Michael Schultz Daily News Nr. 755

Michael Schultz Daily News Nr. 755

Berlin, den 29. August 2014 

 

'Eine junge Mutter stattet dem Verwalter einer Kleingartenanlage, die abgerissen werden soll, wöchentlich Besuche im Bett ab. Wo sonst könnte ihr Kind so schöne Straßen aus Löwenzahnblüten legen wie im Grünen? Auf dem Begräbnis des eingebildeten Dramatikers inszenieren sich all die Exmodels, die seine Geliebten waren. Und dann noch die Dralle, die ungeniert Pralinen und Sex genießt. Gleichzeitig. Nicht zu vergessen der Mann, der von unerwarteter Seite unter der Tischplatte seine Nachspeise serviert bekommt.' 

Entnommen wurde dieser Text aus der Umschlagklappe zum neuen Buch von Cornelia Schleime. In 'Das Paradies kann warten' geht sie heftig und deftig zur Sache; der Klappentext gibt davon nur wenig wieder. Direkt und ohne Umschweife nennt sie die Dinge beim Namen, die das Leben so in Spannung hält: Es geht ums Vögeln und die Zutaten, die man dazu braucht. Wie so vieles in ihrer Kunst, so haben auch die im Buch versammelten 12 Kurzgeschichten stark autobiografische Züge. Authentisch und in einer prallgefüllten, sehr bildhaften Sprache erinnert sie an Geschehenes, Erlebtes, an Begegnungen, die sie berührten. Eine hocherotische Zeitreise durchs Leben ist daraus geworden, in der Nebensächliches nicht selten zur Hauptsache wird.

Pikante Details sexueller Begegnungen sind lustvoll beschrieben: 'Er strich ihr durchs braune Haar, knöpfte ihr Kleid auf, erst jetzt bemerkte sie, wie lang und  beweglich seine Finger waren. Ein wenig roch er nach Schweiß. Gerade so viel, dass es sie erregte. (...) Er hob sie in die Luft, setzte sie auf seinen Schwanz, der mächtig hervorragte,' so die Geschichte einer Begegnung mit einem schwarzen Basketballspieler. Aber, es geht ihr in ihren Sprachbildern nicht nur um Sex: Während beide einige Zeit in dieser Stellung verbrachten, beschreibt sie, vom eigentlichen Geschehen fast abwesend, was ihr beim neugierigen Blick auf die im Liebeszimmer hängenden Familienfotos ihres Beglückers alles durch den Kopf geht.  

Cornelia Schleime ist eine gute Beobachterin. Die Bilder, die ihr beim Liebesspiel in den Sinn kommen, stellt sie mal lakonisch, mal humorvoll, mal übermütig aber immer gleichwertig zum eigentlichen Geschehen in den Kontext. Jede noch so winzige Kleinigkeit erhält dadurch große Bedeutung. Das macht das Buch so lesenswert. (188 Seiten; mit diversen Abbildungen; Fuchs & Fuchs Verlag/Berlin; ISBN 978-3-945279-02-1) Heute um 10.20 Uhr bespricht Bettina von Arnim die Neuerscheinung im Deutschlandradio; um 19.30 Uhr in 'Zeitfragen' befragt Sigried Wesener die Autorin.

Obschon die Kunst von Nina und Torsten Römer auf dem Kunstmarkt voll etabliert ist, finden beide immer wieder den weg zurück in die Tiefen des Undergrounds. Subkulturelles Treiben zieht sie geradezu an: unter dem Titel 'BLACK MARKET HELSINKI' zeigt heute und morgen die dort ansässige Sinne Gallery Kunstwerke von meist aus Skandinavien stammenden Künstlern. Mit dabei auch Römer + Römer.

Wenn es nicht so verdammt gefährlich wäre, könnte man das Treiben der Russen in der Ostukraine zur Performance des Jahrhunderts erklären. die per Satellit beim Grenzübergang beobachteten russischen Kampfverbände sollen sich nach Auskunft aus dem Moskauer Verteidigungsministerium dorthin verfahren haben. Russische Fallschirmflieger, die ebenfalls dort gesichtet wurden, haben sich laut Putin versehentlich verflogen, und  russische Soldaten, die in den Kampfgebieten im Einsatz sind, tun dies womöglich im Urlaub, und dies könne er ihnen ja nicht verbieten. Putin wird sich von der Ostukraine eine Landeschneise zur Krim einverleiben. Das scheint gesichert und kaum noch zu verhindern zu sein. Nicht ganz schuldlos an dieser Entwicklung ist das diplomatische Harakiri des Westens.  

Zu hoffen bleibt, dass die Ukraine im Kräftemessen der Kalten Krieger nicht völlig zerstört wird, und Putin bisher Geschehenes als provokative Kunstperformance abtut. Die Kunstwelt wäre dadurch um eine ungeliebte Erfahrung reicher. Der Krieg wird endlich zur Kunst, damit aber auch entzaubert. Er verflüchtigt sich im Genre des Augenblicks. In Erinnerung bleibt ein Traum, ein böser zwar, aber eben nur ein Traum. 

Das wäre doch mal was. Bis Montag.