Michael Schultz Daily News Nr. 744

Michael Schultz Daily News Nr. 744

Berlin, den 14. August 2014

in den Sommerferien, und das ist ja auch wirklich nichts Neues, werden nicht nur die Zeitungen dünner, die Kollegen von der schreibenden Zunft produzieren in dieser Zeit auch ganz schön viel Stuss. Alles ist im Urlaub, sogar die Regierung arbeitet nur auf Sparflamme, woher also sollen die Themen kommen. Die Kriege um uns herum haben an Spannung verloren, ob der russische Hilfskonvoi nun in Donezk ankommt oder nicht, interessiert kaum noch; das ständige Auf und Ab im Gazakrieg ermüdet, sogar der Konflikt im Irak und die Vertreibung der Jesiden interessiert nicht wirklich. Wir haben Urlaub, und damit verabschieden wir uns für einige Zeit auch vom Alltag der  Horrormeldungen. Gut möglich, dass die Nachrichtenindustrie, zumindest die seichte, für den Sommer die Auswahl ihrer Geschichten nach der Verdaulichkeit der Inhalte bestimmt. 

Alljährlich wird deshalb die Prominenz aus Politik und Show Business zur Auswahl ihrer Urlaubsorte befragt. Von Helmut Kohl wissen wir, dass er die Sommerzeit grundsätzlich am Wolfgangsee verbrachte; die Kanzlerin geht gerne auf Wanderschaft - am liebsten in Südtirol, und Sigmar Gabriel erholte sich in diesem Sommer auf Usedom in Vorpommern. Bereitwillig geben die Prominenten Auskunft darüber, was sie im Urlaub so umtreibt: Die einen schlafen viel, andere verbringen den ganzen Tag mit Lesen, es wird gebastelt, sich endlich mal um die Kinder gekümmert; man will einfach nur faul sein. 

Peinlich sind diese Befragungen eigentlich immer, richtig schlimm wird es, wenn die Sommerinterviews nun gar nichts  hergeben und trotzdem veröffentlicht werden. Daniela Schadt, als Geliebte von Joachim Gauck auch unsere First Lady, gab bereitwillig Auskunft darüber, dass sie an der Segelleidenschaft ihres Liebhabers nur wenig Freude hat. 'Der Bundespräsident segelt für sein Leben gern auf einer kleinen Jolle' erzählte sie der Zeitschrift 'Frau im Spiegel'. Manchmal gehe sie mit am Bord, doch wenn der Kahn schief liegt, wird es ihr immer schlecht. Da 'springe ich lieber ins Wasser und schwimme', sagte sie, und wenn ich dann im Wasser bin, 'bin ich mein eigener Kapitän'. Das sind die Storys, die wir brauchen - Geschichten, die das Leben schreibt.

Tiefer geht es im Interview zwischen Harald Glööckler und dem Szenemagazin 'In-Touch' zu: der extravagante Modeschöpfer mag es im Urlaub gern bodenständig. Die Masken werden abgelegt und der Schminkkoffer bleibt zu. 'Für den Strand schminke ich mich selbstverständlich nicht', und  am Pool 'verstecke ich die ungestylte Frisur unter einer Mütze'. Wow! Wir alle wissen es, aber er wahrscheinlich nicht, ungeschminkt würde sogar der liebe Gott Glööckler nicht erkennen. Doch kundenorientiert verbringt er seine Ruhetage an der Ostsee, dort wo seine Kundschaft weilt und ihn jeder kennt, will er sich verstecken. Er macht, worauf er Lust hat: 'Wenn ich schlafen will, schlafe ich. Wenn ich lesen will, lese ich'. Es ist nicht zu übersehen, die Presse- und Marketingabteilung war nicht nur bei der Suche des Urlaubsortes hilfreich, zur Brillanz des Interviews half der Pressestab beim letzten Schliff.

Nicht wirklich ergiebig sind die Sommerstories unserer Wichtigen, und trotzdem schlingen wir sie in uns hinein. Woran das liegt, wird gerade erforscht. Wer das tut und wo das geschieht ist noch nicht bekannt, aber das macht ja auch nichts. Die Ergebnisse kennen wir ohnehin: wir lesen den Stuss, weil die Hitze des Sommers nichts Gehaltvolleres erträgt. Unsere Sinne arbeiten auf Sparflamme; im Mittelpunkt steht der Genuss, und dabei sollten wir es belassen. 

Wer viel in Asien unterwegs ist, der weiß, dass die besten Geschäfte beim gemeinsamen Essen gemacht werden. Diese Kultur hat sich auch bei uns verbreitet; je anspruchsvoller der Deal, desto ausgefallener das Arbeitsessen. Dieses kultivierte und feinsinnige Verhalten hat sich sogar im Fußball verfestigt. Grundsätzlich treffen sich vor wichtigen Begegnungen die Vereinsbosse zum gemeinsamen Mittagessen, man spricht miteinander, pflegt die Geschäftsbeziehungen und bezichtigt sich der Freundschaft. Diese Gepflogenheit wurde gestern unterbrochen. Beim Supercup-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München verschmähten die Süddeutschen die Einladung, sie verweigerten das obligatorische Mittagsmahl. Immerhin hatten sie das rechtzeitig bekannt gegeben. Aber Compliance und Unternehmenskultur waren noch nie die Stärke der Münchner.

Genauso stillos und instinktlos wie die Chefs verhielt sich später die Mannschaft im Spiel. Mit 2:0 wurden die Bayern vom Platz gefegt, und wenn in ihrem Kasten nicht der Ex-Schalker Neuer stehen würde, dann wäre es richtig schlimm gekommen. Wegen grober Unsportlichkeit wurden Jerome Boateng und Philipp Lahm mit Gelb verwarnt; die Bayernführung, die mit schlechtem Beispiel voranging, hätte eine Tiefrote verdient. Wer nicht zum Essen kommt, darf später auch nicht mitspielen. Das war schon früher so.  

Wie dem auch sei: Der Guardiola-Code ist geknackt. Das konnte man schon gegen Ende der letzten Saison sehen. So wie die Bayern gestern gespielt haben, schaffen sie in der kommenden Bundesliga-Saison mit Müh und Not die Relegation zur Europaliga. Wenn die Dortmunder in der gesamten Spielzeit nur 80% von dem, was sie gestern gezeigt haben, abrufen können, werden sie Meister. Vieles spricht dafür.

Mal sehen was kommt.