Michael Schultz Daily News Nr. 731

Michael Schultz Daily News Nr. 731

Praia da Falésia, den 28. Juli 2014
 
Liebe Freunde,
 
nachdem zum ersten Teil der kleinen Serie über Portugal enormer Zuspruch in die Redaktion flatterte, wollen wir heute damit fortfahren und beginnen, uns mit den kulinarischen Gepflogenheiten des Landes zu beschäftigen.
 
Für die Portugiesen beginnt der Tag in der Regel mit einem starken Kaffee und einem speziell gefertigten Vanille-Sahnetörtchen. Die 'Pasteis de Nata' sind die süßeste Versuchung, die es gibt, sie haben hohes Suchtpotential. Man muss sich schon sehr zusammennehmen, um davon nicht mehr als drei zu sich zu nehmen. Sie bestehen aus Blätterteig, Vanillepaste, Milch, Schlagsahne, Maismehl, Zucker und Eigelb, und jeder Confiseur hat dazu dann noch kleine Geheimisse, die er in die Backmischung beigibt.
 
Ein Großteil der im Land verkauften Törtchen werden in Lissabons berühmtem Vorort Belém verspeist. Warm und frisch kommen sie dort zu jeder Tageszeit aus dem Ofen. In der 'Antiga Confeitaria de Belém' werden Tag für Tag zwischen 10 und 15.000 dieser kleinen Törtchen verkauft. Lange Schlangen bilden sich für das Zuckersüßobjekt der Begierde. Aber auch in den Innenstadtcafés gibt es die feinen Törtchen überall und in bester Qualität; erwähnenswert sei das 'Café National', die Backwaren von dort haben ohnehin Kultstatus.
 
Über die ehemaligen Kolonien Brasilien, Macau und Mozambique haben die Natas die Welt erobert. Mittlerweile gibt es sie fast überall; seit gut zehn Jahren sind die 'pu shi dan ta', wie sie auf Chinesisch genannt werden, auch in China zu haben. Auf der Expo 2010 in Shanghai verkaufte der portugiesische Pavillon tagtäglich annähernd 20.000 Stück. In den schlimmen Zeiten der Staatskrise erwog die portugiesische Regierung sogar, zur Gesundung der Staatskasse den Export der Spezialität zu fördern. Doch auch ohne Hilfe des Staates hat das Törtchen die Welt erobert - am besten schmeckt es aber in Portugal.
 
Ein weiterer Exportschlager ist der Portwein. Die berühmtesten Weinsorten kommen aus dem Oberlauf des Douro im Norden des Landes. Dort befindet sich das älteste, gesetzlich geschützte und abgegrenzte Weinbaugebiet der Welt. Zum besonderen Geschmack des Weines tragen die Schieferböden bei. Der Schiefer liegt dort nicht wie sonst in den Weinbaugebieten in horizontaler Richtung, er bricht in einem Winkel von 60-90 Grad zum Erdinneren ab. Tagsüber lässt das Gestein die Sonnenstrahlen nicht zu tief ins Erdreich eindringen, so dass im feuchten Boden die Bakterien gut gedeihen können. Nachts stellt der gebrochene Schiefer ein Wärmekissen für die Reben dar. Das Weinanbaugebiet wurde 2001 zum Weltkulturerbe ernannt.
 
Portwein, dessen Name sich von der Stadt Porto ableitet, wird aus teilvergorenem Rotwein hergestellt, der mit hochprozentigem Branntwein versetzt wird. Das Verhältnis dabei sind 3/4 Wein zu 1/4 Hochprozentigem. Durch den hohen Alkoholgehalt des Branntweines wird die Gärung unterbunden, so dass eine starke und recht zuckerhaltige Mischung entsteht. Diese wird dann in Holzfässern zwischen zwei und fünfzig Jahren gelagert. Wenn die Reifungsbedingungen eines Jahres ideal sind, wird dieser als Jahrgangsportwein (Vintage) verkauft. Dazu wird der Wein nach 2 bis 3 Jahren aus dem Fass genommen, in Flaschen abgefüllt, und darin benötigen sie noch mal rund 15 Jahre für eine optimale Flaschengärung. Die Vintage-Weine sind in der Regel süßer als die im Holzfass durchgereiften Weine.
 
Großabnehmer für den Portwein ist Frankreich, alleine in den ersten 5 Monaten im Jahr 2013 wurden dorthin 8,6 Millionen Flaschen geliefert. Im Vergleich dazu liegt Deutschland mit 1,1 Millionen Flaschen am unteren Ende. Die Portugiesen selbst trinken den Portwein nur zu besonderen Anlässen, für sie war es immer schon eine besondere Geste, diesen ihren Gästen anzubieten.
 
Morgen wollen wir einen tieferen Blick in die Küche der ehemals weltberühmten Seefahrernation wagen. Vieles von dem, was heute auf den Tisch kommt, wurde auf den Barkassen der Weltmeere kreiert.
 
Beste Grüße

Michael
 

 

tags