Michael Schultz Daily News Nr. 752

Michael Schultz Daily News Nr. 752

Berlin, den 26. August 2014

 

schon seit vielen Monaten beschert der allmorgendliche Blick in die Nachrichtenportale immer dasselbe Bild. Die Kriege in Syrien, der Ukraine, im Gaza, im Irak und anderswo beherrschen die Themen. Tagtäglich verlieren viele Menschen ihr Leben, weil sie das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu leben. Millionen andere sind auf der Flucht vor den fanatischen Kriegern, die zur Erreichung ihrer Ziele im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen. Die Kriegshandlungen auch als solche zu benennen, damit tut sich die offizielle Welt recht schwer; man spricht von Konflikten, von Freischärlern und Gotteskriegern. Das tut nicht so weh und verharmlost den Krieg. Aber es tut auch noch was anderes: es hilft zum Verdrängen, und es hilft zur Abstumpfung.

Vierundzwanzig Stunden am Tag werden wir über die Gewalt und das Elend der Kriege informiert, doch immer weniger nehmen wir wahr was dort wirklich passiert. Unsere Sinne veröden, wir verlieren die Sensibilität und nehmen kaum noch Teil an dem was um uns herum geschieht. Proteste gibt es nur noch im Stillen, ganz heimlich, weil es ja eh kaum jemand interessiert. 

Das hilft der Politik, ihre Ziele zu verfolgen. Man liefert Waffen in den Krieg und tut dies aus humanitären Gründen. Dass das irgendwie nicht zusammenpasst, fällt kaum noch auf. Im Gaza-Konflikt werden Kriegspausen vereinbart, auch aus humanitären Gründen. Genutzt werden diese um die Toten zu bergen und die Stellungen zu sichern. Sobald das erledigt ist, wird wieder getötet. Dasselbe geschieht in der Ostukraine. Die Perversität des Krieges zeigt sich dort am deutlichsten: erst zerstört der Krieg den Menschen ihre Lebensgrundlage, und dann kommen die weißen LKW der Waffenlieferer und bringen zurück, was man vorher vernichtet hat. Aus humanitären Gründen. 

Wenn es ganz hart kommt, wie zurzeit im Nordirak, spricht man von Kriegsverbrechen. Ein Unwort - jeder Krieg ist ein Verbrechen. Doch es gibt Regeln zum Töten, und wer sich nicht daran hält, macht sich strafbar. Festgelegt ist das alles in der 'Haager Landkriegsordnung' von 1899. In ihr ist die Kriegsführung festgeschrieben, die die Zerstörung von Lebensraum und das Töten von Menschen regelt. Neben den 'Genfer Konventionen' gilt das Haager Abkommen 'als wesentlicher Bestandteil des humanitären Völkerrechts'.

Kriege, so könnte man meinen, sind  das notwendige Übel einer humanitären Zivilisation. Die territorialen Claims werden abgesteckt, und wenn das dem Nachbarn nicht passt, wird gezündelt bis es brennt. Die Leidtragenden sind die Menschen - die Helden sind die Krieger; nur sie gehen in die Geschichte ein. Hochdekoriert sterben sie ihren Heldentod.  Man nennt sie dann Gefallene, weil sich das eben anders anhört als Ermordete. 

Die Sinnlosigkeit des Krieges wird an dessen Definition am deutlichsten. Das wissen wir, doch nur wenige von uns steigen dahinter. Diejenigen, die beharrlich dagegen protestieren, kommen nicht aus der Politik. Dort folgt man anderen Gesetzmäßigkeiten; denn Krieg ist ja auch ein gutes Geschäft. Protestieren tun die Künstler. Unabhängig ihrer Stellung und ohne Rücksicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Ihre Botschaften sind oft verklausuliert, dafür umso nachhaltiger.  Sie sind das Gewissen unserer Zivilisation. Nicht selten werden sie für ihre Botschaften verfolgt, gedemütigt und weggesperrt.

Doch sie verfolgen unablässig ihren Weg als Botschafter für eine friedliche Welt. Ganz wenige von ihnen werden sogar kritische Begleiter herrschender Strukturen. Wenn es den mächtigen opportun erscheint, wird ihre Kunst ins Rampenlicht gerückt. Wenn die Politik sprachlos ist, werden sie zum Sprachrohr. Aber nur für den Moment. Wenn sie ihre Kunst außerhalb der politischen Öffentlichkeit zelebrieren, ist der Staat auch gerne bei ihnen. Nicht zum Schutz, eher zur Demonstration seiner Stärke.

So geschehen auch vergangenen Sonntag, als Daniel Barenboim mit seinem 'West-Eastern Divan Orchestra' die Berliner Waldbühne bespielte. Dem 1999 gegründeten Ensemble gehören junge Musiker aus Israel und Palästina, aus den arabischen Ländern und Spanien an.  Die Idee die sich dahinter verbirgt, ist die Ermahnung an eine friedliche Lösung im Nahostkonflikt. 

Die Berliner Polizei hat das Konzert zum Anlass genommen, das Publikum vor den Musikern zu schützen.

Die Zugangswege wurden abgesperrt, nicht hermetisch, aber immerhin noch so, dass ein langer Fußmarsch in Kauf genommen werden musste. Behinderten wurde nur nach Vorlage eines offiziellen Papiers der Zugang erlaubt. Wer keines hatte, blieb außen vor. Der Staat zeigt seine Macht. Ordnung muss sein, Widerspruch ist sinnlos. Behinderungen ohne amtliche Bescheinigung gibt es nicht.  

Die Regeln unserer Zivilgesellschaft zu verstehen, ist oftmals nicht einfach. Im Großen wie im Kleinen. Wenn Menschen sich zusammentun und gemeinsam Musik hören wollen bekommt der Staat Angst. Warum eigentlich?

Zeit zum Nachdenken.