Michael Schultz Daily News Nr. 724

Michael Schultz Daily News Nr. 724

Wien, den 17. Juli 2014

Liebe Freunde,

ungewöhnliche Ereignisse erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Am späten Nachmittag gestern ereilte mich der Ruf nach Baku, auf dem Weg dahin kommt der Newsletter heute von der Zwischenlandung in Wien. Aus diesem Grund können die aktuellen Themen nicht wie üblich beleuchtet werden; manchmal geht das einfach nicht anders. Unser Anspruch ist das tägliche Erscheinen gegen 11 Uhr. Dieser Termin steht über allem. In der Regel sind darin die aktuellsten News aus aller Welt beleuchtet, zeitnaher geht es kaum noch. Eine Stunde Zwischenlandung reicht zur Recherche heute allerdings nicht aus. Dafür wollen wir uns nochmal ein wenig intensiver mit dem Fall des Kunstberaters Helge Achenbach befassen.  

Um es vorweg zu nehmen: ohne seine Aktivitäten sähe das Stadtbild in Düsseldorf heute völlig anders aus. Nicht wenige der eindrucksvollen Außenskulpturen sind auf seine Initiative platziert worden. Kein anderer in unserem Lande hat die Überzeugungskraft von Achenbach, der mit seinem kumpelhaften Umgarnung so manchen Wirtschaftsführer zu Investitionen in Kunst bewegte. Die Liste seiner Kunden liest sich wie das Who is Who der deutschen Industrie.

Achenbach gilt als Tausendsassa des rheinischen Kunsthandels, jeder der was auf sich hielt ließ sich von ihm beraten; man zählte sich gerne zu seinem Freundeskreis. Zu seinem Künstlerstamm gehören Gerhard Richter, Tony Cragg, Günther Uecker, Andreas Gursky und viele weitere. Eine Betrugsanzeige der Witwe des Aldi-Nord Erben, Berthold Albrecht, brachte ihn am Pfingstmontag in den Kerker.

Vieles, besonders viel spekulatives, ist mittlerweile über ihn geschrieben worden. Die FAZ widmete ihm am vorvergangenen Sonntag gar zwei große Artikel in einer Ausgabe. Dabei wurden viele Dummheiten über die Praktiken im Kunstmarkt geschrieben. Auch die anderen von der 'Süddeutschen' über 'Monopol' bis hin zum 'Spiegel' haben großflächig berichtet. Gleichsam in einem Tenor, die spärlichen Informationen reichten der seriösen Presse aus, um den Verhafteten per Schnellentscheid abzurichten.

Einzig der 'Informationsdienst Kunst' geht in seiner Ausgabe vom 10. Juli in die Tiefe. Für die Kunstmarktexperten gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung ohnehin die im Grundgesetz festgeschriebene Unschuldsvermutung. 'Wann es zur Anklage kommen wird, ob überhaupt steht in den Sternen', schreibt der Branchendienst. Bei den Vorwürfen der Aldi-Witwe geht es um verdeckte Preisaufschläge, die Achenbach in seine Kalkulation eingebaut haben soll. Angeblich soll er sowohl von Albrecht als auch von den Anbietern Provision kassiert haben. 'Kickback' soll Achenbachs Marge verbessert haben. Zwischen Albrecht und ihm wurden angeblich Provisionen zwischen drei und fünf Prozent vereinbart.  Mit diesen geringen Margen, das ist jedem Kenner der Szene klar, konnte er nicht zurechtkommen.  Bei den mitunter hohen Recherche-, Reise- und Beschaffungskosten, werden mit einer drei prozentigen Marge bei einem Warenwert von 2 Millionen Euro gerade mal 60.000 Euro erwirtschaftet. Das reicht hinten und vorne nicht.

Was auch immer zwischen Achenbach und seinem Kunden verhandelt wurde, beiden muss dabei klar gewesen sein, dass Achenbach ohne eine Verkäuferprovision niemals auf seine Kosten kommen konnte. Gut möglich, dass es darüber eine stilschweigende Vereinbarung gab. Ohnehin wurden viele Deals im Hause Achenbach ohne schriftlich fixierte Verträge ausgeführt, der Handschlag galt.  

Achenbachs Anwälte ließen verlautbaren, dass die 'Grundlage der Geschäfte zwischen Berthold Albrecht und Helge Achenbach im wesentlichen mündliche Vereinbarungen waren'. In einigen wenigen Fällen wurden Schriftstücke auf Wunsch von Albrecht so angefertigt, dass die in die Verhandlungen nicht involviere Ehefrau über den Umgang der mit Achenbach vereinbarten Vergütung im Unklaren blieb. Berthold Achenbach hatte kein Interesse, seiner Ehefrau einen näheren Einblick zu geben. Eine Manipulation von Originalrechnungen hat nicht stattgefunden'.  

Aus einer Presseerklärung der Achenbach-Familie ist zu lesen, dass 'die von Frau Babette Albrecht erhobenen Behauptungen offenbar auf rein persönlichen Motiven beruhen'. Es sei hinlänglich bekannt, heißt es darin weiter, dass die Herren Achenbach und Albrecht bis zu dessen Tode eine enge freundschaftliche Beziehung verband. Die Familie ist sehr zuversichtlich, dass sich 'bei einer weiteren Sachaufklärung herausstellen wird,' dass die Vorwürfe unberechtigt seien und den Albrechts keinerlei Schaden zugefügt wurde.

Achenbach hatte Albrecht nicht nur Kunstwerke vermittelt; für rund 70 Millionen Euro besorgte er ihm handverlesene und seltene Oldtimerkarossen. Der Schaden soll sich laut Aldi-Witwe auf 18 Millionen Euro belaufen. Wie die Summe zustande kommt, darüber wird jetzt viel spekuliert. Bei den unterschiedlichsten Vorwürfen wird auch immer wieder von 'Eifersucht und Sammlerwahn' (Informationsdienst Kunst) gesprochen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. Zum Überleben konnte die Aldi-Marge kaum reichen. Nicht ohne Grund liegt die Maklercourtage im Immobilienmarkt bei rund sechs Prozent. Immerhin das Doppelte was der Aldi-Knauser seinem Freund Achenbach gegönnt hatte. 

Gut möglich, dass das Verfahren am Ende wegen Geringfügigkeit eingestellt wird. Achenbachs Ansehen allerdings ist unwiederbringlich beschädigt. Wie weiland beim Ex-Präsidenten Christian Wulff. Sollte es so kommen, haben diejenigen, die heute mit erhobenem Zeigefinger durch die Redaktionsstuben rennen, bereits ihr neues Opfer. Zeit zum Nachdenken gibt es keine. 


Ohne unser Aufbauteam wären wir nichts. Die Ausstellung von Johanna Flammer steht, sieht gut aus, und die ersten Interessenten haben sich bereits bemerkbar gemacht. Am Samstag von 19 bis 21 Uhr findet die offizielle Eröffnung statt.

 

Gerhard Richter äußerte sich zum  Fall Achenbach sinngemäß  folgendermaßen: man musste bei Geschäften mit ihm schon ein wenig aufpassen. Dass er aber ein Betrüger sein soll, könne er sich nicht vorstellen. Wenigstens einer, der sich furchtlos gegen die neidvollen Besserwisser unter uns stellt.

Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas haben sich überraschenderweise nun auch die radikalen Gotteskrieger zu einer fünfstündigen Feuerpause bereiterklärt. Heute zwischen 10 und 15 Uhr sollen die Waffen ruhen, 'aus humanitären Gründen', wie es offiziell heißt. Am Dienstag hatte eine von Ägypten  vorgeschlagene Waffenruhe nur ganz kurz gehalten. 

Die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine haben sich nun verbindlich zu Gesprächen per Videokonferenz bereiterklärt. Die 'Telebrücke' soll heute um 18 Uhr Ortszeit beginnen. Über die Teilnehmer müsse allerdings noch gesprochen werden. EU und USA wollen ihre Sanktionen gegen Russland verstärken. Russlands Präsident Putin hat dafür die USA kritisiert, er warnt vor einem 'Bumerang-Effekt'. Unternehmen wie beispielweise Exxon-Mobil, die in Russland Geschäfte machen wollen, würden mit der US-Sanktionspolitik ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren. 

Angela Merkel wird heute 60 Jahre alt. Dazu hat sie rund 1000 Gäste in die CDU-Zentrale eingeladen. Viel geredet werden soll dort nicht, vom SPD-Chef Gabriel wird ein Grußwort gehalten, und der Historiker Jürgen Osterhammel spricht zum Thema 'Vergangenheiten: über die Zeithorizonte der Geschichte'. Sie mags halt gerne philosophisch. Heute, an ihrem Ehrentag wäre alles andere unangebracht. In Brasilien, bei der WM-Elf, hatte sie eine wirklich gute Figur gemacht. Wünschen wir ihr noch viele Begegnungen mit den Ballakrobaten. Hinterher wirkt sie immer ein wenig verklärt, und das bringt sie uns so nahe.

Morgen früh wird der Newsletter auf dem Rückflug, während des Zwischenstopps in Istanbul verfasst. Bis dahin beste Grüße.

Michael