Michael Schultz Daily News Nr. 757

Michael Schultz Daily News Nr. 757

Berlin, den 2. September 2014

wenn er will, so soll Russlands Präsident Putin dieser Tage zum noch amtierenden EU-Präsidenten Barroso während eines Telefonates gesagt haben, wenn er will dann dauert es keine zwei Wochen und Kiew ist eingenommen. Noch ist nicht sicher ob das wirklich so gesagt wurde, aber die Verunsicherung in der ukrainischen Führung ist bereits spürbar. Kampflos wurden gestern im Ostteil des Landes einige Gebiete den prorussischen Kriegstruppen überlassen; gut möglich, dass die Verteidigung der Hauptstadt schon jetzt oberste Priorität hat. Unterdessen fordert der politische Arm der von Putin geförderten 'freiwilligen Armee' die Gründung von 'Neurussland'.  In ihr versammelt  werden soll was ehedem zu Zeiten von Katharina der Großen zum Russischen Reich gehörte: die heutige Ostukraine. 

Rhetorisch ist 'Novorossiya' im Kreml bereits Realität. Auch Wladimir Putin benutzte in einem Schreiben an die in der Ostukraine aktiven Milizen den bedeutungsschweren Begriff. Putins Gedanken zu erahnen ist so gut wie unmöglich; richtet sich sein Blick in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Wer weiß es? So ist  'Novorossiya' Mythos und Realität zugleich.

Eine ganze Reihe von Definitionen existieren zu diesem Begriff. Erstmals tauchte er im 18. Jahrhundert auf. Er war die Bezeichnung für eine Region, die vormals das 'weiße Feld' genannt wurde. Ein dünnbesiedeltes Gebiet, in dem Nomadenvölker umherzogen. Es war ein Landstrich, der vom heutigen Transnistrien über das ukrainische Odessa, die Krim bis über die heutige russische Grenze reichte. Ende des 18. Jahrhunderts gliederte der russische Zar die Gebiete in sein Reich ein. Katharina die Große ließ es  kolonialisieren. Unter den Sowjets  wurde das Gebiet, aber auch die Krim, der ukrainischen Sowjetrepublik zugesprochen. 

Für viele Russen ist 'Novorossiya' noch heute Fleisch vom Fleische des großrussischen Zarenreichs. Doch wer diese Vergleiche anstellt, beschwört einen Mythos. Putin hat mit seiner Wortwahl nicht nur diesen heraufbeschworen; er meint es ernst. Schließlich gibt es im 'weißen Feld' sehr viele russlandsprachige und russlandaffine Menschen, und diese will er Heim ins Reich holen.

Noch mehr Verwirrung schaffen die täglich wechselnden Meldungen aus dem Kriegsgebiet. Aus den Reihen der Freischärler kommt nun ein neuer, weiterer Vorschlag: die Ostukraine soll Teil des Landes bleiben, dafür starke Autonomierechte bekommen.  Was auch immer sich hinter diesem erneuten Verwirrspiel verbirgt: beim Versuch der Einverleibung der Ukraine  in die EU wurde Putin ein Stachel in den Köper gerammt, der ihm richtig wehtut. Im Vorfeld des geplanten Assoziierungsabkommens, und darüber ist sich die diplomatische Welt mittlerweile einig, wurden verheerende Fehler begangen. Auch von unserer Kanzlerin.

Die Welt brennt an allen Ecken und Enden, und wenn man genau hinschaut, wurden oftmals die Feuer von den 'Befreiern' entfacht. Es war noch nie gut, wenn sich die vermeintlich Starken in die Belange der Schwächeren eingemischt haben. Die Ukraine hätte auf der Position eines neutralen Staates ihren Weg nach Europa nachhaltiger vorbereiten können. Im Gefolge einige weitere Länder an der eurasischen Grenzlinie. Nach dem EU-Überrollmanöver schwinden jetzt die Hoffnungen für eine ganze Region. Lange wird es dauern, bis der Stachel aus dem russischen Bären entfernt ist, und genauso lange dauert es, bis die Stimmung zur Erschaffung einer neutralen Zone wiederhergestellt ist. Wenn überhaupt.