Michael Schultz Daily News Nr. 734

Michael Schultz Daily News Nr. 734



Praia da Falesia, den 31. Juli 2014

Liebe Freunde,

in der Nacht von 24. auf den 25. April 1974, kurz nach Mitternacht, sendete eine katholische Radiostation das verbotene Lied 'Grandola Vila Morena' des oppositionellen Sängers Jose Afonso. Eine Kommandoeinheit der portugiesischen Armee hatte den Sender unter seine Kontrolle gebracht und dieses Lied, das von dem zentralportugiesischen Landarbeiterstädtchen Grandola, der 'dunklen Stadt, in der das Volk regiert', erzählt, zur verabredeten Zeit ausgestrahlt. Nur wenige hörten es zur späten Stunde im Radio, aber die eingeweihten wussten Bescheid: es war das Startsignal für den Putsch gegen die verhasste Nachfolgeregierung des Diktators Antonio Salazar. Am frühen Morgen des 25. April beendete ein Putsch, an dem zunächst kaum mehr als 1000 Soldaten teilgenommen haben, ein jahrzehntelanges Regime. Als Nelkenrevolution ging sie in die Geschichte ein, es war ein friedlicher Umsturz, der ausgelöst von einem kleinen Teil der Bevölkerung und dem  Militär dem Land die langersehnte Demokratie brachte. In diesem Jahr feiert der Aufstand sein 40. Jubiläum und überall im Land wird mit Gedenkausstellungen daran erinnert. Eine bemerkenswerte Ausstellung ist derzeit in einer ehemaligen Kirche im Algarvestädtchen Loule zu sehen.

Nach Ausstrahlung des 'Revolutionsliedes' setzten sich die Truppen, die vor Lissabon standen in Bewegung. Ohne nennenswerten Widerstand wurden Regierungsgebäude, Zufahrtsstraßen, öffentliche Plätze, Kasernen, Radiosender und der Flughafen friedlich besetzt. Die Putschisten hatten ihren Schlag anscheinend gut vorbereitet; um 3 Uhr in der Früh war das gesamte Zentrum Lissabons unter ihrer Kontrolle. Auch in anderen Teilen des Landes hatten Armeeeinheiten, die sich nach und nach dem Putsch angeschlossen hatten, strategisch wichtige Positionen besetzt. Zunächst konnten sich weite Teile der Landbevölkerung keinen Reim darauf machen, wer denn da überhaupt putschte. Waren es linksorientierte junge Offiziere oder rechtsgerichtete Militärs? Erst im Laufe der nächsten Tage wurde deutlich, dass der Aufstand von den jungen Militärs ausging. 

In Lissabon waren am Vormittag des Revolutionstages die Straßen menschenleer; auch die Busse fuhren so gut wie ohne Fahrgäste. Im Stadtzentrum wimmelte es von Soldaten, die nachdem die Bevölkerung die Absicht derer erkannte, von den Menschen umarmt und als Helden gefeiert wurden. Überall kam es zu Massendemonstrationen: die Straßen waren urplötzlich schwarz vor Menschen, die den Millitärs zujubelten. Auf der Praça do Comércio, wo die Ministerien ihren Sitz hatten, kamen bei der Belagerung der Gebäude Zivilisten den Soldaten zu Hilfe und konnten zusehen wie sich die Mächtigen ergaben.

In der Oberstadt, am Chiado, wo das Hauptquartier der Republikanischen Garde war, verschanzten und verrammelten sich die wegen ihrer brutalen Unterdrückungsmethoden berüchtigten Regierungstreuen Geheimmilitärs hinter schweren Türen. Von den versammelten Menschen wurden sie per Megaphon zur Aufgabe überredet, nach kurzer Zeit gaben die Umzingelten auf und unter lautem Gegröle der Bevölkerung verließen sie alsbald ihre Kaserne. Die Autofahrer veranstalteten Hupkonzerte, die Bevölkerung teilte mit dem Militär die Zigaretten, sie sangen und steckten den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe. Mit Nelken in den Händen regelten die Militärpolizisten den Verkehr. Die Nelke wurde zum Symbol des Umsturzes, für das Anbrechen eines neuen Zeitalters. Mit ihr hatte die Revolution ihren Namen. 

Hinter dem Umsturz steckt eine Bewegung der Streitkräfte, in der sich schon lange Widerstand gegen die Kriege in den afrikanischen Kolonien Angola, Guinea und Mozambique formierte. Sie erkannten, dass diese Kriege wegen des vehement zunehmenden Drucks durch die Befreiungsbewegungen in Afrika nicht mehr zu gewinnen waren, dass die Zeit gegen Portugal arbeitete und dass politische Lösungen angestrebt werden mussten. Innerhalb des Militärs gab es kontroverse Konzepte wie sich das Land aus den Schlingen der Kolonien befreien konnte, einige der Wortführer wurden verhaftet, und der Generalsstabschef Spinola und sein Vorgesetzter Costa Gomes wurden entlassen. Es kam zu umfangreichen Verhaftungen, und auf diese musste das Militär reagieren. Als am 25. April 1974 um 0.30 Uhr das Erkennungslied ausgestrahlt wurde schlugen die 'Hauptleute', wie sie genannt wurden, zu. Sie konnten sich sicher sein, dass die meisten Portugiesen, die einen stillen Hass gegen Salazar und seinen Nachfolger Caetano hatten, hinter ihnen standen. 

In der Hochzeit der afrikanischen Kolonialkriege verschlungen die Militärausgaben 40% des Staatshaushaltes. Die Opposition und immer mehr Militärs formierten sich gegen diesen Wahnsinn, und revoltierten gegen die Sinnlosigkeit der kostspieligen Kolonialkriege. Die fast unblutige Nelkenrevolution beendete eine insgesamt 48 Jahre andauernde Diktatur.

Morgen beschäftigen wir uns mit der Situation von 1974 bis in die heutige Zeit. Zum Schluss bitten wir noch um einen Blick auf den Newsticker unserer Webseite. Dort platziert wurde ein Monopol- Interview zu Helge Achenbach; eine 'Art' Reportage über unseren Künstler Damian Stamer, und eine Ausstellungsbesprechung der Stuttgarter Zeitung, in der die Ausstellung 'Hängung #12 - Welten träumen' im Privatmuseum Kunstwerk Klein in Eberdingen mit Fokus auf Sabina Sakoh betrachtet wird. 

Beste Grüße.

Michael