Michael Schultz Daily News Nr. 749

Michael Schultz Daily News Nr. 749

Berlin, den 21. August 2014

 

dass der Sommer in diesem Jahr entweder zu kalt oder zu warm war, haben wir am eigenen Körper erfahren. Wenn die Temperaturen mal aus dem Ruder schlagen, sind die Wetterstatistiker schnell zur Hand; grundsätzlich werden dann die Durchschnittswerte vergangener Zeiten zu Rate gezogen. Doch wem nützt das was, unsere Körper haben ihre eigenen Sensoren und diese alleine empfangen untrügbare Signale über unser Wohlbefinden. Nützt es uns zu wissen wie der Sommer vor 25 Jahren war; besonders dann wenn es draußen gerade richtig kalt ist? Nichts nützt es.

In einigen Teilen unseres Landes sinken die Nachttemperaturen bereits unter den Gefrierpunkt, und das ist wirklich ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Krampfhaft sind die Meteorologen auf der Suche nach dem Sommer; ab Mitte nächster Woche könnte es wieder wärmer werden. Wenn es ums Wetter geht, sind wir zwar eine Leidensgemeinschaft, doch ähnlich wie beim Fußball sind auch dort die Seelen gespalten. Morgen beginnt die neue Bundesliga-Saison; für die echten Fans unter uns tritt ab dann das Wetter wieder in den Hintergrund. Bis zum letzten Spieltag wird das Auf und Ab der Emotionen vom Verein, der Mannschaft, den Ergebnissen, und vor allem vom Tabellenstand bestimmt.  Der Tabellenstand agiert wie ein Fieberthermometer; warm ums Herz wird's wenn die Truppe des Herzen ganz oben steht.

Das erste Spiel bestreiten morgen Bayern München und der VFL Wolfsburg (20:15 Uhr ARD). Die Bayern-Fans erwarten ein klares Ergebnis, mit drei bis fünf Toren Unterschied. Alles andere wird als gefühlte Niederlage empfunden. Im Süden sind die Ansprüche eben hoch. Aber auch im Westen wird Fußball gespielt, mit etwas mehr Bodenhaftung allerdings. Die Leidensfähigkeit ist ausgeprägter, man darf auch mal verlieren; nach dem Spiel ist vor dem Spiel, man freut sich aufs nächste und bleibt auf dem Teppich. 

Finanziell rüsten die Westvereine auf. An vorderster Linie Borussia Dortmund; mit dem Sportartikelhersteller Puma und der Signal Iduna-Versicherung wurde ein 110 Millionen-Deal festgezurrt. Einzelheiten dazu will der Verein heute bekannt geben. Mit mehr Geld im Rücken könnten die Dortmunder dem permanenten Abwerbebegehren der Bayern standhalten. Auch wird die Augenhöhe wieder angepasst. Chancengleichheit tut nicht nur dem Sport gut, es rückt auch die Fans wieder ein wenig zusammen. Was wollen wir mehr. (Für die Blinden unter uns gibt der 'Kicker' ein Sonderheft heraus. Auf 200 Seiten Blindenschrift werden Informationen über die 1., 2., und 3. Liga geliefert.)  

Bei uns den Galerien laufen so langsam die Telefone heiß: auch unsere Saison wird dieses Wochenende eröffnet. Zum Auftakt zeigen wir Neues aus dem Atelier von SEO, und in der contemporary Abteilung Bondage-Fotos der aus Dänemark stammenden Künstlerin Annette Merrild. 

Schon immer räumte SEO in ihren plastischen Installationen den durch Globalisierung umweltzerstörten Landschaften einen zentralen Platz ein. In ihren neu entstanden Arbeiten wurden Formen aus Metall geschnitten und neu zu einer Assemblage zusammengesetzt.


Die 'Kalten Landschaften' sind aus Aluminium ausgeschnitten und wurden nach einem vorher nicht festgelegten Muster wieder zusammengefügt. Abb.: Der Weg zu Dir, 2014, Aluminium, 197 x 136 x 12 cm

Natur in ihrem ursprünglichen unbelasteten Zustand ist so nicht mehr existent. Es ist ihr 'menschengemachtes' Produkt, angelehnt an ihre Raumkunst Installationen. Der Bildinhalt nur bei genauerem 'Einsehen' verständlich.

 

Die scheinbar durchästelte, amorphe, nahezu lyrisch anmutende Konstruktion kristallisiert sich erst beim zweiten Blick, und gibt im Abbild ihren figurativen Charakter preis. Ähnlich den arabesken Ornamenten (einem beliebten künstlerischen Gestaltungsmittel des 19. Jahrhunderts) wurde die Ornamentik mit Figuren symbolischen Charakters gespickt. Der Titel 'Kalte Landschaften' spielt auf den kühlen Zustand abgestorbener Materie an. Der naturbelassene Zustand des Metalls, verbunden mit der grauen Aluminium-Eigenfarbe, unterstreicht die morbide Aussage der Kunstwerke. Ein weiteres Mal gelingt es SEO, ihre Fangemeinde zu überraschen. Spannende Ausstellung.

Spannungsreich auch wird es bei Annette Merrild. Ihre fotografische Serie über Self Bondage, 'Self Control', sprengt die Grenzen machtbesessener sexueller Abgrenzung. Self Bondage, englisch für Selbstfesselung, wird von ihren Protagonistinnen nicht nur, wie üblich in der Szene, als verstärkendes Vehikel zum Lustgewinn im Rahmen eines autoerotischen Szenarios benutzt. Sie entkleiden der Praktik der Selbstfesselung den Mantel des Perversen und erheben die Knüpfkunst zum ästhetischen Imperativ.


Erotische Ästhetik in nicht alltäglicher Offenbarung: die Kunst von Annette Merrild ab Samstag bei uns.

Nicht das alleinige Abweichen von der sexuellen Norm steht im Zentrum, sondern die künstlerische, zum Lebenskunstprinzip gewordene, Inszenierung. Als Mittlerin zwischen entgegengesetzt zueinander  stehenden menschlichen Erfahrungswirklichkeiten, nämlich  die des Rezipienten die des  Künstlers, bedient Annette Merrild sich der Fotografie als Kommunikationsmittel. Hierbei wird das Bildgeschehen anhand verschiedener, der Malerei entliehener Stilmittel komponiert.  Neben den Reminiszenzen an Caravaggio, setzt sie sich ihre Modelle mithilfe choreografischer Anweisungen in eine Positur, die den Eigenwert der Seile hervorhebt. Hierbei rekurriert sie oft auf dramaturgische Bildformen, die entweder aus der Tradition klassischer Malerei oder experimenteller Fotografie entnommen worden sind. Die Fesselungen werden von den Frauen selbst geknüpft und versteckt unter der eigentlichen Tageskleidung getragen. Zweck hiervon sind mitunter der Reiz an der Selbstkontrolle und der Spaß am Umgehen gesellschaftlicher Normen. Keinesfalls ordnen sich die Frauen als Objekt einem dominierenden sexuellen Subjekt unter. Fesselungen, die Entscheidungsautonomie einschränken, sind nicht vorzufinden. Merrilds Aufnahmen stehen gleichzeitig für eine emanzipierte Auslegung weiblicher Sexualität, die ideengeschichtlich betrachtet im feministischen Diskurs zu verorten ist und einen wichtigen Beitrag zur postmodernen 'Feminist Art' darstellt.

 

Beide Ausstellungen werden am Samstag (23. August) in der Zeit zwischen 19 und 21 Uhr eröffnet. Bereits ab morgen ist eine (eingeschränkte) Vorbesichtigung möglich.

Doch nicht nur bei uns beginnt die Saison: in Erlenbach am Zürichsee eröffnet ebenfalls am Samstag die PYTHON GALLERY mit Leinwandarbeiten von Bernd Kirschner und Plexiglasinstallationen des Südkoreaners Bong-Chae Son. Zur Vernissage gibt es ein 'art breakfast', alles  findet am 23. August 2014 in der Zeit von 10:00 - 14:00 Uhr statt. 

In den kommenden Monaten betreiben die Galerien ihre Hauptsaison. Eng eingetaktete Ausstellungen und Messeveranstaltungen bestimmen den Arbeitsablauf. Die Sommerfrische hat ein Ende; Gott sei Dank.

Am 11. August verstarb in München im Alter von 56 Jahren der Kulturwissenschaftler, Kurator und Kritiker Peter Lang. Viele Künstler wurden durch seine lustschaffende, zurückhaltende Art in ihrem Tun bestärkt. Er galt als einer der profiliertesten Kuratoren Ostdeutschlands, der mit kuratorischer Originalität und inhaltlicher Substanz in seinen Ausstellungen Maßstäbe setzte. Lang studierte an der Humboldt Universität in Berlin Kulturwissenschaften und Ästhetik. Ende der 80iger Jahre kehrte er in seine Geburtsstadt Leipzig zurück, und war dort u.a. in der Zeit zwischen 1989 und 1993 der erste Galerist von Neo Rauch. Das Künstlerhaus Bethanien / Berlin zeigt noch bis zum 31. August die von ihm kuratierte Ausstellung 'Das mechanische Corps - Auf den Spuren von Jules Verne'. (Kottbusser Straße 10, Dienstag - Sonntag: 14 - 19 Uhr). Kulturschaffende in Ost und West trauern um den Verlust des stets begeisternden Kunstenthusiasten.

In tiefer Verbeugung tun wir das mit. 

 

 

 

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