Michael Schultz Daily News Nr. 747

Michael Schultz Daily News Nr. 747

Berlin, den 19. August 2014

 

laut Meteorologen sind die augenblicklichen Temperaturen durchschnittlich um einige Grade zu tief. Besonders getroffen hat es die Gegend um Essen, dort ist es zurzeit um 6 Grad kälter als im Vergleichsmittel der vergangenen Jahre. Berlin trifft es mit 3 Grad noch einigermaßen milde; die anhaltende Kälte jedoch macht uns ganz schön zu schaffen. Nachts kühlt es in unserem Land bis auf 7 Grad ab, und in Dresden soll es heute mit 22 Grad am wärmsten werden. Die ganze Woche noch soll es so bleiben, für die kommende wird unter Vorbehalt der Meteorologen zaghafte Besserung angekündigt.

Am Wetter können wir Gott sei Dank nichts ändern, es kommt so wie es kommt und ist so wie es ist. Aber ärgern dürfen wir uns und das tun wir auch. Es wird  gewettert, geschimpft, gestöhnt und gelobt, das Wetter beherrscht die Themen unseres Alltags. Aber es gab auch Zeiten, da war es verpönt übers Wetter zu reden, nur die Einfallslosen stichelten den lieben langen Sommer am Wetter herum. Die Deutsche Bundesbahn hat in ihren besten Zeiten mit dem Slogan 'Alle reden vom Wetter. Wir nicht' um die Gunst ihrer Kunden geworben. Die Kampagne startete im Jahre 1966 und  gehörte in ihrer Zeit zu den am stärksten beachteten. Sie hatte aber auch zur Folge, dass seinerzeit das Reden übers Wetter ganz plötzlich als nicht mehr angesagt galt.

Idee und Wortwahl der Kampagne wurden vielfach kopiert: für Finanzanlagen, für Autos, aber auch für Currywurstbuden. Große Beachtung erzielte die Modifikation des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Studenten der Universität Stuttgart überarbeiteten das Plakat und setzten unter den Slogan 'Alle reden vom Wetter' die Köpfe von Karl Marx, Friedrich Engels und  Lenin. Darunter erschien die Zeile 'Wir nicht'. ursprünglich sollte es für den SDS im Uni-Wahlkampf in Stuttgart werben; gedruckt wurden dafür 60 Exemplare. Doch nachdem das Plakat in fast allen Zeitungen besprochen wurde, stieg die Nachfrage auf 50.000 Exemplare. Die Einnahmen wurden für die rechtliche Vertretung nach den Protestaktionen gegen die Notstandsgesetze verwendet.  

Gut gemacht war auch die Reaktion des Fiat-Konzerns: in der Werbung für den neuen Panda schaltete der Autohersteller Werbeanzeigen, in denen ein auf zugeschneiten Gleisen stehender Panda zu sehen war, darunter stand die Zeile: 'Reden wir zur Abwechslung mal vom Wetter'. Die Bundesbahn reagierte darauf humorvoll und witzig. Es erschienen Anzeigen, die Schnee, Eis, Matsch und Nebel zeigten, verbunden mit der Unterzeile: 'Was sagt die Bahn dazu? Sie schweigt und fährt'. 

Auch die Grünen bedienten sich für einen ihrer Wahlkämpfe der Bahnidee: für den Bundestagswahlkampf 1990 plakatierten sie 'Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter'. Weil die Grünen der deutschen Wiedervereinigung kritisch gegenüberstanden, suchten sie sich in der ersten gemeinsamen Wahl im vereinigten Deutschland spezielle Themen. Die Klimaerwärmung und der saure Regen mussten herhalten. Im Westen scheiterten sie damit an der 5% Hürde; das ostdeutsche Bündnis 90 hatte den Slogan nicht übernommen und schaffte wegen besonderer Wahlkriterien mit einigen Abgeordneten den Sprung in den damaligen Bundestag.

Über das Wetter zu reden ist heute noch genauso ambivalent wie die Wirkung der Bahnkampagne damals. Wenn strenge Winter die Kursbücher der Bundesbahn auf den Kopf stellen, muss heute noch der Slogan herhalten - doch im Umkehrschluss wird damit süffisant auf die Wetterfühligkeit des Unternehmens hingewiesen.  

Mit dem Wetter gut Wetter zu machen, war schon immer schwierig. Also halten auch wir uns da raus. Die beständigste Wettervorhersage stammt aus dem Altertum. Damals lebte man nach der Weisheit: Kräht der Hahn frühmorgens auf dem Mist - ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist. 

Wie wahr.

Beste Grüße