Michael Schultz Daily News Nr. 735

Michael Schultz Daily News Nr. 735

Praia da Falesia, den 1. August 2014

Liebe Freunde,

nach der friedlich verlaufenden Revolution im Jahre 1974 wurden in schnellem Tempo Portugals kostspielige Kolonien in ihre Unabhängigkeit entlassen. Dazu gehörten noch im selben Jahr Guinea, und im Jahr darauf wurden die Provinzen Angola, Mozambique, die Kapverdischen Inseln sowie die ebenfalls vor Westafrika liegenden Inseln São Tomé und Principe aus portugiesischer Herrschaft entlassen.  Ebenfalls 1975 wurde Timor in die Unabhängigkeit geschickt, das Land wurde aber sofort von Indonesien besetzt und erst nach jahrzehntelangen Guerillakämpfen im Mai 2002 unabhängig.  Macao stand noch bis 1999 unter portugiesischer Verwaltung und wurde danach an die Volksrepublik China zurückgegeben. Die Spuren der einstigen Kolonialherren sind dort, aber auch anderswo in den ehemaligen Besetzungen, bis in die heutige Zeit sichtbar. Neben Kantonesisch ist Portugiesisch nach wie vor die Amtssprache in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Macao. Weite Teile in Mozambique, besonders in den Städten und auf der zur Residenzstadt der Besetzer umfunktionierten Ilha de Moçambique, erinnern die Überreste großbürgerlicher Prachtbauten an den einstigen Wohlstand der Besetzer. Wegen ihrer besonderen Architektur wurde die 1,5km² große Insel 1991 in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. 

Zuhause in Portugal installierten die Militärs eine Übergangsregierung, es wurden Parteien und Gewerkschaften zugelassen und aus dem Exil im Ausland kehrten Oppositionspolitiker zurück. Genau ein Jahr nach der Nelkenrevolution wurden ordnungsgemäße freie Wahlen abgehalten. Die politische Neuordnung aber gestaltete sich sehr schwierig, weil durch die aus den Kolonialkriegen resultierenden wirtschaftlichen, sozialen und außenpolitischen Probleme kaum überwindbar erschienen. Auch die Gegensätze zwischen links- und rechtspopulistischen Parteien erschwerten die Bildung einer stabilen Regierung. Zwischen 1976 und 1987 gab es 14 Regierungswechsel; allesamt Koalitionen, die wenig Bestand hatten. In den großen Parteien allerdings war man sich darüber einig, dass Portugals Zukunft nur in einem europäischen Verbund bestehen kann.

Zunächst hatte es noch den Anschein, als würde Portugal als erstes westeuropäisches Land einen sozialistischen Weg einschlagen: Agrarland, Banken, Versicherungen und große Industriebetriebe waren zunächst verstaatlicht, wurden aber später wieder in private Hände zurückgegeben. Die wirtschaftliche Situation war recht schwierig, auch deshalb, weil hunderttausende Flüchtlinge aus den ehemaligen Kolonien aufgenommen wurden. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und akute Wohnungsnot schufen schwerwiegende Probleme.

Nach dem Beitritt zur Europäischen Union 1986 stabilisierte sich die politische Lage, und ein spürbarer wirtschaftlicher Aufschwung setzte ein. Ab 1987 regierten für acht Jahre die Liberal-Konservativen, die das neue, nachkoloniale Portugal entscheidend prägten. Anschließend waren sieben Jahre die Sozialdemokraten an der Macht, dann wieder die Konservativen unter Manuel Barroso, der später Präsident der EU-Kommision wurde. Seit 2011 haben die bürgerlich-liberalen wieder das Sagen, die mit ihrer strengen und im Land ungeliebten Sparpolitik Portugal jüngst aus der Zwangsjacke des internationalen Währungsfonds führte. 

Heute stabilisiert sich die Situation, wenn auch aktuelle Schlagzeilen der Bankenpleite der angesehenen Privatbank 'Banco Espirito Santos' das Land erneut ins Gerede bringt. Doch diese Probleme sind hausgemacht und haben keine Ursache in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Es geht wieder aufwärts und zwar noch verhalten, aber immerhin gehört dieser Trend zur derzeitigen Grundstimmung im Land.

Der vom Schicksal verordneten Melancholie folgt eine zaghafte Euphorie, die der immer wieder zerrissenen Grundstimmung für einige Zeit Hoffnung für eine an alte Glanzepochen erinnernde Zukunft verspricht. Die Portugiesen leben und lieben aus und in ihrer Vergangenheit; ohne die Kraft daraus gibt es keine Zukunft. Was dann bleibt ist der alles vereinende Fado, mit seiner nicht abwendbaren, rückwärtsgewandten Sehnsucht. Wehmut und Melancholie, Heimweh und Fernweh, Trauer und Liebe, Pracht und Niedergang - Attribute einer Volksseele die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. 

Über Portugal gäbe es noch vieles zu berichten: über die aus den Trümmern des Erdbebens von 1755 entstandenen Straßenmosaike Lissabons; über die großen kulturellen Schätze vom Altertum bis in die heutige Zeit; über die allgegenwärtig anzufindenden Fliesengemälde, die ihren Ursprung aus der persischen Kultur haben, und über all die kulturellen Einflüsse, die die großen Weltentdecker um Vasco da Gama mit nach Hause brachten.  Auch darüber, dass Portugiesisch derzeit von 233 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird, und damit die Nummer acht unter den Weltsprachen ist. Vieles hätte es auch noch zu Brasilien und Westindien zu sagen gegeben; zu Pfeffer, Zimt, Gold und Perlen; zum 'Girl from Ipanema', der Musik, die dem Zuhörer ins Ohr geflüstert wird. Ein Lied in dem das Vorübergehen einer gutaussehenden Frau beschrieben wird. Kein Fado - ein Bossa Nova,  dessen Ursprung sich in Portugal befindet, und dessen Geschichte portugiesischer nicht sein kann.

Die (Liebes-) Geschichte zu einem außergewöhnlichen Land wird ab heute unterbrochen. Doch niemals wird sie zu Ende gehen. Portugal die Schöne geht vorüber wie einst das Mädchen von Ipanema; wer es einmal erlebt hat, den führt die Sehnsucht immer wieder zurück.

Zuspruch, Korrektur und Empfehlungen gab es reichlich zu den Briefen aus Portugal. Keiner dieser Hinweise wurde beantwortet. Dafür fehlte die Zeit. Ab Montag tauchen wir auf, zurück in die Wirklichkeit. Der Inhalt des Newsletters wird sich dann wieder dem Tempo der Nachrichten anpassen. Die Themen ändern sich; es wird wieder aktueller. 

Zu guter Letzt noch eine Meldung aus Korea: Yusob Kim wurde gestern mit dem Traumergebnis von 16:1 Befürwortungen zum ordentlichen Professor für Malerei an der berühmten Chosun Universität von Gwangju ernannt. Von ganzem Herzen und mit tiefer Verbeugung gratulieren wir.

Ebenfalls gestern wurde im 'World Art Museum in Shanghai' die Ausstellung 'NEO Expressionism German Art' eröffnet; in ihr gezeigt werden Arbeiten der wichtigsten deutschen Künstler der letzen dreißig Jahre. Unter ihnen Georg Baselitz, A.R. Penck, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Rainer Fetting, Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, Neo Rauch, und aus unserem Programm Cornelia Schleime, Maik Wolf, SEO, Andy Denzler und Bernd Zimmer.

In der gerade erschienenen aktuellen Ausgabe des Berliner Kulturmagazins Tip wird in Wort und Bild über die beiden Ausstellungen von Malgosia Jankowska und Johanna Flammer euphorisch berichtet. Nachzulesen im Newsticker unter .

Gestern Abend auch wurde in Eschborn über die Kunst von Helge Leiberg diskutiert; der Künstler saß mit auf dem Podium und begeisterte mit dem beharrlichen Schweigen über die Geheimnisse seiner Intuition.  

Schönes Wochenende.

Michael 

 

tags