Michael Schultz Daily News Nr. 728

Michael Schultz Daily News Nr. 728

Praia da Falesia, den 23. Juli 2014

Liebe Freunde,

richtig im Urlaub anzukommen dauert mitunter recht lange. Vieles aus dem beruflichen und persönlichen Alltag wird mitgenommen und in den ersten Urlaubstagen verarbeitet. Unsere Gier nach Informationen aus der Heimat ist kaum zu befriedigen, wir schlingen die Berichte in uns hinein, als wären wir gar nicht von zu Hause weg. Erst dann, wenn zwar noch die Heimatzeitungen auf den Tisch kommen, sie aber nur noch durchgeblättert werden, beginnt die wirkliche Erholung. Wir beschäftigen uns mit den Begebenheiten unserer Urlaubsorte, interessieren uns für die Umgebung unserer Behausungen und tauchen in die Kultur der Fremde ein. Es wird Zeit, den ganzen Ballast an bedrückenden Informationen hinter sich zu lassen, der Fernseher bleibt aus, lieber sitzen wir am Abend auf dem Balkon und schauen in die Ferne. Unsere Blicke schweifen ins Unendliche, und daraus schöpfen wird die Kraft zum Erholen. Unter diesen Bedingungen verzichten wir für einige Tage auf die Katastrophenweltmeldungen und beschäftigen uns ausschließlich mit der kulturellen Vielfalt unseres Urlaubslandes Portugal.   

Wer einmal dort gewesen ist, kommt in der Regel immer wieder. Man kann gar nicht anders. So zumindest sieht es die eingefleischte Fangemeinde, die ihre Sommerurlaube grundsätzlich im Süden des Landes verbringt. Dort gibt es kilometerlange Sandstrände, an denen man an ausgewählten Abschnitten selbst im Hochsommer kaum Menschen antrifft. Das Gros der Sonnenhungrigen begibt sich an die 'bewirtschafteten' Strandabschnitte, dorthin wo man sich den Liegestuhl und den Sonnenschirm dazu ausleihen kann. Anscheinend sind wir halt doch Herdentiere, wir bevorzugen die Masse und fühlen uns in ihr recht wohl. Später dann, zu Hause wieder angekommen, berichten wir unseren Freunden von den unerträglichen Menschenmengen, denen wir nur mit Mühe entfliehen konnten. Wer allerdings aus Portugal zurückkehrt, der sieht das differenzierter. An den Strandabschnitten dort sieht man die sonst im Süden zum Landschaftsbild gehörenden Bettenburgen kaum. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum der Portugalurlaub in der Nachbetrachtung immer ein wenig erholsamer beschrieben wird. Kurz nach der friedlich verlaufenden 'Tulpenrevolution' verordnete die Politik ein bis heute nur eingeschränkt geltendes Bauverbot im Umkreis von 300 Metern zur Küste.

Ein Urlaub an der Algarve gehört wohl zum schönsten, was wir Mitteleuropäer uns erträumen können. Im Frühjahr verwandelt die Mandelblüte mit ihrer schneeweißen Baumpracht die Landschaft in ein einzigartiges Blütenmeer. Im Sommer gibt es dort Sonne im Überfluss; auch mit der Grund, warum dort die ausgetrocknete Landschaft Jahr für Jahr von teils verheerenden Waldbränden heimgesucht wird. Mit 3000 Sonnenstunden im Jahr gehört Portugal zu den sonnenreichsten und wettersichersten Regionen unserer Erde.

Doch nicht nur die Sonne ist es, die uns in den südwestlichsten Zipfel Europas lockt. Es ist dieser einzigartige Mix aus der Landschaft mit der roten Erde, den Menschen mit dem liebevollen Gemüt und den weiten Hängen mit den Feigen- und Johannisbrotbäumen. Es sind die üppigen Mandel- und Pfirsichplantagen, die roten Mohnwiesen, der süßliche Duft der aus den Orangenplantagen weht, es ist das andauernde Zirpen der Zikaden.

Die Algarve ist ein rund 160 Kilometer langer und bis 50 Kilometer breiter Küstenstreifen, der sich von der spanischen Grenze bis zum Atlantik am westlichen Punkt Europas hinzieht. Sein Name kommt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie 'der Westen'. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Lage Südportugals innerhalb des einstigen arabischen Herrschaftsbereiches.  Die Mauren sind es gewesen, die den Landstrich während ihrer 500 Jahre andauernden Besetzung geprägt haben. Bis in die heutige Zeit hinein sind deren Spuren in der Architektur, der Sprache und in den Trachten sichtbar. Im 15. und 16. Jahrhundert spielte die Algarve eine bedeutende Rolle im Weltgeschehen: Heinrich der Seefahrer gründete in Sagres ein Wissenschaftszentrum und schuf mit systematischer Erforschung die Grundlagen für die großen Weltmeerbesegelungen und Entdeckungsfahrten, die von der Algarveküste Portugals Aufstieg zur Weltmacht ermöglichten. Noch heute sind in den Ruinen des mittelalterlichen Instituts die Spuren seiner Systematik sichtbar.

Doch Portugal lebt nicht nur von seiner prachtvollen Geschichte, von den weiten Stränden und seiner üppigen Flora. Portugal lebt im Besonderen von der Seele seiner Bewohner, deren Sehnsüchte, Melancholie und Wehmut in ihren Fado Gesängen festgeschrieben sind. Ihre Gefühlswelt wird dort mit dem Wort 'saudade' umschrieben und bedeutet so viel wie eine Seelengrundstimmung, die eine rückwärtsgewandte Sehnsucht umschreibt. 

Die Begegnung mit diesen tiefenentspannten und voll von Melancholie beseelten Menschen verursacht die Sucht, die uns immer wieder nach Portugal treibt. Wenn auch der Tourismus das Tempo im Land verändert hat,  ist dieser liebevolle Menschenschlag noch immer allgegenwärtig.

Kapitel für Kapitel wollen wir in den kommenden Tagen das Land und seine Leute detaillierter beschreiben. Für morgen ist der 'Fado' mit seinen vielen Facetten vorgesehen. In ihm steckt die liebesvolle Lebens- und Leidensgeschichte aller Portugiesen.

Bis morgen, mit besten Grüßen.

Michael 

 

 

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