Michael Schultz Daily News Nr. 720

Michael Schultz Daily News Nr. 720

Berlin, den 11. Juli 2014 

Liebe Freunde,

Cherno Jobatey hat es heute früh im Frühstücksfernsehen verraten: die Karriere eines gelernten Politikers beginnt bereits im Kreißsaal, und führt ihn über den Hörsaal in den Plenarsaal. Auch wenn es diese gerade Linie in nicht allen Politbiografien gibt, so ist dies doch  eine korrekte Beschreibung vieler Funktionärslaufbahnen. Nicht selten wundern wir uns über so manch lebensfremde Entscheidung unserer Staatsdiener, verdenken dürfen wir es ihnen unter dieser Erkenntnis nicht. Wer am Leben kaum teilgenommen hat, kann ja auch nicht viel davon wissen, wie es in den Tiefen der Wirklichkeit aussieht. Die Politiker verlassen sich auf Statistiken und berufen sich bei der Kritik an ihren Entscheidungen auf  wissenschaftlich fundierte Erhebungen. 

Um die Pflegekosten für die Alten in unserer Gesellschaft beispielsweise berechnen zu können, wird zurzeit in rund 40 speziellen Einrichtungen per Stoppuhr der zeitliche Aufwand für die Hilfe der Gebrechlichen erfasst. Die Zeiten für vorgegebene Verrichtungen wie z.B. beim An- und Ausziehen, beim Zähneputzen, bei der Verabreichung von Medikamenten, für die Bereitstellung des Essens, usw. usw. sind vorgegeben.  Jetzt geht es darum zu überprüfen, ob das, was auf dem Reißbrett entworfen wurde, im Alltag tauglich ist. Ein Zeitfaktor für persönliche Zuwendung ist im Kostenraster nicht vorgesehen. Wahrscheinlich aus gutem Grund. Die Peinlichkeit an dieser Studie ließe sich daran am besten ablesen, wie so manch anderer Schwachsinn unserer Saaldiener auch.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Mit dieser Weisheit geht die WM nun ihrem spannungsvollen Ende entgegen. Am Samstag (21 Uhr  ZDF) wird zwischen  Brasilien und Holland um Platz drei gekickt. Die Gastgeber wollen sich in dieser Partie mit einem Sieg für ihre Schmach im Spiel gegen Deutschland rehabilitieren. Gut möglich, dass das auch so geschehen wird. Louis van Gaal, ohnehin bekannt als schlechter Verlierer, hat keine Lust auf diese Begegnung. Für ihn sollten diese Matches aus dem Turnierkalender internationaler Wettbewerbe gestrichen werden.  Für die Fußballer gelte nur Platz Eins, argumentiert er.  Unterstützt  wird er von Arien Robben, der liebend gerne am morgigen Samstagnachmittag mit seiner Familie an der Copacabana flanieren würde. Irgendwie sind sie dann halt doch schlechte Verlierer; kurz nach dem Argentinien-Spiel war man noch stolz auf das Erreichte. Jetzt aber kommt die Angst vor einer weiteren Niederlage. Damit vergraulen sie ihre letzten Fans, die geschlossen zum Gegner überlaufen.

Am Sonntag dann das Finale. Haushoher Favorit ist Deutschland. Doch Vorsicht: die vorhergesagte Überlegenheit wird ausschließlich am 7:1 gegen Brasilien gemessen. Dass die deutsche Mannschaft auch anders spielen kann, hat sie z.B. gegen Algerien bewiesen. Am Sonntagabend (21 Uhr ARD) wird alles entscheidend sein mit welchem Gesicht das deutsche Team aufläuft. Natürlich hoffen wir auf ein super geiles Spiel mit einem haushohen Sieg unserer Truppe; sollte es wider Erwarten am Ende doch anders kommen, dann kullern bei den Spielern die Tränen der Erschöpfung, und die Fans verabschieden sich in ihren Gedanken mit den Traumtoren des Brasilien-Spiels von einem großartigen Fußballturnier. 

Im Konflikt zwischen der Hamas und Israel hat sich US-Präsident Obama als Vermittler angeboten. Die USA seien bereit, mitzuhelfen 'ein Ende der Feindseligkeiten' herbeizuführen. Heute früh wurde bekannt, dass sich libanesische Freischärler in den Krieg eingeschaltet haben. Eine erste Rakete wurde von libanesischem Staatsgebiet auf Israel abgefeuert. Nach erneuten und heftigen israelischen Luftangriffen auf den Gazastreifen ist die Zahl der Toten auf über 90 gestiegen, und annähernd 600 Menschen sind verletzt worden. Die Mehrheit der Opfer sind Zivilisten, darunter viele Kinder.  Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will keine Waffenruhe mit der Hamas. Radikale Forderungen der Siedler, die Stromversorgung für den Gazastreifen abzuschalten, wies  Netanjahu zunächst zurück. Alleine schon diese Möglichkeit beweist die Absurdität der gesamten Situation: die Israelis können, sofern sie dies wollen, im Gazastreifen das Licht abschalten. Auf lange Sicht kann dort nur dann Frieden einkehren, wenn die Augenhöhe zwischen den Völkern justiert wird. Dazu gehört in erster Linie die Oberhoheit über die jeweiligen Lichtquellen.

Die Bundesregierung zieht erste Konsequenzen aus den aktuellen Spionageaktivitäten der USA und hat den Repräsentanten der amerikanischen Nachrichtendienste an der Botschaft in Berlin aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Er soll die beiden mutmaßlichen Spione geführt haben. Die US-Regierung mahnt an, die Kooperation zwischen amerikanischen und deutschen Geheimdiensten fortzusetzen. Kanzlerin Angela Merkel kritisierte das Ausspionieren von Verbündeten als Vergeudung von Kraft. Unterdessen lässt BND-Chef Schindler seinen Dienst nach weiteren Maulwürfen durchsuchen. 

Sowohl die bewaffneten Separatisten in der Ostukraine, so vermeldet Amnesty International, als auch  Regierungssoldaten haben 'gravierende Menschenrechtsverletzungen' begangen. Es wird von Folter gesprochen, die sich nicht nur gegen die gegnerischen Militärs richtet, sondern auch eingesetzt wird, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Ukrainische Armee startete eine Großoffensive auf die Rebellenhochburgen, ihre Truppen rücken haben bereits die Rebellenhochburgen Donezk und Luhansk umstellt. Dort liefern sie sich erbitterte Gefechte mit den Separatisten. Dem Schrecken ein Ende zu bereiten, liegt nun in Putins Hand. Merkel und Hollande erhöhen den Druck auf ihn.

Bei einer Auktion in London wurde eine Zeichnung des italienischen Renaissancemalers Sandro Botticelli für umgerechnet 1,65 Millionen Euro versteigert. Die 'Studie für einen sitzenden Heiligen Joseph, den Kopf auf die rechte Hand gestützt' wurde von der letzten Besitzerin im Jahre 1988 für gerade einmal 53.000 Euro ersteigert. Das Aufbewahren hat sich gelohnt.

Der Leipziger Künstler Benjamin Badock bekommt den mit 12.500 Euro dotierten Sprengel Kunstpreis 2014. Begründet hat die Jury ihre Entscheidung damit, dass 'aus seiner ersten großen Werkserie mit dem Titel 'Plattenbauten', und den darin verborgenen Bezügen zur Kunstgeschichte, ein humorvoller Blick auf unterschiedliche Alltagssituationen' ausgehe. Alle zwei Jahre wird der Preis an Künstler mit einem Bezug zu Niedersachsen vergeben. Badock studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. 

Die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden wurden mit einem ansehnlichen Konvolut von Kokoschka-Zeichnungen bedacht. Insgesamt 80 Zeichnungen und Aquarelle aus dem Nachlass des Musikers und Kokoschka-Freundes Willy Hahn wurden dem Museum vermacht. Eine stolze Bereicherung des Museumsbestandes, in dem sich bereits einige Hauptwerke des Künstlers befinden.

Um die Begrüßungsparty für die Rückkehr unsers Nationalteams streiten sich Frankfurt und Berlin. Wenn es nach der Qualität des Personals ginge, dürfte eigentlich nur München in Frage kommen. Wir Berliner sehen das ganz uneigennützig.

Viel Spaß beim Match und ein erholsames Wochenende.

Michael