Michael Schultz Daily News Nr. 740

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Tirana, den 8. August 2014

Liebe Freunde,

im August nach Tirana in die Hauptstadt Albaniens zu reisen, so sagt man, sei wegen der enormen Hitze dort eine Tortur für Leib und Seele. Doch für heute und morgen sind 28 bis 30 Grad vorhergesagt, eine gute Möglichkeit der sonst im August vorherrschenden deutlich höheren Temperaturen aus dem Weg zu gehen. Ein guter Grund die Reise anzutreten.

Tirana liegt in einem großen Talkessel, der sich in Richtung Nordwesten öffnet und in eine rund 40 Kilometer lange Ebene mündet, die bis zur Küste des Mittelmeeres reicht. Die Sommer sind dort recht warm, mitunter richtig heiß sogar. Nicht selten erreichen die Temperaturen Werte, die um die 40 Grad liegen. Wegen der austauscharmen Wetterlage (die warme Luft bleibt unten und die kalte oben) entsteht eine hohe Luftverschmutzung, die sich manchmal tagelang über dem Stadtkern von Tirana festsetzt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 wurde Albanien von Italien besetzt. In dieser Zeit gründete der spätere Diktator Enver Hoxha die Kommunistische Partei, die gegen die Vormundschaft der italienischen Mussolinikämpfer und später auch gegen Hitlers Truppen in Stellung ging. Ende 1944 wurden die Besatzer besiegt, und es folgte eine kommunistische Diktatur, die bis Anfang 1991 bestand hatte. Danach begann Albanien sich allmählich politisch und gesellschaftlich zu öffnen, ein Demokratisierungsprozess war eingeläutet. 1997 wurde das Land kurzzeitig nochmal durch Unruhen erschüttert, aber seitdem erlebt es einen stetig wachsenden wirtschaftlichen Aufschwung. 

Besonders entwickelte sich die Hauptstadt Tirana. Zahlreiche moderne Hochhäuser entstanden, das Straßensystem wurde erneuert, es entstanden innerstädtische Parkanlangen, der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut - der Stadt wurde ein Flächen-und Ordnungsplan verordnet, nach dessen Regeln die Modernisierung voranschritt. Im Zeitraum zwischen den Jahren 2000 und 2010 hat sich die Bevölkerung verdoppelt; heute leben in Tirana rund 900.000 Menschen. Gut die Hälfte davon ist nicht registriert, die meisten davon in den Vororten, in denen sie Land und leerstehende Häuser besetzt halten. Von der Regierung wurde ein Legalisierungsprojekt ins Leben gerufen, mit dessen Hilfe die Nichtregistrierten in das soziale Leben des Landes integriert werden sollen.  

Großen Anteil am wirtschaftlichen und sozialen Umbruch in der Stadt hatte Edi Rama, der heutige Ministerpräsident, der in der Zeit von 2000 bis 2011 Bürgermeister war. Er schuf ein Ordnungssystem, in dem das verwahrloste und heruntergekommene Tirana sich neu entwickeln konnte. Sein 'Clean and Green' Projekt wurde von den Vereinten Nationen ausgezeichnet, und im Herbst des Jahres 2004 wurde Rama zum 'World Mayor' des Jahres gewählt. Edi Rama ist aber nicht nur ein in die Zukunft schauender Politiker; im Haupt- bzw. Erstberuf ist er ein international anerkannter Maler. Er arbeitete als Lektor an der Akademie der Künste, emigrierte ins Exil nach Paris, und wurde nach seiner Rückkehr 1998 zum Minister für Kultur, Jugend und Sport in die Regierung berufen.




Beispiel einer Tageszeichnung des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, gefertigt am 31. Mai 2007.

Am 10. September 2013 wurde Edi Rama offiziell zum Ministerpräsident Albaniens gewählt. In den ersten Tagen seiner Amtszeit erfolgten einige richtungsweisende Regierungsentscheide. Der erste war ein Importverbot von Müll. Danach folgte unter anderem die Neuverteilung der Regierungsaufgaben unter die verschiedenen Ministerien. Einige Ministerien wurden zusammengeführt, andere aufgeteilt und wiederum andere neu gegründet. Dem Regierungssitz in Tirana gab Rama im Inneren ein neues Aussehen, besonders seinem Dienstzimmer. Dieses gleicht heute einem Museum in eigener Sache: An den Wänden hängen seine sogenannten Tagesblätter, Seiten aus seinem Terminkalender auf denen er farbige Filzstift Zeichnungen anfertigte. 

Edi Rama ist neben seinen politischen Verpflichtungen immer auch Künstler geblieben. In die Geschichte eingegangen ist die Aktion der künstlerischen Altstadtsanierung: Mit Farbspenden aus aller Welt wurden die ehemals grauen und farblosen Häuserfassaden der Altstadt Tiranas in ein sehenswertes Kunstwerk verwandelt. Maßgeblich war er an der Errichtung international beachteter Kunsteinrichtungen beteiligt, unter anderem am 'Tirana Institute of Contemporary Art' welches auch Ausrichter der dortigen Biennale  ist. Er selbst war als Künstler mehrfach Teilnehmer auf der Biennale in Venedig und hat an zahlreichen international bedeutenden Ausstellungen teilgenommen. In Deutschland wurden zuletzt bei Rüdiger Schöttle in München seine Tagesblätter ausgestellt.

Für heute und morgen sind mehrere Treffen mit ihm, Künstlern und Kulturschaffenden des Landes vorgesehen. Ziel ist, bei der Installation einer Kulturbrücke zwischen Tirana und Berlin mit dabei zu sein. In erster Linie aber ist es die Neugier, die in die Fremde lockt.

Schönes Wochenende.

Michael