3. September 2014

 

die ersten Einrichtungsgegenstände unserer studentischen Behausungen stammten in der Regel vom dem schwedischen Möbelriesen mit dem Elch im Logo. Besonders beliebt war ein Regalbausatz, der unter dem Namen 'Billy' in die Kulturgeschichte einging. Der Einkauf dort wurde zelebriert; man ging zu mehreren, mietete einen Kleintransporter, An- und Abreise glich einer Performance. Wenn irgendetwas vergessen wurde, oder aber das Regal erweitert werden musste, konnte man das damals direkt in der dafür zuständigen Abteilung besorgen. Seinerzeit war der Besuch bei IKEA immer etwas Besonderes.

Aus dem einstigen Möbelgroßmarkt wurde ein Gemischtwarenriese. Mit witziger Werbung wie 'Wohnst du noch oder lebst du schon?' geht man auf Kundenfang; Zielgruppe sind die Jungen, die der Gigant fürs Leben an sich binden will. 

Doch wer die alten IKEA-Zeiten noch erlebt hat, für den wird der Einkauf heute zur Tortur. Die Läden schlucken die Kunden auf, und spucken sie erst wieder raus wenn sie durch alle Abteilungen durch sind. Aus dem Wirrwarr der vorgegebenen Wege gibt es kein Zurück. Menschen, die unter Klaustrophobie leiden, geraten mitunter in große Not.  Die für solche Fälle vorgesehenen Fluchtwege führen nicht selten direkt zurück ins Labyrinth der Verführung. Man kommt erst wieder raus wenn man alles gesehen hat.

Doch nicht nur das Möbelbaus vermiest dem Genusskäufer das Einkaufen. Nach demselben Prinzip werden weltweit nach und nach die Flughäfen umgebaut. Direkt in den Flieger geht es heute nur noch über den Umweg durch überdimensionierte Duty Free Shops. Dort warten gut geschulte Verkaufsanimateure und preisen ihre Sonderangebote an. Mit allen Tricks sollen die Kunden zum Kaufen beeinflusst werden. 

'Wer im Supermarkt nur eine Tüte Milch will' so schreibt die 'Süddeutsche' zu diesem Thema, 'wird durch den ganzen Laden geführt'. Dies geschieht meistens im entgegengesetzten Uhrzeigersinn; dieser dem Menschen angeborene Linksdrall sorgt für bessere Kauflaune und steigert die Umsätze. Generell muss man sich beim Einkauf für die preiswerteren Produkte bücken, während die teureren in Griffhöhe liegen. Die Psychologie des Verkaufens spielt in der strategischen Ausrichtung der Supermärkte eine bedeutende Rolle.  

Aber nicht nur die Produktplatzierung und die Gefangennahme der Kunden sind umsatzsteigernde Faktoren. Die Nähe zu anderen Kunden ist wohl genauso entscheidend. Zu diesem schwer steuerbaren Phänomen wurde von der Rostocker Universität jüngst eine Untersuchung erhoben.  In ihr wurde festgestellt, dass man 'beim Einkaufen anderen Personen nicht zu nahe kommen möchte, und dies im Umkehrschluss die anderen auch nicht.' Die Menschen meiden zum einen Regale, an denen gerade andere stehen; sie gehen weiter, obwohl sie sich gerade für dieses Produkt interessieren. Andere warten ab und wenden sich anderen Produkten zu, bis das Regal wieder frei ist. 

Konsumenten sind  sich dessen nicht bewusst, fasst die Studie zusammen, aber der persönliche Raum spielt beim der Kaufentscheidung eine wichtige Rolle. Auch hätten Käufer oft Angst davor, von anderen als Störer empfunden zu werden. 'Wenn Käufer an einem Regal stehen und andere kommen ihnen zu nahe, beschleunigen manche ihren Einkauf.' Bedrängte Kunden greifen in solchen Situationen häufiger zum bekannten Markenartikel als zum Billigprodukt.

Die richtige Füllmenge an Kunden herauszufinden ist wissenschaftlich noch nicht erforscht worden. Zur Stimulanz benötigen wir Publikum, zu viel aber darf es nicht sein. Unter den Super Brands der Luxusindustrie ist es lange schon Usus, dass die Stores für gutbetuchte Kunden kurzfristig geschlossen werden. Die draußen deshalb warten müssen, fühlen sich nicht wohl, aber auch die im Laden gefangenen haben Unbehagen.

Shopping, so scheint es zu sein, ist eine Beschäftigung für Menschen mit Multitasker-Begabung. Vielleicht ist dies der Grund, warum gerade Frauen beim Einkaufen am wenigsten Stress verspüren.

Zielgerecht und passgenau einkaufen war noch die Stärke der Männer. Um diese Erfahrung beneiden wir die Frauen. Zu den wenigen männlichen Künstlern mit Multitasker-Begabung gehört ohne Frage auch Helge Leiberg. Einen Einblick in sein vielschichtiges Schaffen gibt eine Ausstellung, die heute unter dem Titel "Bewegtes Leben" in der Galerie im Rathaus in Eschborn eröffnet wird (Rathausplatz 36, 65760 Eschborn, bis 13. November, Mo - Fr: 8 - 12 Uhr, Mi: 15 - 18 Uhr).

 

 

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