Michael Schultz Daily News Nr. 736

Michael Schultz Daily News Nr. 736



Lissabon, den 4. August 2014

Liebe Freunde,

gute Umstände haben dazu geführt, dass sich die Portugalreise um weitere zwei Tage verlängert hat. Bei aller Freude darüber ist es trotzdem ein wenig schwierig, von dem im Kopf bereits beendeten Urlaub wieder Abstand zu nehmen. Man bereitet sich auf das Zuhause vor, sieht den großen Berg voller Arbeit vor sich; Tage schon vor dem ursprünglichen Ende beginnt der Alltag wieder. Auch wenn man sich noch nicht wirklich an die Themen der Arbeit heranwagt, sie beschäftigen einen doch und schaffen Unruhe. Bei genauer Betrachtung beginnt der Urlaub rund fünf Tage nach dem Eintreffen am Erholungsort und er endet circa drei Tage vor der Abreise. Dazwischen liegt Entspannung. Und wer davon reichlich benötigt, sollte eine lange Reise planen.

Richtig erholen kann man sich am besten dort, wo man von der Vielfalt der Eindrücke, im wahrsten Sinne des Wortes, gefesselt wird. Wo das Fremde in der Sprache, in der Kultur, in dem Anderssein der Menschen, und das Unbekannte der kulinarischen Angebote, überrascht. Sich damit zu beschäftigen hilft nicht nur beim Abzuspannen;  es sichert ein schnelles Ankommen in der Fremde.

Einigen von uns gelingt der schnelle Sprung ins Paradies - für andere aber ist es aber ein gewaltiger Satz über den Tellerrand. Ausbrechen aus dem Gewohnten ist nur möglich, wenn man sich dem Unbekannten nicht verschließt. Doch genau damit haben wir Deutschen die größten Probleme. Wir sind Gewohnheitstiere und organisieren unseren Alltag aus dem Gewöhnlichen. Wir sichern unseren Platz am Frühstückstisch, die Sonnenliege am Pool wird schon vor dem Aufstehen okkupiert. Wir sehen 'ARD' und 'ZDF', wir lesen die 'FAZ', die 'Welt' und im Urlaub sogar regelmäßig die 'BILD'. Wir mokieren uns über die Klamotten der Nachbarn, über das Geschrei deren Kinder, jammern über das Wetter und den Zustand des Mietwagens. Unerträglich finden wir das Essen, die Eier sind nicht hart genug, das Brot schmeckt anders, der Kaffee sowieso und überhaupt finden wir alles zum Kotzen. Beim Geruch einer Fischsuppe gehen wir an die Decke; Koriander, Oregano und Chili gehören nicht ins Essen. Salz, Pfeffer und Maggi tut's ja auch.

Je näher unser Urlaubsgebiet an der Heimat liegt, desto unnachgiebiger sind wir bei der Bewertung der äußeren Umstände. Vielleicht ist dies der Grund warum die Gewöhnlichsten unter uns gerne dorthin reisen, wo die Umstände ihrem Zuhause am nächsten kommen: nach Österreich, in die Tschechei, nach Holland und Mallorca. Dort muss man sich nicht verbiegen; man wird verstanden, das Bier schmeckt wie zu Hause, die Gläser sind randvoll, der Fisch kommt aus der Dose wie das Gemüse zu Hause eben auch. Man ist unter Seinesgleichen, man kann mitreden, die Themen sind die gleichen wie in der Heimat. Wird man mal nicht verstanden, dann wird nicht lange herumgefackelt: aus einem verbalen Gehake wird schnell eine links -rechts Kombination. Nur so zum Verständnis - danach ist alles wieder beim alten, man versteht sich wieder.

Warum eigentlich muss man dafür vereisen. Alles kann man zu Hause nicht nur billiger haben - man schläft nebenbei auch noch in seinem eigenen Bett. Wenn der Urlaub zur Qual wird, ja dann sollte man doch lieber zu Hause bleiben. Es gibt sie, diese ewigen Nörgler, die mit nichts zufriedenen sind, die mit ihrem Unmut unbeteiligte Mitreisende anstecken, die miesgelaunt in die Gegend schauen, denen es beim Essen grundsätzlich schlecht wird. Denen es speiübel wird, wenn sie Trockenfrüchte auf dem Frühstücksbuffet sehen, die sich vor einem guten Stück Käse genauso ekeln wie vor einem Seeteufel-Eintopf.

Portugal ist durch sein Anderssein in Europa das entfernteste was wir erreichen können. In der Kultur des Alltags ist dieses Land einmalig. Wer es mit seinem unwiderstehlichen Charme kennenlernen will, muss unter in die Menschen, muss auf deren Märkte, muss deren Feste besuchen; muss riechen, schmecken und fühlen. Nur so erschließt sich das Fremde, das Unbekannte.

In Belgien, auf Mallorca und anderswo ist es auch schön. Wer unter Seinesgleichen glücklich ist - warum nicht dorthin. Wer die Maggi Flasche auf dem Mittagstisch sehen will, sollte am besten zu Hause bleiben. Andere nutzen die Ferien zum Erholen; sie dabei zu stören ist ja auch nicht gerade die feine Art.

Man kann sich ihnen leider nicht entziehen. Nicht am Fünfsterne Pool, nicht auf dem Golfplatz. Die Deutschen, meine geliebten Landsleute, sind in der Fremde manchmal schwer zu ertragen. Selbst beste Freunde entpuppen sich dort mitunter als reflexionsarme Spießer.

In diesem Sinne beste Grüße aus der geliebten Ferne.

Michael